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Jakobswege durch die Schweiz, mit Literaturverzeichnis und Etappen

Jakobsweg nach Santiago de Compostela - ein deutscher Pilger erzählt

Dr. Walter Töpner hat den Jakobsweg bis Santiago de Compostela zu Fuß zurückgelegt und dabei unterwegs viele praktische Erfahrungen gesammelt, die nun in Buchform vorliegen. Gleichzeitig überlässt er den Besuchern der Wandersite ausgewählte Texte aus seinen Pilgerreisen, die wir gerne veröffentlichen. Herzlichen Dank!



„Wege der Jakobspilger“
von Deutschland nach Frankreich zum Camino de Santiago Das in drei Bänden vorliegende Fernwanderkonzept ist das einzige, das den Weg durchgehend von Magdeburg an der Elbe über Köln, Trier, Vézelay und Périgeux  bis zu den Pyrenäen beschreibt. Bald wird die von Magdeburg ausgehende Ostroute mit den Städte Berlin und Frankfurt an der Oder und Polen verbunden sein.

Alle Wegabschnitte, die Dr. Walter Töpner seinen Büchern beschreibt, ist er selbst gegangen. Insgesamt war er 15 Jahre auf europäischen Jakobsstraßen zu Hause und hat viele Wegerfahrungen allein und mit Mitpilgern gesammelt. Seine Bücher sind nicht nur ein Reiseführer im üblichen Sinne, die Kunst und Kultur in den verschiedenen durchwanderten Regionen nahe bringen wollen, sondern sie greifen auch die religiösen und praktischen Fragen auf, die sich einem Pilger unterwegs stellen, wie Unterkunft, Verpflegungsmöglichkeiten und Meditation. Durch Tipps und praktische Weghilfen wird der Reisende bei seinen Wanderungen unterstützt und wird genau über den Wegverlauf und die durchwanderten Landschaften informiert. Der Führer behandelt auch Sehenswürdigkeiten der Städte, Dörfer, Kirchen, Klöster Burgen und Schlösser und geht auf ihre Historie ein. Ein eigenes Kapitel gibt in kurzer und kompakter Form in einer Art zusammenfassendem Streckentelegramm zusammenfassend Auskunft über alle Wegabschnitte und jede Tagesetappe mit Kilometerangaben, Sehenswürdigkeiten und Übernachtungsmöglichkeiten
 

"Wege der Jakobspilger" Magdeburg - Köln, Band 1: Von der Elbe bis zum Rhein
Im Pilgerführer "Wege der Jakobspilger- Magdeburger Börde, Harz, Solling, Sauerland, Rheinland, Band 1, beschreibt der Autor erstmals in der Literatur den Weg aus dem Osten Europas von Magdeburg an der Elbe nach Köln/Bonn zum Rhein. Viele Wegmarken der Jakobspilger werden darin als Pilgerstationen beschrieben.
Deutschland/Frankreich : Band 2: Vom Rheinland nach Burgund (Köln-Vézelay)


"Wege der Jakobspilger" Köln - Vézelay, Band 2: Vom Rheinland nach Burgund
Für den Weg ab Köln bis Santiago de Compostela liegt vom selben Autor ein zweiter Führer vor, der im Paulinus Verlag, Trier erschienen ist:

Das Buch beschreibt den Weg durchgängig von Köln bis tief nach Frankreich hinein und steuert die von deutschen Pilgern im Mittelalter häufig begangene Vézelay-Route an.  Auf den 234 Seiten des Buches, das schon auf dem Einband einen Pilger und die Muschel zeigt, wird nicht nur auf das damalige Wegenetz im Rheinland, Eifel, Lothringen, Champagne und Burgund, sondern auch auf die historischen Hintergründe dieses Pilgerweges ausführlich eingegangen.  Das Buch will nicht nur ein Reiseführer im üblichen Sinne sein und Kunst und Kultur in den verschiedenen durchwanderten Regionen nahe bringen, sondern auch die praktischen Fragen die sich einem Pilger unterwegs stellen, wie Unterkunft, Verpflegungsmöglichkeiten behandeln. Ein eigenes Kapitel gibt in kurzer und kompakter Form in einer Art zusammenfassendem Streckentelegramm Auskunft über alle Wegabschnitte und jede Tagesetappe mit Kilometerangaben.  Besondere Sehenswürdigkeiten für Jakobspilger werden hervorgehoben (Spuren der Jakobspilger) und Hinweise auf Übernachtungsmöglichkeiten gegeben. Die Beschreibungen über die Dörfer und Städte, die man durchquert, nehmen einen großen Raum ein. Sie informieren den Pilger über die Bauwerke und deren Historie, aber auch die neuere Geschichte.


"Wege der Jakobspilger" Vézelay - Roncesvalles, Band 3: Burgund bis zu den Pyrenäen
Der Vézelay-Weg zählt in Frankreich zu den wichtigsten Kulturstraßen, weil er von wichtigsten Bauwerken gesäumt ist, die Zeugen einer mittelalterlichen Glaubenstradition sind. Zu den berühmtesten architektonischen Sehenswürdigkeiten zählen die Basiliken in Vézelay, Nevers, La Souterraine, Périgeux, St. Sever und Roncesvalles. Der beeindruckende Bau der Basilika Sainte-Madelaine aus zweifarbigem Stein mit einem 62 m langen Kirchenschiff im romanischen Stil auf dem Gipfel des "ewigen" Hügels in Vézelay.“ist der Ausgangspunkt dieser Pilgerstraße, die aus vielen Varianten und Verästelungen bestand. Dieser Führer soll dazu beitragen, den historischen Vézelay-Weg (Via Lemovicensis) wieder stärker ins Bewusstsein zur rufen seine Verbindungen zum spanischen Pilgerweg für Pilger zu Fuß und Rad neu erlebbar zu machen.


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Am Pilgerstab durchs Pyrenäenland: La Sauveterre  - Puenta La Reina
Dr. Walter Töpner

Von Wegmarken und Menschen auf dem Jakobsweg
Jahr für Jahr zog es mich immer wieder aufs neue auf den Jakobsweg, der mich von Köln  über die Eifel nach Trier, und von dort über Metz und durch Nordfrankreich bis nach Vézelay in Burgund geführt hatte, wo eine der drei großen Jakobsstraßen in Frankreich, die Straße von Limoges beginnt, die über Periguex zum Fuße der Pyrenäen nach La Sauveterre de Bearn führt.  Es war nun schon das fünfte Mal, dass ich wieder an den Endpunkt der Vorjahresetappe zurückkehrte, um hier meine Fußreise fortzusetzen.  Dieses Mal hatten wir, eine Gruppe von drei abenteuerlustigen Pilgern, die bis Santiago zusammenblieb, uns vorgenommen, bis nach Burgos zu gehen.  Um dorthin zu gelangen, mussten wir zuvor den Gebirgszug der Pyrenäen überqueren, der sich geheimnisvoll vor uns auftürmte und immer näher rückte.  Würden die Kräfte reichen, um die Strecke bis nach Burgos schaffen? Jetzt galt es, den Rhythmus von Körper und Seele in Einklang zu bringen, die Dinge zu ordnen und die eigene Mitte zu finden.  Um auf die Südseite der Pyrenäen zu gelangen, mussten die Pilger die häufig regenkalten und windigen Passhöhen überwinden, die man in früheren Zeiten zu den schlimmsten Abschnitten des ganzen Weges rechnete und am meisten gefürchtet wurden.  Im Codex Calixtus heißt es dazu: „Dort sind die Berge so hoch, dass man den Himmel mit Händen greifen kann“.  Nun werde ich hinausgeworfen in die selbst gewählte Ungewissheit eines neuen Abschnittes auf dem langen Weg nach Santiago de Compostela.  In Gedanken habe ich schon die Leinen losgemacht und treibe auf die weite unbekannte Ferne des warmen Südens zu.

Bei der Ankunft in La Sauveterre scheint die Sonne.  Wir haben erst Mitte Mai, aber die Temperaturen sind schon sommerlich warm.  Am Spätnachmittag schlagen wir im Tal direkt am Fluss unsere Zelte auf.  Jeder Handgriff ist jahrelang erprobt und sitzt.  Hinter mir braust und schäumt das frische wilde grüne Gebirgswasser voller Ungeduld und Lebendigkeit.  Die Sonne verzaubert unterdessen die wunderbare Kulisse der droben auf dem Hügel thronenden der Stadt.  Gegen Abend schlendere ich ziellos umher, um mich ein wenig umzusehen und die Stille des Abendfriedens zu genießen.

La Sauveterre als Pilgerziel im Mittelalter
Eine Tagesetappe vor der Stadt führt der Weg von Orthez hier herauf durch eine sanft gewellte aber ständig ansteigende Hügellandschaft des Vorpyrenäengebietes.  Gegen Abend erreichen die Pilger dann La Sauveterre (von lat. salus terra = die sichere oder heilbringende Erde), der hoch über dem Tal des grünlich schimmernden Gebirgsflusses Gave d’Oloron liegt.  Hier, an der ehemaligen Grenze zum Königreich von Navarra, mussten sie einen Gulden Zoll bezahlen, insbesondere für das mitgeführte Geld, und sich navarresische Währung (Coronaten) besorgen.  Beim Eintreiben des Zolls sind die Zöllner, wie aus früheren Berichten hervorgeht, nicht gerade zimperlich vorgegangen.

Bevor sie wieder ins Tal zur Brücke hinabstiegen, kamen die Pilger beim Durchqueren der Stadt an der romanischen Kirche Saint-André vorbei, die nach traditionellem benediktinischem Bauplan mit hohem markanten Turm am Rande eines steil zum Flusstal abfallenden Hanges errichtet wurde.  Unten rauscht der wilde Fluß im Halbrund vorüber.  Unterhalb der Kirche liegen die stolzen Ruinen eines einst sehr prächtigen mittelalterlichen Schlosses in den Hang hineingebettet.  In den alten Gemäuern hausen heute nur noch Fledermäuse.  Wie die Pilger in früheren Zeiten stehe ich versunken vor der Majestas Domini des alten Pilgerportals, das mit einer schützenden Vorhalle überdacht ist, und lasse die mittelalterliche Bilderwelt auf mich einwirken.  Für einen Augenblick werde ich in eine andere Zeit entführt.  Nach schwerer Zerstörung hat man dieses Kunstwerk wiederhergestellt und der Betrachter erahnt nun wieder die einstige Bedeutung, die der Ort als Stützpunkt für die Jakobspilger im Mittelalter gehabt hat.  Der weithin sichtbaren Turm aus dem 13. Jh. und der Klang seiner Glocken, der durch große Schallarkaden hinaus in das einsame Hügelland drang, haben sicherlich dem nach Schutz suchenden Pilger optisch wie akustisch schon von Weitem zur Orientierung gedient.

Unten im Tal überspannte den Fluss einst kühn eine Bogenbrücke, die auch in dem Pilgerführer des Hermann Künig von Vach erwähnt wird und der von Orthez recht ähnlich war.  Von ihr ist aber nur noch auf einer Seite ein Bogen und ein Torturm des 12. Jahrhunderts erhalten.  Als früher die Pilger früher über sie hinwegzogen, war sie ein Symbol der Verbindung zwischen zwei Ufern; jetzt steht nur noch auf dem einem Ufer ein Torso, der mich an die Menschen erinnert, die in unserer heutigen sinnentleerten Welt Brücken hinter sich abgebrochen haben.  Auf dem Weg nach Santiago werde ich noch vielen Menschen begegnen, die nach einem Ausweg aus einem persönlichen Tief suchen oder an einem einschneidenden Wendepunkt in ihrem Leben angelangt sind.  Beziehungs- und Sinnkrisen im Alltag, in der Ehe, im Beruf gehören hier ebenso dazu wie der Verlust eines Arbeitsplatzes durch Kündigung oder Pensionierung. Ich traf den jungen Arbeitslosen, den nach einem Herzinfarkt zu früh in Rente geschickten Manager, den psychisch Kranken, den Alkoholiker, den Krebskranken oder den Atheisten.  Die einen hatten den Willen zu einem Neuanfang, die andern suchten nach einem langen Arbeitsleben nach geordneten Abschluss.

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Der letzte Tag auf der Via Lemovicensis

Am nächsten Tag in der Früh breche ich mit meinen Kameraden voller Ungeduld auf.  Unser letzter Tag auf der Straße von Limoges beginnt.  Nur noch eine Tagesreise von hier wird sie am Stein von Gibraltar enden, dann wird diese Route, der wir durch ganz Frankreich gefolgt sind, mit den anderen Jakobswegen  zu einem neuen Weg verschmelzen.  Am frühen Nachmittag frischen wir in der Küche des am Ortsrand von St. Palais gelegenen kleinen einfachen Franziskanerklosters unsere Wasservorräte auf.  Der junge Mönch kontrolliert in dem Warteraum sorgfältig unsere Ausweise, erst dann gewährt er uns Einlass.  Im Geviert des kleinen Kreuzgangs blühen die Blumen wie in einer Oase.  Die Klostergemeinschaft besteht nur aus vier Fratres, zwei sind in der Küche mit der Vorbereitung des Essens beschäftigt.  Draußen ist es drückend heiß, Gewitterschwüle liegt in der Luft kein Lüftchen regt sich und ein steiler Anstieg liegt noch vor uns.  Gerne wäre ich hier in diesen kühlen Mauern geblieben, aber es ist noch zu früh am Tag.  Wir müssen weiter.

Wie ein mahnender Zeigefinger weißt das Hinweisschild vor dem Kloster bergwärts.  Auf ihm stehen neben einer Pilgermuschel die vielsagenden Worte geschrieben: Chemin de St. Jacques de Compostelle - Gibraltar.  Sofort steigt der Weg an und schweißüberströmt erreichen wir dann nach Überquerung einer Anhöhe einige Kilometer später den symbolträchtigen Stein von Gibraltar, wo wir unsere Rücksäcke ablegen.  Diese Wegmarke bezeichnet zeigt die Stelle, an der sich die Jakobuswege von Paris, Vézelay und Le Puy zu einem neuem gemeinsamen Weg vereinen.  Für jeden Fußpilger ein faszinierender, ja magischer Punkt.  Mit meinen Händen berühre ich die graue Granitstele und versuche mit dieser Geste Verbindung aufzunehmen zu denen, die längst vor mir hier waren.  Ob aus Irland, England, Flandern, Deutschland, Skandinavien oder Polen, alle mussten sie alle hier vorbeikommen, wenn sie den Pyrenäen entgegenstrebten.  Waren auch die Spuren ihrer Schritte längst verweht, ihr Atem vergangen und ihre mit einander gewechselten Worte verklungen, blieb vielleicht nicht doch etwas von der Kraft der Gedanken der Pilger hier zurück? Ich setze mich ins Gras und schweige.  Auch die anderen sagen kein Wort in diesem Augenblick und wollen mit ihren Gedanken allein sein.  Mein Kamerad bringt mich schließlich wieder in die Wirklichkeit zurück und fragt mich, ob ich das einen Steinwurf entfernte Schild mit der aufmunternden Aufschrift „Santiago 870 km“ gelesen hätte.  „Wenn wir von Köln bis hierher durchgehalten haben, schaffen wir den Rest auch noch“ antworte ich ihm.

Bald schon sehe ich die nächste schwere Prüfung vor mir liegen.  Es ist der riesige Kegelberg, der sich wie ein Elefant vor mir auftürmt.  Ein weißes Wegeband, eilt schnurstracks ohne Umschweife der Weg durch baumloses Gebiet erbarmungslos direkt nach oben.  Es ist eben eine Römerstraße.  Aber was heißt hier Straße, zutreffender wäre es wohl, von einem mit Geröll übersäten ausgetrockneten Bachbett zu reden.  Tief eingegraben hat sich der Weg in den Hang, von den vielen Schritten der Menschen gezeichnet, die vor mir heraufgekeucht und heruntergestolpert sind.  Mit ihren Füßen haben sie eine tiefe Rinne in den Hang gegraben, an manchen Stellen den Weg fast bis zum blanken Fels abgetragen.  Während des Anstiegs mit nach unten gesenktem Kopf merke ich, wie viel Hitze die Steine gespeichert haben und wieder abstrahlen, gerade so als wäre es ein Backofen.  „Solche Straßen gingen sie also im Mittelalter“, rufe ich meinen Kameraden zu, als ich aufwärts keuche.  Jetzt verstehe ich, warum es in dem alten Pilgerlied des Mittelalters heißt „Drei Paar Schuoch die darfst Du wohl“.  Bei solchen Wegverhältnissen war das kein Wunder.

Auf halber Höhe lege ich eine Ruhepause ein und betrachte mir das Panorama der Hügel, die sich immer weiter auffalten.  Ich sehe direkt in einen Himmel hinein, der sich großartig über mir wölbt.  Wenn die Kräfte schwinden, löst sich die Seele langsam aus ihren letzten Verschnürungen.  Immer weiter blicke ich in die Runde, je höher ich steige. Noch einmal sehe ich unter mir, die Stelle am Gibraltarpunkt, wo die aus verschieden Richtungen herbeischnürenden schmalen Bänder der Jakobswege zusammenströmen, dann habe ich am frühen Abend den Gipfel erreicht.

Erste Übernachtung in einer Pilgerherberge
Auf der Höhe steht eine kleine von Ahornbäumen eingerahmte Kapelle, der ein Schutzraum angefügt ist. Hier, im Schutz der Chapelle von Soyarza, einem baskischen Marienheiligtum, finden wir unerwartet ein Nachtquartier. Eigentlich wollten wir noch bis Harambels gehen, aber dann entdecke ich neben der Kapelle einen Anbau, in dem sogar Tisch und Bänke stehen, und eine Wasserstelle gibt es auch.  Die Sorge vor einem heraufziehenden Gewitter wird uns genommen, als ein Mann vorbeikommt, der auf meine Frage, ob das Wetter wohl halten würde, mit den Augen ruhig den Himmel prüft, um dann wie ein einheimischer Wetterpropheten entschlossen zu verkünden: „Nein, nein, heute Nacht wird es ganz sicher ruhig bleiben.  Aber morgen wird schon einiges herunterkommen“ deutet er vielsagend an.  Am Abend des nächstes Tages gab es ein schweres Gewitter.  Für heute aber war die Entscheidung gefallen, in der Sicherheit dieses Bergheiligtums zu bleiben.

Hier oben an diesem weltentlegenen Ort finde ich zum ersten Mal Gelegenheit, auch eine Verbindung mit den Pilgern von heute aufzunehmen.  In dem Raum neben der Kapelle, der zur Talseite geöffnet ist, liegt ein Pilgerbuch, in dem viele, die hier vorbeigezogen sind, den Nachkommenden etwas hinterlassen haben, was ihnen zum Ansporn und Trost dienen kann.  Später auf dem spanischen Wegabschnitt wird es mir zu regelmäßigen Gewohnheit, abends in den Refugios die Pilgerbücher aufschlagen und mit müden Augen die Eintragungen der Menschen zu lesen, die vor mir da waren.  Mit besinnlichen und lustigen Zeilen und Zeichnungen gestatten sie der Nachwelt einen Blick in ihre Seele. Beim Durchblättern des Buches stoße ich auf die Eintragungen einer verzweifelten Frau.  Sie fragt: „Mein Gott, der Weg hier herauf fiel mir so unsäglich schwer.  Werde ich die Kraft haben, um bis Santiago durchhalten ? “ Nach dem steilen Anstieg aus dem Tal bis zu dieser Kapelle kann ich sie gut verstehen und ihre Zweifel nachfühlen.  Die Sonne vergeht langsam unter hinter den Hügeln des Vorlandes, unter uns versinken kahlgrüne Bergflanken mit weißgetupften baskischen Einzelgehöften im Schatten der Nacht.  Eine lebensgroße Marienstatue hält schützend ihre Hände über uns und das Land unter uns.  Inmitten dieses Abendfriedens spüre ich, dass ich jetzt wirklich in den Pyrenäen angekommen bin.

Am nächsten Tag gehen wir von der Kapelle im Nebel los und kommen an dem Ort Ostabat vorbei, der ein alter Pilgersammlungspunkt war, bevor wir am Abend St.Jean-le-Vieux erreichen, wo man im Mittelalter die Pilger in einem noch vorhandenen Hospital versorgt hat.  Wir sind jetzt am Fuß der Pyrenäen angekommen, der natürlichen Grenze zwischen Spanien und Frankreich, deren Länge von der Atlantikküste bis zur Mittelmeerküste 450 km beträgt, während ihre Breitenausdehnung jedoch nur wenig über 100 km liegt.  Die Westpyrenäen, die wir jetzt durchschreiten sind ein dicht bewaldetes Mittelgebirge, das geologisch gesehen zu den jüngeren Faltengebirgen gerechnet wird.  Hinter St. Jean Pied de Port nehmen wir die Wegvariante über den Ort Valcarlos.  Die Route über Valcarlos gilt heute bei vielen Pilgern als verpönt, weil sie mit der Landstraße L 135 zusammenfällt.  Im Mittelalter aber zogen viele Pilger diesen Weg, weil es hier viele Unterkünfte gab, während man auf dem alten Römerweg auf sich selbst angewiesen war und sich bei Nebel und Schnee leicht verirren konnte.

In Arneguy, wo wir die spanische Grenze erreichen, kommt es zu einem bewegenden Augenblick: vor fünf Jahren 1989 haben mein Kamerad und ich das letzte Mal auf dem Jakobsweg im Niemandsland zwischen dem Saarland und Lothringen eine (grüne) Grenze überschritten.  Zwischen damals und jetzt liegt eine Wegstrecke von rund 1200 km.  Wir umarmen uns und können es noch nicht fassen, als wir auf der Brücke stehen, die über den kleinen Gebirgsgrenzfluss führt.  Der Schlagbaum steht offen, kein Zollbeamter kontrolliert uns.  In einem freien Europa ohne Grenzen betreten wir ungehindert Spanien und können es kaum glauben, bis das erste Schild von den vielen, die uns ständig am Weg begleiten werden, auftaucht, das die Aufschrift trägt: " Camino de Santiago - Itinerario Cultural Europeo". Oben das Symbol der Muschel, gebildet aus vielen an einem Punkt zusammenströmenden Wegen, unten das Emblem des Europarates, der sich der Pflege dieses geistigen Kulturerbes angenommen und viel für diesen alten Pilgerweg getan hat.  Erst hinter diesem Ort beginnt der eigentliche Aufstieg in die Pyrenäen.

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Der Anstieg  zum Ibanta-Paß
An diesem Tag steigen wir noch bis zu dem letzten Dorf vor dem Ibaneta-Pass, dem auf halber Höhe gelegenen Valcarlos auf.  Das Tal, in dem der Ort liegt, ist eine 20 km tiefe spanische Enklave in französischem Gebiet, die Häuser von Valcarlos sind jedoch in französischer Bauweise errichtet.  Die Sprache der Einwohner ist baskisch.  Dieses Tal verband Spanien zu allen Zeiten mit dem übrigen Europa in Verbindung.  Schon in römischer Zeit gab es hier eine Straßenverbindung nach Burgos (Burdigale) und Astorga (Asturica).  Von Valcarlos (Tal des Karl) heißt es, Karl der Große sei hier gerade beim Schachspiel weilend von der Kunde überrascht worden, dass sein Paladin Roland und die von ihm angeführte Nachhut des Heeres oben auf dem Pass in einen Hinterhalt der Sarazenen geraten sei.  Er ließ sofort sein Heer hier umkehren, kam aber zu spät wie man weiß.  Im Ort bei der Kirche klingeln wir beim Pfarrer und fragen, ob wir auf seiner Wiese zelten dürften.  Er winkt ab und holt stattdessen einen alten Schlüssel, mit dem ganz selbstverständlich die Kirche aufschließt und uns mit eine Handbewegung die Empore als Nachtquartier anbietet.  So sei es seit von Alters her Brauch.  Als wir gerade beim Abendessen zusammen im Garten hinter der Kirche nahe dem Leichenwagen bei einer großen Flasche Bier sitzen, gesellt sich zögernd und mit sorgenvoll gesenkter Stirn Johann aus Belgien zu uns, der ein Gespräch mit uns sucht.  Er erzählt uns, dass er unter der Einsamkeit leidet, weil er seine Weggefährtin, eine Engländerin, in die er wohl verliebt war, verloren hat.  Er hat Sorge, ob er das morgige letzten steilen Stück schaffen wird.  Am Rucksack hat er einen Baseballschläger befestigt als Vorsichtsmaßnahme zur Verteidigung gegen Überfälle oder wilde Hunde, erklärt er uns.  Als er einige Tage später noch mehr Vertrauen gefasst hat, erzählt er mir seine lange Krankheitsgeschichte.

Sieben Jahre war er wegen Depressionen in psychiatrischer Behandlung.  Von da an sehe ihn nicht mehr als Sonderling an, sondern bewundere seine Selbstüberwindung, ganz allein aufzubrechen und den Weg von Belgien bis hierher zu gehen.  Ich glaube, er hatte die Hoffnung, seine Krankheit durch die Bewährung auf dem Weg zu bezähmen.  Er glaubte es schon geschafft zu haben, aber als er zu uns gestoßen war, war er wieder an einen Tiefpunkt angelangt.  War das Zufall oder Fügung? Wir versprechen ihm, morgen auf ihn zu warten.  Von dieser Stunde an bleibt Johann bei uns bis wir ihn durch einen dummen Zufall kurz vor Estella aus den Augen verloren haben und erst in Najera wiedertreffen sollten.

Meine erste Nacht in dieser Kirche in dem Pyrenäendorf Valcarlos war schon ein aufregendes Erlebnis.  Nach der Abendmesse rollen wir unsere Schlafsäcke neben der Orgel auf dem warmen Holzboden auf, der Raum ist noch von schwerem Weihrauchduft erfüllt und das Heilige Licht beleuchtet spärlich den Altar, auf dem ein übergroßer Jakobus zu Pferd gegen die Mauren kämpft.  Glücklich, im Schoße dieser Kirche in Sicherheit zu sein, fallen mir bald meine müden Augen zu.  Am anderen Morgen blicke ich beim Aufwachen direkt in ein sonnendurchflutetes buntes Kirchenfenster.  Schöner kann man nicht aufwachen.

Johann wartet am anderen Tag morgens pünktlich unten an der Straße auf uns.  Er hat im Hostal übernachtet.  Jetzt waren wir also zu viert.  Unterwegs falle ich zurück, Johann im Gegensatz zu mir das Tempo der anderen mithalten.  Den Weg bis zum Gipfel gehe ich schließlich allein.  Die wilde schroffe Welt der Pyrenäen nimmt mich ganz gefangen. Immer karger wird die Vegetation, je höher ich steige.  Ich sehe hinunter auf die kleine Spielzeugwelt, in das enge, grünbewaldete Tal, durch das bis zu diesen Höhen ich herauf gestiegen bin. Heute ist ein frischer sonnenklarer Tag.  Ideales Wetter für die Berge mit einer großartigen Fernsicht, aber wie viele Pilger mochten hier schon bei Kälte, Regen und Nebel mit ihren letzten Kräften unter Ächzen und Stöhnen drüben auf dem alten Weg heraufgestolpert sein.  1056 m hoch muss ich steigen, dann sehe ich den Pass mit dem großen Kreuz der Ibaneta-Kapelle vor mir auftauchen, bald auch den berühmten Stein des Roland. In den Pyrenäen baute man schon früh an einsamen Passübergängen wie diesem Pilgerhospize, um die erschöpften Pilger zu versorgen.  Hier ist oben ist eine solche traditionsreiche Stätte, denn schon 1071 wird hier ein Salvator-Kloster erwähnt, dessen Glockengeläut in der Dämmerung den Pilgern zur Orientierung auf dem Weg nach oben diente, das Rolandshospiz des weiter unten liegenden Klosters Roncesvalles ist seit 1132 sicher belegt.

Beim Näherkommen sehe ich meine Pilgerkameraden - wie die Pilger seit Alters her- verschwitzt im Windschutz der Mauer der Kapelle stehen.  Sie winken mir aufmunternd zu und ich rufe „Nun ist es geschafft ! Die Pyrenäen sind zu Fuß überquert.“  Eine Last will von mir abfallen, aber wie habe ich mich getäuscht.  Morgen werden noch einmal zwei Pässe, der Alto de Mesquiriz und der hohe Alto de Erro (801 m) zu überwinden sein.  Meine Kameraden zeigen mir den kleinen Friedhof mit den vielen selbstgefertigten Holzkreuzen der Pilger, kleine und auch einige große Exemplare sind darunter.  Das erste soll Karl der Große an dieser Stelle selbst aufgestellt haben.

Im Rifugio des Kloster Roncesvalles.
Gemeinsam gehen wir dann weiter bergab zum 2 km entfernten Kloster Roncesvalles, jenem bis heute für die Pilger traditionellen Ausgangspunkt am Anfang des spanischen Wegteils.  Seine blechgedeckten Dächer wirken ärmlich und passen zu dem rauen Gebirgsklima.  Hier oben haben sich seit jeher Pilger versammelt und feste Weggemeinschaften gebildet.  Morgen wird auch unsere Gruppe noch größer sein als bei unserer Ankunft.  Im Kloster erhalten die Pilger von den höflichen Mönchen einen Ausweis, zuvor werden sie offen nach den Motiven für ihre Pilgerschaft befragt.  Auch wer bei der Rubrik „nicht-religiös“ sein Kreuz macht bekommt einen Ausweis und somit gilt als Pilger, denn so mancher hat unterwegs seine Meinung geändert.

Gegen Abend wird es draußen klamm und kalt, aber innen in der Pilgerherberge ist es gemütlich.  Hier herrscht ein fröhliches Beisammensein und ein lautes Stimmen- und Sprachengewirr erfüllt den Raum.  Kontakte sind schnell geknüpft, Junge und ältere Menschen aus verschiedenen Ländern sind hier zusammengekommen und tauschen ihre unterwegs gemachten Erfahrungen aus.  Obwohl es schon dunkel wird, kommen noch ständig neue Pilger an.  Sie sind das ganze Stück auf dem alten Weg von St. Jean bis hier herauf in einem Stück gegangen, nur ein älteres holländisches Ehepaar hat es gestern nicht an einem Tag geschafft.  Auf halber Strecke mussten beide Freien übernachten und haben eine stürmische Nacht im Zelt verbracht.

Um 8 Uhr besuchen alle ca. 25 Pilger den Pilgergottesdienst.  Viele gehen zur Kommunion und zum Schluss erhalten alle von den Patres den Pilgersegen. „Betet für uns in Santiago“ bitten sie uns zuletzt.  Ihre leise hallenden, zeitlosen Chorgesänge erfüllen das Dunkel der altersgrauen Mauern der Klosterkirche mit Leben und erwärmen unsere Herzen, die sich jetzt vollends öffnen.  Vielen von uns stehen Tränen in den Augen.  Mancher sieht den Weg, den er bis hierher zurückgelegt hat und ahnt den voraus, der noch vor ihm liegt.  Vielleicht dachte mancher auch schon weiter an den Weg, der ihn über Santiago hinausführen wird.  In diesem Augenblick habe ich die Gewissheit, dass mit dem spanischen Weg ein neues Kapitel meines langen Weges aufgeschlagen wird, unverwechselbar, lebendig und ganz anders als alles, was ich bisher erlebt habe.  Hier beginnt für der religiöse Teil des Pilgerweges.

Anschließend gehen alle Pilger in die naheliegende Klosterschenke zu einem kräftigen Pilgermahl mit viel Rotwein und guten Gesprächen in Deutsch, Englisch und Französisch.  Wir meiden das Restaurant und nehmen in dem für die Pilger zugedachten Nebenraum Platz.  Es gibt ein großes Tischerrücken, um eine große Tafel zu bilden, denn keiner soll ausgeschlossen werden.  Bald beginnt eine angeregte Unterhaltung, bei der jeder dem anderen beim Übersetzen so gut beim Übersetzen wie er kann.  Unsere Herzen sprechen eine gemeinsame Sprache.  Jeder interessiert sich für den anderen, hört ruhig seiner Geschichte zu, fragt nach, nimmt sich zurück, lässt dem anderen im Gespräch den Vortritt.  Tipps für und gegen alles mögliche (vor allem Blasen!) machen die Runde.

An diesem Abend lernen wir die 54-jährige pensionierte Lehrerin Lise aus Angers und ihren Lebensgefährten Paul kennen, die uns bis Estella, wo sie eine Pause einlegen, bei uns bleiben werden.  Damit war unsere Gruppe auf 6 Pilger angewachsen.  Es entwickelt sich unter uns eine gute Kameradschaft und ein liebevolles Beisammensein.  Lise und Paul werden uns als Freunde erhalten bleiben und uns später in Deutschland besuchen.  So endet dieser nicht ganz einfache Tag doch noch mit einer wunderbaren menschlichen Erfahrung am Anfang des Camino, an die ich immer gern zurückdenken werde.

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Zwischen Pamplona und Puenta la Reina
Nach zwei Tagen ist Pamplona erreicht.  Die mit Spannung erwarte Stadt ist für mich eine Enttäuschung.  Die Stadt liegt in der Lethargie des Sonntagnachmittags und ist so ganz anders, als ich sie mir vorgestellt hatte.  Eine alte Frau erkennt uns an der Muschel als Pilger, geht auf einen von uns zu und streichelt ihn lange am Arm, während sie ehrfurchtsvoll leise auf ihn einspricht.  Natürlich, auch für sie werden wir in Santiago beten versprechen wir ihr und sie versteht uns, obwohl wir kein Spanisch sprechen.  3 km hinter Pamplona erreichen wir am Abend Cizur Menor, eine alte Niederlassung des Templerordens.  Hinter dem Ort umwogen uns frischgrüne Meere von Roggenfeldern auf unserem Weg nach Puenta la Reina.  Allmählich bleibt das wald- und hügelreiche Navarra zurück und ich spüre, wie sich um mich herum die Landschaft verändert.  Mit weiten, scheinbar endlosen Horizonten tritt mir eine neue Welt entgegen.  Das Schöne hat freilich seinen Preis, denn jetzt kommt beim Anstieg nach Guendulain die Hitze immer mehr gekrochen und sitzt mir wie „der Teufel im Nacken“.  Dann tauchen im Vorblick trockene, braune Bergzüge mit kärglichem Bewuchs auf (Alto de Perdon), die sich energisch wie eine Barriere dem Pilger auf dem Weg von Pamplona nach Puenta la Reina entgegenstellen, als wollten sie ihm den Weg absperren.  Auf dem Pass (680 m) soll der Sage nach der Teufel einen verdurstenden Pilger versucht haben.  Eine Quelle erinnert an diese Erzählung.  Am bläuenden Mittagshimmel ziehen derweil hellweiß aufgebauschte Wolkengebirge träge daher.  Noch einmal drehe ich mich um und sehe zurück auf das duftige Blau der Südkette der Pyrenäen, atme tief durch, bin froh und stolz, jetzt darüber hinweg zu sein.  Hier oben haben viele Pilger mit unstet suchenden Augen das Rätsel der Ferne zu entschlüsseln sucht und ihre innere Ruhe gefunden, wenn sie in dem Wesen dieser Landschaft eine Ahnung von der Unendlichkeit gewonnen hatten.  Dann führte sie der Abstieg durch das Land um Uterga, in dem die Dörfer wehrhaft und burgengleich auf luftigen Hügeln schweben und fruchtbare Felder den Weg säumen bis sie das fruchtbare Tal des Rio Arga erreichten, wo sich kurz vor Puenta la Reina links vom Somport Pass herbeischnürende Weg sich mit ihrem verband.

Puenta La Reina
In Puenta la Reina gehen wir am Abend vom Rifugio beim Kloster Santa Maria del la Vega y del Crucifijo zusammen mit vielen Pilgern zum Essen in die Altstadt. Jemand hat dort eine Taverne ausgekundschaftet, wo Pilger eine preiswerte Mahlzeit einnehmen können.  Dort geht es den ganzen Abend hoch her.  Alle kennen wir schon aus Roncesvalles.  Ach ja, Roncesvalles, wie weit liegt das schon wieder hinter uns zurück.  Unter uns ist eine Brasilianerin, Mutter von fünf Kindern, die in ihrem Land als Schlagersängerin bekannt ist (oder war), mit ihrem lebhaften südländischen Temperament unterhält sie uns alle.  Die junge, etwas schüchterne Krankenschwester aus Santiago de Compostela hat sich mit einem gutaussehenden jungen Italiener angefreundet und ordnet ihm mit stiller Fürsorge und Hingabe abends im Rifugio seine sieben Sachen, was er bereitwillig zulässt.  In gebrochenem Französisch erklärt sie mir, dass sie sich auf dem Weg gemacht habe, weil sie die Pilger immer nur in Santiago am Ziel als Ankommende gesehen habe.  Jetzt wolle sie selbst zu Fuß als Pilgerin ihrer Heimatstadt entgegengehen und selbst erfahren, wie es den Menschen auf dem Camino ergeht.  Ergründen, was es mit der geheimnisvollen Anziehungskraft des Weges tatsächlich auf sich hat, das wollen wir letztlich alle.

Während der lebhaften Unterhaltung kehren meine Gedanken immer wieder zu den Bildern des zurückliegenden Tages zurück und ich spüre erneut, welche Anziehungskraft die Weite dieses Landstrichs auf mich gehabt hat.  Auf eine sehr reale Weise habe ich erfahren, dass ich ein kleiner Punkt im Gefüge eines großen Ganzen bin.  Auch wenn ich manchmal befürchte, ich könnte mich in dieser Weite verlieren, obsiegte doch stets die Gewissheit, fest darinnen verankert zu sein.  Wer als Pilger seinen Weg in den Pyrenäen beginnt, erlebt diesen Abschnitt häufig als Phase der „Vorbereitung“ oder „Einführung“, die geprägt ist von Anfangsschwierigkeiten, noch vorsichtigem tastendem Suchen, Selbstzweifeln und dem Kampf gegen das Aufgeben Wollen.

Durch die engen, spärlich erleuchteten Gassen kehrt unsere Pilgergruppe in rotweinseliger Stimmung zum Kloster zurück.  Ein buntes Gemisch von Pilgern aus verschiedenen Nationen hatte der Zufall hier heute Abend zusammengewürfelt.  Aus aller Herren Länder, Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Belgien und Brasilien kamen sie, und haben alle diese gemeinsame Erfahrung gemacht: auf dem Camino ist es nicht so wichtig woher du kommst und was du bist, sondern wie du bist.  Es ist eine sternenklare Nacht im Mai und ziemlich kalt.  Der Sternenweg über uns zeichnet in den schwarzen Nachthimmel hell sein Band, das uns miteinander verbindet und uns eine gemeinsame Richtung weist.  Westwärts werden wir morgen von hier aus weiter ziehen, wieder ein kleines Stückchen auf einem gemeinsamen Weg dem Grabe des Apostels Jakobus entgegen.

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Die letzten drei Tage vor dem Ziel Santiago de Compostela
Dr. Walter Töpner

Der Autor hat in zwei vorangegangenen Berichten einige Episoden auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela geschildert, die sich mit dem Aufbruch in Köln und der Ankunft in Vézelay, dem Ausgangspunkt zu einer der vier großen Jakobstrassen in Frankreich (Via Lemovicensis) befaßten. Auf seiner Wegstrecke durch Frankreich übernachtete er, allein auf sich gestellt mit seiner Pilgergruppe im Zelt. In Spanien ist für die Übernachtung der Pilger in preiswerten Unterkünften gesorgt.
Vézelay und Frankreich liegen nun schon einige Jahre zurück. Mit meiner Pilgergruppe habe ich die blaue Pyrenäenkette mit klopfendem Herzen von Weitem erblickt und überstiegen, bin durch die glühendheiße Meseta gezogen, habe das Bergland von Bierzo durchquert. Dann habe ich zwei weitere Pässe (Rabanal und Cerebreiro) überstiegen. Ich überspringe alle diese Etappen, die mich reich an Erlebnisse gemacht haben, und setze meinen Bericht im frischgrünen Galizien mit den Ereignissen während der letzten drei Tage auf dem Jakobsweg kurz vor Erreichen des Zieles in Santiago de Compostela fort.

Ein Abend im Pilgerhospital von Ribadiso de Baixo
Ich bin spätabends in Ribadiso de Baixo angekommen. Jetzt sind es noch etwa 50 km bis Santiago de Compostela. Am Übergang des Flüßchens Rìo Iso steht einsam in der Landschaft das alte Pilgerhospital gleichen Namens, dessen altersgrauen Mauern heute nach seiner Instandsetzung wieder Pilgern zur Unterkunft dienen. Meine beiden Pilgerkameraden sind mir -wie immer- weit vorausgeeilt. Schon von weitem habe ich das kleine Gebäude oben vom Hügel aus mit zusammengekniffenen Augen im Gegenlicht ausgemacht. Als auch ich endlich die kleine gotische Bogenbrücke überquert habe und den Hof des Gebäudes betrete sehe ich, daß die Herberge gut gefüllt ist. Viele Pilger sitzen barfuß im Hof, ihre geschunden Füße an der Luft kühlend und das Ausruhen in den letzten Strahlen der Abendsonne genießend. Einige bleiben für sich, lesen, andere unterhalten sich in Gruppen angeregt, andere wiederum sind mit der leidigen täglichen Fußpflege beschäftigt. Mit der Beschaulichkeit ist aber bald vorbei, denn ich bin heute der Letzte, der ankommt und werde deshalb mit mit lauten Bravo-Rufen, Winken und anerkennendem Klatschen freundlich begrüßt. Schöner kann man nicht willkommen geheißen werden. Eine richtig nette Pilgergemeinschaft aus aller Herren Länder hat sich hier zusammengefunden, das spüre ich sofort. Ausgepumpt, aber glücklich angekommen, so ist es immer wieder jeden Abend gewesen. Wer spät aufsteht oder es langsam angehen läßt kann von Glück reden, wenn er abends noch ein Bett erwischt. Ich habe Glück. Es ist noch Platz genug. Man hatte uns schon vorher gewarnt: Kurz vor Santiago kann es zu Überfüllungen kommen. „Pilgerrückstau“ nennt man das. Aber um diese Jahreszeit sind die Rifugios zum Glück nicht ganz so überbelegt wie im Sommer, wo ein reines Wettrennen unter den Pilger einsetzt, um rechtzeitig am Tagesziel anzukommen einen Schlafplatz zu ergattern.

Als Erstes belege ich mein Bett und rolle dazu meinen Schlafsack aus. Es liegt in der Ecke in die Nähe einer Frauengruppe. Meine Einschätzung, daß mich weibliche Schnarcher nicht um meine Nachtruhe bringen werden hat sich meistens erfüllt. Dann gehe ich mich duschen und wasche etwas Wäsche. Schließlich will ich am Ziel nicht mit verschmutzter Kleidung ankommen. Aber die Sonne ist schon untergegangen. Ob die Nacht reichen wird zum Trocknen der Wäsche? Da es bis zur nächsten Gaststätte noch einige Kilometer bergauf zu gehen sind und ich heute schon 32 km gelaufen bin, ziehe ich es vor, mit diesen Weg zu ersparen und werde von meinen mitgebrachten Vorräten das Abendessen zu bestreiten. Zum Glück habe ich mir im letzten Ort etwas gekauft und die alte Pilgerregel beherzigt: Nie ganz ohne Proviant gehen. In einem alten Kellergewölbe aus Natursteinen hat man liebevoll eine Küche und einen Essenraum für die Pilger eingerichtet. Ein alter Kamin sorgt in der kalten Jahreszeit für wonnige Wärme. An den Tischen ringsum finden sich schnell Essensgemeinschaften ein, lautes Stimmengewirr erfüllt den Raum. Neben mir nimmt eine schwäbisch sprechende Dame (vermutlich Lehrerin) aus Kirchheim/Teck Platz. Bald entwickelt sich mit ihr eine lebhafte Unterhaltung, in der sich herausstellt, daß sie mit der religiösen Dimension dieses Weges nicht viel anfangen kann. Für sie ist das eben ein Kunstwanderweg, zugegeben einer der besonderen Art, aber der Weg habe ihr nicht gerade viel abverlangt und in spiritueller Hinsicht auch nicht sonderlich viel gegeben. Die Strapazen des Weges hat die voll durchtrainierte Mitte Fünfzigerin offenbar locker hinter sich gebracht. Als sie einmal in Griechenland unterwegs gewesen sei, meint sie beiläufig, ohne Karte, Verpflegung und Wasser, da habe sie ihre Grenzen kennen gelernt.  Hier nicht.  Damals hätte sie abends gierig an ihrem Waschlappen gesaugt und sich geärgert, daß sie ihn morgens so gründlich ausgewrungen habe.  Meinen Einwand, daß derjenige, der nur das äußere Abenteuer auf dem Jakobsweg suche fehl am Platz sei, versteht die deutsche Frau nicht. Mein Erlebnis, das ich vor einigen Tagen in der heißen Bergwildnis vor Pontferrada hatte, als ich an meine Grenzen gestoßen war, erzähle ich ihr nicht.  Abends kam ich aus Unachtsamkeit vom Weg ab, verlief mich und wurde immer erschöpfter.  Urplötzlich stand ein hochgewachsener Schäfer mit einem langen Bart und einem Stab wie der hl. Jakobus vor mir und wies mir die richtige Richtung.  Es war höchste Zeit, meine Wasservorräte waren schon zur Gänze aufgebraucht und ich war körperlich fertig.  Jeder hat seine eigenen Grenzen, da gibt es keine allgemeinen Regeln.

Enttäuscht gehe ich nach diesem Gespräch nach draußen und setze mich an den Bach. Claude, ein Franzose Mitte vierzig aus Bordeaux kühlt gerade zwei Dosen Bier im Wasser. Ganz selbstverständlich gibt er mir eine davon ab. Echte Pilger teilen eben ohne großes Aufheben davon zu machen. Das kühle Bier ist eine Köstlichkeit nach der Hitze des Tages. Ich weiß sein Geschenk sehr zu schätzen, denn schließlich gibt es hier nichts zu kaufen und er hat er die Dosen auf seinem Rücken bis hierher geschleppt. Er ist müde, aber lächelt freundlich. Hat ein bißchen ein schlechtes Gewissen, weil er so viele Deutsche getroffen hat, die seine Muttersprache sprechen, er aber kein Deutsch kann. Nach einer Weile erzählt mir der Mann von selbst seine Geschichte. Zuerst berichtet er mir, wie ihn seine Tochter entgeistert angesehen hätte, als er ihr eröffnete, zu Fuß nach Santiago gehen zu wollen, und ihr den neu gekauften Rucksack zeigte. Dann sehe ich mir seine Füße an. Sie sind bis zum Knie herauf mit Binden und Pflastern verklebt. Er muß entsetzliche Schmerzen auf dem Weg gelitten haben. Bis nach Astorga habe er sich geschleppt, dann ging es plötzlich nicht mehr. In der Klinik dort diagnostizierte der Arzt eine schwere Sehnenentzündung. Normalerweise bedeutet dies das Aus. Aber auf dem Camino scheint es immer wieder jene kleinen Wunder zu geben, daß in scheinbar aussichtslosen Situationen doch noch Hilfe naht. Irgendeine Wundersalbe und die fachmännisch durchgeführte Bandagierung seiner Füße durch heilkundige Ärzte haben ihn schließlich doch noch bis hierher durchgebracht. „Keinen Pfennig haben sie dafür von mir verlangt, obwohl sie sich um mich nach allen Regeln der ärztlichen Kunst gekümmert haben“ sagt er anerkennend. Von Pilgern nimmt man hier eben nichts. Nur ein Einzelfall ? Keineswegs. Immer wieder hörte ich auf dem Camino Geschichten von Pilgern, die nach Aufsuchen eines Arztes oder einer Klinik nichts für die Behandlung bezahlen mußten. Selbst in Frankreich erging es Helmut, meinem Ein Pilgerfreund ebenso, als er in Frankreich in Bazas seinen stark wundgelaufener Fuß von einem Arzt versorgen lassen mußte. Und letztes Jahr begegnete mir im Kloster San Juan de Ortega ein 80jähriger deutscher Mann, der wenige Tage vorher in den Weinbergen vor Najera schwer gestürzt war und eine große Platzwunde am Kopf davongetragen hatte, die genäht werden mußte. Von ihm nahm man in der Klinik kein Geld an, weil er Pilger war. Das ist noch eine lebendige Tradition auf dem Camino de Santiago.

Bald gesellt sich der Hospitalero (Herbergsvater) zu uns und verrät uns, wie man ohne Angel eine der großen Forellen aus dem Bach herausholen kann. Man muß warten bis es dunkel ist, dann braucht man nur eine Taschenlampe und ein Messer. „Das Licht“ meint er listig „lockt die Fische an, und dann muß man nur noch schnell zustechen...“ Leider haben wir schon gegessen und können nicht ausprobieren, ob die Geschichte wirklich stimmt ? Na ja.

Ich liege oben auf dem Doppelbett und blicke mit hinter dem Kopf verschränkten Armen an die Decke. Im Schlafsaal ist es jetzt ganz still. Nur von weitem höre ich das pfeifende Schnauben der schlafenden männlichen Pilger. Unter mir schläft mit ruhigen Atemzügen ein junges Mädchen von der Insel La Palma. Vor einer Woche sah ist sie noch humpelnd mit blasenübersäten Fußsohlen in Astorga. Weg- und Schlafgemeinschaften der Pilger/Innen sind eine Selbstverständlichkeit. Mir wäre es nie in den Sinn gekommen, mich aus dieser Gemeinschaft zu entfernen und in ein Hotel zu gehen. Ich muß daran denken, welch lange Tradition dieses Gebäude hat. Es gibt mir ein gutes Gefühl, in diesem noch heute sichtbaren Zeichen einer alten gastlichen Tradition für Santiagopilger nächtigen zu dürfen. In Gedanken stelle ich mir vor, wie es früher gewesen sein mag. Hier in diesem Mauern haben also die Pilger sich ausgeruht und Kräfte gesammelt, bevor sie wieder neu aufbrachen, um das letzte Stück ihres beschwerlichen Weges nach Santiago fortzusetzen. Nicht wenige freilich kamen so krank und entkräftet in den Hospitälern an, daß sie längere Zeit zu ihrer Genesung bleiben mußten. Ohne das Werk der tätigen Nächstenliebe der Orden und der Bruderschaften wären viele Menschen auf der Strecke geblieben, unterwegs irgendwo unbekannt in fremder Erde verscharrt worden und hätten das große Ziel niemals erreicht. Ich muß auch daran denken, daß es noch unzählige weitere kleine Hospitäler gegeben hat, die sich wie eine Perlenkette entlang des Weges aufreihten. Man kennt die Stellen , wo sie einst standen, noch heute ganz genau. Liebevoll hält man in diesen Orten die Erinnerung an diese Stätten mildtätiger Fürsorge für die Pilger wach. Auch auf meiner Wegekarte, die ich stets bei mir führe, sind die ehemaligen Hospitäler ausdrücklich eingezeichnet. Im dem großen Pilgerführer des Mittelalters von Hermann Künig von Vach wird deshalb ausführlich auf Zahl und Qualität der Pilgerhospize eingegangen. Dann fallen mir die müden Augen zu. In dieser Nacht habe ich alten Rifugio von Ribadiso de Baixo im Tal des Flüßchens Rìo Iso herrlich geschlafen.

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Baixo - Arca
Das Pilgerdenkmal auf dem Weg und das Pilgermahl in Arca
Am andern Morgen verschlafe ich und muß von Helmut geweckt werden. Die meisten Pilger sind schon fort. Das Rifugio ist fast leer. Draußen liegt noch dichter Nebel über den Wiesen, über Nacht hat es sich abgekühlt. Mein Hosen, die ich gestern gewaschen habe, sind nicht trockenen geworden. Viel lieber wäre ich in meinem warmen Schlafsack geblieben als jetzt diese klammen Sachen anzuziehen. Als ich einen Blick aus dem Fenster werfe sehe ich eine vierköpfige Pilgergruppe, drei Männer und eine Frau aus Italien, kleine Einkaufswägelchen hinter sich herziehend über die Brücke kommen. Sie rauchen, reden laut und gestikulieren. Nur die Frau mit den langen glattgekämmten schwarzen Haaren läuft seelenruhig nebenher. Der eine von ihnen ist spindeldürr, Kettenraucher und spricht ein paar Brocken deutsch. Vor einigen Tagen traf ich ihn mit der Gruppe beim Anstieg auf den Cerebreiro-Paß, da erzählte er mir, daß sie aus Turin stammten und bis hierher gelaufen seien und den ganzen Weg auch wieder zu Fuß zurückgehen wollten. Das machten die wenigsten, sagte er mit weit aufgerissenen Augen voller Stolz. Der Weg zurück ist wirklich hart, denn wenn das große Ziel erst einmal erreicht ist, gibt es nichts mehr, was einen auf dem Weg nach vorne anzieht. Denn immer geht der Blick nach vorne. Ultreja! Vorwärts, weiter heißt die Devise des Pilgern. Auch für uns gilt das heute. Als Letzte machen wir die Tür im Rifugio hinter uns zu. Die nächsten Pilger auf dem Weg hierher sind schon auf der Strecke.

Schöne alte galizische Bauernhäuser, steinschwer von Wiesen umwogt, die bis an das Haus heranreichen, liegen am Weg. Sie sind unbewohnt. Im nächsten Ort Arzua müssen wir einkaufen, alle sind wir mit unseren Lebensmittelvorräten total abgebrannt. Unter Arkaden kommt man an kleinen Geschäften vorbei, aus denen es geheimnisvoll herausriecht. Aber den Supermarkt um die Ecke gibt es auch hier im hintersten Galizien auch schon. Jakobus grüßt die Pilger von einem Relief an der Wand, als wollte er sagen, schön euch zu sehen, jetzt ist es nicht mehr weit. Hinter Azua wird die Landschaft noch einmal traumhaft schön. Weite Wiesentäler nehmen den Pilger auf, kleine Wäldchen sorgen abwechselnd für Erfrischung. Auf einer Anhöhe mache ich meine Morgenrast. Wieder mal allein, zurückgefallen, weil mir das Tempo der beiden anderen zu hoch war. Ein älteres französisches Ehepaar aus der Provence, so um die Sechzig kommt vorbei und beginnt mit mir ein Schwätzchen. Mit dem untrüglichen Gespür von Fußpilgern, die ein lange Reise hinter sich haben und wertende Vergleiche anstellen dürfen, sagen sie mir, daß ihnen der Betrieb auf dem Pilgerweg hier zu arg wird, je näher wir an Santiago herankommen. In den einsamen Berggegenden Frankreichs hätten sie mehr vom Geist des Pilgerns verspürt als hier. „Uns ist der Mythos des Weges hier verloren gegangen“ sagen sie enttäuscht. Kaum haben sie das ausgesprochen, kommt ein im modernem Sportdress gekleideter Spanier mit seinem Mountain-Bike vorbeigeradelt. Verkommt mancherorts der Pilgerweg schon zum Fitnessparcours? Ihre Sorge wegen der Kommerzialisierung der Santiagio-Wallfahrt ist nicht ganz unbegründet. Hier am Ende des Camino wird der Preis für die touristische Vermarktung der Santiagowallfahrt bezahlt. Alles ist ein bißchen zu perfekt, zu glatt, zu neu zu sein.

Dunkelschwarze Wolken stehen am Himmel. Ich habe mich verlaufen. Leute auf dem Feld schicken mich mit deutlichen Gesten zurück auf die verpaßte Abzweigung und schlüpfe in ein windgeschützes Wäldchen. In Calzada (übers. heißt das „Schuh“) wandere ich durch ein engwinkliges verträumtes Dorf, in dem sich die Häuser aneinanderschmiegen und die berühmten „horreios“, die galizischen Getreidespeicher über die Straße gespannt sind. Hinter dem Ort führt der Camino durch einen der vielen für die Gegend typischen windgeschützten Hohlwege. Nach der Mittagsrast auf einer Wiese muß ich wieder hinaus auf die lärmumtoste Hauptstraße und bis zur Paßhöhe von Alto Santa Irene laufen. Manchmal muß ich die Hauptstraße kreuzen, um den Weg auf der anderen Seite fortsetzen. Diese Stellen sind wegen der Kurven und des starken Verkehrs besonders gefährlich. Hinter dem Ort Salceda steigt der Weg wieder an. Rechts an der Bergseite hat man dem hier am 25. August 1993 im Alter von 69 Jahren verstorbenen Pilger Guillermo Watt ein Denkmal gesetzt. Er mußte kurz vor dem Ziel sein Leben hier lassen. Es war damals ein Heiliges Jahr. Seine Schuhe hat man in Bronze gegossen. Nun stehen sie anklagend da, ein anrührendes Denkmal, das in jedem Pilger Mitgefühl und Solidarität hervorruft. Aber wie viele Pilger mögen auf dem Weg gestorben sein, deren Namen auf keinem Denkmal verewigt sind? Dann mag eben dieses für sie alle stehen, sage ich zu mir beim Weitergehen.

Durch ein nach Hustenbonbons riechendes Eukalyptuswäldchen nähern wir uns unserem Tagesziel. Am Boden liegen unter den Bäumen massenhaft braune Blätter herum. Sie verrotten nicht und wo sie liegen kann aber auch nichts wachsen, da sie einen Stoff enthalten, der wie ein Herbizid wirkt. Dann treten wir ins Freie heraus in ein herrlich saftiggrünes Wiesental, das von einem kleinen Schlängelbach durchflossen wird. Das Wiesenidyll erinnert mich sehr an Deutschland. Eine alte Bauersfrau sitzt in der Sonne vor dem Haus und nickt mir freundlich zu. Sie weiß, es ist nicht mehr weit bis zum Rifugio in Arca. Als wir dort ankommen treffen wir viele bekannte Gesichter von gestern und den Tagen davor an. Sie haben schon längst geduscht und warten wieder wie gestern auf die ankommenden Pilger - und neue Nachrichten. Die Pilgerherberge ist wieder gut besetzt, aber es gibt noch für jeden ein Bett. Nach uns kommt die völlig erschöpfte Gruppe aus Italien an und macht ein großes Tamtam, weil sie sich auf mehrere Zimmer aufteilen muß.

Nach einigem Hin und Her beschließen wir, nicht in das nahe Restaurant zum Abendessen zu gehen, sondern uns wie die anderen Pilger im Rifugio selbst etwas zu kochen. Durch die Gänge ziehen schon gute Essensdüfte. Da hält es uns nicht mehr lange auf den Betten. Wir gehen in den Ort um einzukaufen, den Bäcker finden wir am Duft seiner frischgebackenen Brote, die wir noch in der Backstube ofenwarm kaufen. Etwas Obst, Gemüse, Fisch, Wurst, Käse und Wein, schnell ist ein reichhaltiges schmackhaftes Pilgermahl zusammengestellt. Mit vollen Tüten kehren wir wieder in das Rifugio zurück. In der Küche herrscht reges Treiben, man hat mehrere Hühner im Topf und ist dabei, sie in spanisch-französischer Kooperation zuzubereiten. Bei mehreren Köchen geht das nicht ohne längere Diskussionen ab. Am großen Tisch nehmen wir Platz und nehmen gemeinsam unser Pilgermahl ein. Plötzlich erschrecke ich sehr, weil ich mit vollem Mund kauend auf meiner Dose Thunfischsalat eine Katze aufgedruckt finde und glaube, Katzenfutter gekauft zu haben. Die spanischen Pilger lachen, nein das ist wirklich nur das Zeichen einer bekannten Lebensmittelfirma versichern sie mir immer wieder und die Dose sei für den menschlichen Verzehr bestimmt. Der Wein ist schwer und gut, geht aber sofort in die Beine. Das Gespräch dreht sich nur um Santiago. Alle stehen wir vor dem gemeinsamen großen Ziel. Es ist wie in der Schule, so als ob wir vor der Abschlußprüfung stünden und dann wieder auseinandergingen. Ein langer Weg liegt hinter uns zurück, auf dem wir die Wurzeln gespürt, Neues gewagt haben. Jetzt glaube ich erst, daß es stimmt, wenn man sagt, wer aufbricht kommt auch heim. Bald holt uns die Müdigkeit ein und wir liegen im Bett, aber ich kann wieder nicht einschlafen. Die vielen Gespräche gehen mir durch den Kopf. Im Haus wird es ganz still. In den Träumen der Pilger spiegeln sich die Begegnungen mit dem Wunderbaren. Bald werden sie alle ihre Wünsche und Sorgen dem Heiligen zu Füßen legen. Ob Ihnen danach dann leichter ist ?

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Der letzte Tag: Von Arca nach Santiago de Compostela
Mein letzter Tag auf dem Pilgerweg ist angebrochen! Noch 20 km sind heute zu gehen. Beim Aufstehen werfe ich einen Blick aus dem Fenster und sehe, daß der Himmel grau zugezogen ist. Nur wir drei und die italienische Gruppe sind nach da, die anderen Pilger hielt es nicht länger hier. Bald liegt unser Übernachtungsort hinter uns und wir gehen am Waldrand entlang. Ein schöner Blick auf blumenübersäte Wiesen ist unser Morgengeschenk. Für kurze Zeit bricht die Sonne hinter den blauschwarzen Wolken hervor und verzaubert die Stimmung im Nu. Wenn es nur nicht am letzten Tag regnet, nur nicht patschnaß am Ziel ankommen, denke ich bei mir. Immer habe ich gehofft, daß die Sonne bei meiner Ankunft scheinen würde. Der Weg vor der Stadt führt durch einen steilen Weg hinauf in einen großen Wald, der in der Anflugschneise des Flughafens liegt. Von Ferne hören wir Düsengeräusche der Flugzeuge. Jetzt kommt der Punkt für mich, wo ich meinen Kameraden zeigen will, was noch in mir steckt. Ich ziehe den steilen Berg in einem solchen Tempo nach oben, daß meinen Pilgerkameraden die „Spucke weg bleibt“. Ich habe sie einfach abgehängt. Sie verstehen die Welt nicht mehr. Ich war doch immer in der Gruppe hinten, und jetzt führe ich sie an, lege ein solches Tempo vor, daß sie es nicht mehr schaffen, mich einzuholen. Oben auf der Anhöhe warte ich geduldig auf sie und wir machen gemeinsam eine Pause. Da ein kühler Wind durch die gerodete Waldschneise zieht ist unseres Bleibens hier aber nicht lange. Unser Weg führt uns durch einen tief ausgetretenen Hohlweg, der von zahllosen Füßen der Pilger auf den letzten Metern geformt wurde. Mir ist, als sei die rotbraune Erde hier am Ende dieses Weges mit dem Herzblut der vielen Menschen getränkt worden. Schweigend rasten wir ein zweites Mal unter dem Laubdach alter Bäumen vor einer Kirche. Ausgemergelte Hunde kommen vorsichtig näher, bleiben stehen, beobachten mit klugen Augen jede unserer Handlungen, betteln uns schweigend an. Ein paar Brocken, das wissen sie genau, fallen immer für sie ab.

Als wir Lavacolla erreichen steigen Erwartungs- und Glücksgefühle in mir auf, weil sich hier früher am Zusammenfluß von drei Bächen die Pilger des Mittelalters singend gereinigt haben. Nicht nur mit reiner Seele, sondern auch mit einem reinen Körper wollten sie in Santiago Einzug halten. Die Stelle war so wichtig, daß sie sogar in dem aus dem 12. Jh. stammenden Codex Calixtus, dem berühmtesten Pilgerführer des Mittelalters erwähnt wird. Dem Apostel zu Liebe hätten die Pilger hier die Kleider abgelegt und sich am ganzen Körper gewaschen. Auf der Höhe geht es in beschleunigtem Schritt an einem Rundfunk- und Fernsehsender vorbei. Jeder von uns will der erste, will Pilgerkönig sein am Berg der Freude, dem Monto Gozo, von wo man zum ersten Mal die Türme der Kathedrale von weitem erblicken kann. Unterhalb sehe ich den kleinen Hügel liegen, auf dem das Denkmal steht, das man anläßlich des Papstbesuches im letzten Heiligen Jahr hier errichtet hat. Zu diesem Denkmal, wo der Papst den hl. Jakobus umarmt, fliegen unsere Schritte bergab. Noch versperren ein Wäldchen und Bäume die Sicht hinunter zur Stadt. Ich muß erst den Hügel hinaufkraxeln, dann endlich sehe ich durch den trüben Dunst die Stadt, die ich vor 24 Jahren zusammen mit meiner Frau zum letzten Mal sah. Damals kamen wir mit dem Auto an und ich wünschte mir, nur ein kleines Stück auf dem Camino zu gehen. Nun war es doch der ganze Weg geworden. Genau können wir unter uns nicht klären, wer zuerst oben war. Das gemeinsame Ankommen war schließlich wichtiger als der Wettbewerb.

Der Einzug durch die endlose Vorstadt ist zermürbend. Die Menschen sind mit den letzten Einkäufen am Samstagnachmittag für das Wochenende beschäftigt. Kein Mensch nimmt Notiz von uns. Der Pilger gehört hier zum Alltag, er ist nichts besonderes, was eine Beachtung verdienen würde. Wenn die hier doch wüßten, wie weit wir und die Füße abgelaufen haben, um hierher zu kommen, denke ich bei mir. Vielleicht würde der Empfang dann nicht so gleichgültig ausfallen wie jetzt. Auf den letzten Metern bekomme ich einen Krampf im Fuß und muß nochmals eine Pause machen. Die Ungeduld bei meinen Kameraden wächst. Ich beiße die Zähne zusammen. Weiter, es sind ja nur noch wenige hundert Meter. Die gelben Wegzeichen leiten uns auch hier sicher durch die Stadt. Beim Durchschreiten der Puerta del camino - einst stand hier das Stadttor zum Jakobsweg - ist die Grenze zur mittelalterlichen Stadt erreicht. Aus dem Gewirr der Gassen einer lebendigen Altstadt mit ihren vielen kleinen Ladengeschäften tauchen plötzlich die Türme der Kathedrale auf. Der Himmel ist wolkenlos, die Sonne strahlt hell um 15 Uhr am Nachmittagshimmel. Jetzt ist sie doch noch hinter den Wolken hervorgekommen, wie ich es mir immer gewünscht habe. Helmut zieht es nach links zur Heiligen Pforte, im Eilschritt geht er über eine große Treppe zu einem tieferliegenden großen Platz vor der Kathedrale hinab. Er weiß warum. Dort unten wartet eine Überraschung für Fred: Auf der letzten Treppenstufe kommt ihm seine Frau Lisel entgegen und umarmt ihn lange. Sie war mit dem Flugzeug angereist, um in diesem Moment bei ihm zu sein. Das also war das große Geheimnis, von dem nur Helmut etwas wußte. Fred hat vor 20 Jahren dem Tod ins Auge geblickt, als eine schwere Krankheit ihn bis auf 46 kg abmagern ließ. „Nur noch Haut und Knochen war ich“ sagte er mir einmal unterwegs, und daß die Ärzte kaum noch Hoffnung für ihn gehabt hätten. Und nun hat er diesen langen Weg von Burgund bis hierher geschafft. Eine bewundernswerte Leistung für ihn. Erinnerungen an meine Familie werden in diesem Moment in mir wach. Aus den Gesprächen mit anderen Pilgern erfahren wir die Geschichte des kleinen gelähmten Jungen aus Logrono, der im Rollstuhl saß und täglich traurig den vorbeiziehenden Pilgern nachschaute. Als er einer englischen Pilgerin seinen größten Wunsch anvertraute, einmal als Pilger in Santiago de Compostela anzukommen, organisierte die Frau einen Esel und nahm den Jungen mit Zustimmung der Eltern mit. Gestern sind die beiden hier angekommen und haben für großes Aufsehen gesorgt. Für den Jungen hat sich ein Traum erfüllt, denn jetzt ist er auch einer von den Pilgern und kann ihnen stolz sagen, wie es unterwegs und am Ende der Reise sein würde, weil er selbst schon dort war.

Mich zieht es jetzt mit aller Macht in die Kathedrale. Müde steige ich die Treppen hinauf zum Haupteingang, spüre, ich bin wirklich angekommen. Durch die Porta de la Gloria tauche ich ein in den mächtigen romanischen Kirchenraum und sehe für einen Augenblick nichts, bis sich meine Augen allmählich an das Dunkel gewöhnt haben. Unter der Säule, auf der hl. Jakob die Pilger begrüßt, lege ich nach alter Pilgersitte meine drei Finger in jene berühmten Vertiefungen und habe drei Wünsche bei dem Apostel frei. Über dem Heiligen sitzt Christus in der Mitte des überreich geschmückten Torbogens.

Ich schleppe meinen Rucksack bis zu den Bänken und falle mit brennenden Füßen ermattet nieder. Aus der Tiefe des dunklen Kirchenraums glänzt golden die große Statue des Apostels Jakobus hervor, die mit ihren großen Augen jedem Pilger tief in seine Seele blickt. Der lange Weg war nun mit einem Mal zu Ende. Die Spannung löst sich, Tränen rinnen mir über die Wangen herunter. In Gedanken stelle ich mir vor, wie alles angefangen hatte. Bilder der Erinnerung werden langsam wieder in mir wach. Im Rückblick erkenne ich, daß ich die tiefste Freude immer da erlebte, wo ich am wenigsten mit ihr gerechnet hatte. Wie viele Städte und Dörfer hatte ich durchquert, die sich entlang der Pilgerstraßen aufreihen, prächtige Zeugen der Baukunst durfte ich bewundern, unvergeßliche Landschaftserlebnisse waren mir vergönnt in den vielen Stunden allein in der stillen unberührten Natur. All dies gehörte genauso dazu wie die vielen anderen Erlebnisse, die es auch gab: die schweren Stunden bei Wind, Regen, Gewitter, Kälte und zum Schluß Staub und sengende Hitze. Sie waren eine schwere Prüfung auf diesem scheinbar endlos langen Weg. Da waren auch die schlechten Wegstücke, die mir stechende Schmerzen in den Fußgelenken bereiteten. Ich sah die vielen, hautnah an mir vorbeidonnernden Lastwagen vor mir, hörte den dröhnenden Verkehrslärm, roch die stinkenden Abgase. Nie werde ich die schmutzig grauen Vorstädte vergessen, wo das Elend aus den Fenstern herausgeschaut hat. Ich denke zurück an die vielen Begegnungen mit Gleichgesinnten auf dem Weg, sah die Gesichter der Menschen vor mir, die mir ihr Vertrauen schenkten und mir als Fremdling Hilfe und Gastfreundschaft zuteil werden ließen. Oft gab es unterwegs am Abend nichts außer einem einsamen Gehöft, einer Wiese oder einem kleinem Wäldchen, um die Nacht im Zelt zu verbringen. In Schulen, Kirchen und in der Obhut christlich gesinnter Familien hatte ich übernachtet. Einmal habe ich in meiner Not sogar auf einem Friedhof Zuflucht nehmen müssen. Dies alles kam mir wieder in den Sinn.

Was mir vom Jakobsweg blieb
Acht Jahre des Unterwegseins auf dem Jakobsweg durch halb Europa haben mich nachhaltig geprägt. Frei wie ein Vogel im Wind habe ich ein Stück dieses alten Wegebandes im Zustand des „Heute“ erlebt und ganz alleine für mich entdeckt. Ich ließ mich leiten von der Natur und den eigenen Wahrnehmungen. Eine Gratwanderung zwischen Lebensfülle und beklemmender Einsamkeit war es manchmal schon. Mal erlebte ich überschwängliche Glücksgefühle, mal die Mutlosigkeit wegen der großen körperlichen Strapazen. Die starken einfachen Farben der Landschaft, der würzige Duft der Wiesen und Felder haben ihre Spuren in meiner Seele hinterlassen. Gewiß, ich war manchmal bis an meine Grenzen gegangen, erschöpft und verzweifelt, aber ich bereue nichts. Nach 2500 km bin ich glücklich am Ziel angekommen auf einem Weg, der mir immer mehr zum Weg des Glaubens wurde. Meine Erfahrung kurz am Wende dieses langen Fußweges durch halb Europa ist die: das wirkliche Abenteuer liegt nicht auf dem Weg, sondern in uns selbst. Es war eine Wanderung zur eigenen Lebensmitte. Mehr noch: es war die Suche nach dem letzten Sinn, die letztlich jeden Pilger rastlos antreibt. Das war die eigentliche Aufgabe, die mir gestellt war, nicht die Bewältigung des Weges. Es wurde mein Glaubensweg zu meinem großen Ziel. Und ich spürte irgendwann, daß jeder Pilger im Schutz des Höchsten wohnt. Am wichtigsten aber ist, daß etwas in uns von dieser Kraft, die uns verändert hat, über Santiago de Compostela hinaus fortbesteht.

Wie sagte doch Lise, meine französische Pilgerkameradin aus Angers, die ein Jahr vor mir Santiago erreichte, als ich sie einmal fragte, wie ich mich wohl fühlen würde, wenn ich einmal dort angekommen sei? „Ganz einfach „sagte sie zu mir. „Du wirst verstehen, daß es von da ab zwei Personen von dir geben wird. Eine, deren Leben vor Santiago liegt, und eine, deren Leben danach kommt. Sie hat Recht behalten.

Dr. Walter Töpner



 
 
Wanderführer Jakobswege durch Deutschland
 
 
 
 



Jakobswege in der Schweiz, mit Literaturverzeichnis und Etappen
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