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Bernina-Umrundung mit Zelt

Wandersite: Im Jahr 2001 bin ich mit meinem Mann rund um das Berninamassiv gewandert - das war noch vor der Wandersite-Zeit.
Unsere damaligen Etappen (mit Hotel- oder Hüttenübernachtung)

sind hier beschrieben (mit Adressen und Zeitangaben): https://www.wandersite.ch/RundumBernina.html

Nun erhielt ich 2019 von Maria Innitzer aus Wien die spannende Beschreibung ihrer Tour im selben Gebiet, doch teilweise näher im alpinen Gelände.
Zu bewundern ist, wie sie bei oft widrigen Wetter täglich campiert und ihr Zelt den ganzen Weg mitgeschleppt hat. Eine eindrückliche Reportage!
Die Wandersite erhält die Erlaubnis, den Erlebnisbericht zu veröffentlichen. Herzlichen Dank!
Für allfällige Nachwanderer zum Thema Alleingang im Gebirge: Beachten Sie bitte die Empfehlungen des Schweizer Amtes für Unfallverhütung: https://www.sicher-bergwandern.ch
Als erfahrene Berggängerin wählte Maria in Italien teils Strecken, die nicht einfach so nachgewandert werden können - Trittfestigkeit und Erfahrung im Kartenlesen sind Voraussetzung (bis Schwierigkeit T3, siehe Wanderskala SAC).



ungefähre
            Route, gezeichnet mit SchweizMobilPlusMaria Innitzer:
Im Juli 2019 habe ich eine Rundwanderung um die Berninagruppe alleine mit dem Zelt gemacht, und möchte meine Erlebnisse gerne teilen.
Ich
war immer auf markierten Wegen unterwegs, und es war kein Gletscher dabei.
Als Karte habe ich für die Schweiz "Oberengadin" 1:60'000 von Kűmmerli & Frey benutzt. In Italien "Bernina, Valmalenco, Sondrio" 1:25'000, ISBN 978-8-8985-2039-8
Die Anreise erfolgte mit dem Nachtzug von Wien nach Sargans, weiter nach Chur, und mit der Rhätischen Bahn nach St. Moritz. Ankunft in St. Moritz um 10 Uhr. Hier meine Route:
der ungefähre Verlauf.

1.Tag St.Moritz - Sils Maria - Maloja
Nachdem es in Wien um die 35 Grad hatte, ist es in Moritz mit 18 Grad und Sonnenschein angenehm frisch. Es geht zunächst direkt vom Bahnhof St.Moritz an den St. Moritzer See, wo Ruderboote und Blesshühner schwimmen. Den See entlang geht es nach St. Moritz Bad, und dann den Wanderweg durch den Wald. Ich komme an einem kleinen Campingplatz vorbei, dann weiter zum Champfersee, mit unzähligen Blumen, vor allem Alpenrosen, Vergissmeinnicht, Löwenzahn und Glockenblumen am Wegrand. Der Wanderweg führt weiter nach Surlej und den Silverplanersee. An der Feuerstelle beim Nietzschestein mache ich Rast und koche mir Spaghetti Carbonara auf meinem Campingkocher. Erste Wolken ziehen auf, und der türkisblaue See erscheint in einem magischen Licht. Es geht weiter, der Weg verläuft im Wald etwas oberhalb des Sees auf und ab, und an der Talstation Furtschellas vorbei nach Sils Maria. Dort besorge ich im Supermarkt noch etwas Proviant. Es wird die letzte Einkaufsmöglichkeit für die nächsten fünf Tage sein. Ich spaziere durch den Ort, der mir schon von früheren Besuchen bekannt ist. Das Nietzschehaus hat, wie immer montags, leider geschlossen. Es ist 14 Uhr, als ich Richtung Silsersee aufbreche. Jetzt verfinstert sich der Himmel zusehends, der See bietet dennoch einen grandiosen Anblick. Ich folge Nietzschestein, Bild Maria InnitzerSilvaplanersee, Bild Maria Innitzerdem Weg am südlichen Seeufer Richtung Isola und Maloja. Als ich am Bootshaus der Schifffahrtslinie vorbeigehe, beginnt das Gewitter. Augenblicklich stelle ich mich im Bootshaus unter. Der Regen ist so stark, dass das gegenüberliegende Seeufer nicht mehr zu erkennen ist. Einige andere Wanderer und Radfahrer leisten mir Gesellschaft. Darunter ein Herr um die sechzig, klein, drahtig, aus der Gegend, mit einem Mountainbike, das beeindruckend breite Reifen hat. Er erklärt mir, dass er so auch durch den Schnee fahren kann. Ich werde ihm später noch einmal begegnen. Als der Regen nachlässt, mache ich mich wieder auf den Weg. Ich habe einen Schirm dabei, und nachdem der Weg großteils im Wald oberhalb des Seeufers verläuft, würde ich wohl nicht allzu nass werden. Bei Isola führt der Weg allerdings aus dem Wald heraus, und der Regen wird wieder stärker. Glücklicherweise ist es jetzt nicht mehr weit zum Campingplatz kurz vor Maloja, auf dem ich um halb fünf eintreffe. Ich darf im Restaurant warten, bis der Regen aufhört, damit ich mein Zelt trocken aufstellen kann. Ausserdem bekomme ich Zeitungspapier, um meine Schuhe zu trocknen. Kaum habe ich meinen Tee getrunken, ist es auch schon so weit, und der Regen macht kurz Pause. Das Zelt ist schnell aufgestellt. Ich gehe heiss duschen, das letzte Mal für die nächsten fünf Tage. Es beginnt immer wieder zu regnen. Mein Abendessen koche ich im großen Tipi, das als Aufenthaltsraum fungiert. Bei Einbruch der Dunkelheit schlafe ich sofort ein.


2.Tag Maloja - Lej Cavloc - Murettopass - Alpe Oro
Um fünf Uhr morgens werde ich von den Regentropfen geweckt. Ich beschließe, noch ein wenig weiterzuschlafen, und hoffe, dass der Regen aufhört. Das tut er dann auch, so dass ich um 9 Uhr mit fast trockenem Zelt aufbreche. Schlafsack und Matte sind leider vom Kondenswasser etwas feucht. Zunächst geht es eine asphaltierte Strasse nach Maloja hinein, dann zum Malojapass. Von hier führt ein Wanderweg über Wiesen und Wälder, zunächst an einem skurrilen Bauernhof vorbei, dann an den Lej Cavloc. Dort mache ich eine frühe Mittagspause in der Sonne. Eine gute Gelegenheit, Zelt, Schlafsack und Matte zu trocknen und die Füße zu lüften. Als eine größere Gruppe Wanderer kommt, die ich zuvor überholt habe, räume ich das Feld. Der Weg führt weiter einen plätscherndes Bach entlang, und gewinnt langsam an Höhe. Am Plan Canin liegt die Wegkreuzung, an der es rechts Richtung Fornohütte geht, und geradeaus ins Val Muretto,  Richtung Murettopass. Ich gehe geradeaus, überquere erst einen breiten Fluss und folge dann dem Weg einen Bach entlang. Bald beginnen die ersten Altschneefelder. Erst kann ich ihnen ausweichen, doch dann setzt sich die Wanderung im Schnee fort. Der Schnee ist kompakt, fast wie eine Schipiste. Zwei Mountainbiker in Radlerdress kommen mir vom Pass entgegen. Sie schieben ihre Räder durch den Schnee, und fragen sich, ab wann sie wohl wieder aufsteigen könnten. Sie haben noch ein paar hundert Meter im Schnee, aber ich werde bald selbst erfahren, wie viel sie schon hinter sich haben. Im Fels neben dem Schnee sind Blumen und Palmkätzchen, die hier erst spät blühen. Ich sehe die ersten Murmeltiere. Kurz vor dem Murettopass wird es steil und ich muss ein wenig meine Hände einsetzen, und dann bin ich endlich oben. Auf einer Bank genieße ich den Ausblick nach Italien hinunter. Wolken sind aufgezogen, und hinter dem nächsten Bergrücken donnert es schon. Auch am Abstieg gibt es viel Schnee. Der Schnee ist kompakt, und das Gefälle ist nicht zu steil, so kann ich wie auf Schiern hinuntergleiten. Ein Talboden tut sich auf, und der Weg wird immer besser, bis er ab der Alpe Monte Rosso ein richtig breiter Fahrweg ist. Kurz geht es durch den Wald, und um halb fünf komme ich auf der Alpe Oro an. Unten am Fahrweg steht ein grosses Haus und es gibt einen Brunnen. Hier fülle ich meine Wasservorräte auf. Bei der Familie, die sich auf der Wiese sonnt, handelt es sich aber nicht um die Besitzer des Hauses, sondern um Ausflügler, die aus Chiareggio mit dem Auto heraufgekommen sind. Die etwas oberhalb im Verlauf des Wanderwegs gelegene Alm ist noch nicht bewirtschaftet. Hier baue ich mein Zelt auf, zumal auch die Gewitterwolken immer mehr den Himmel verfinstern. Ich koche noch schnell ein Abendessen, und schon geht es los. Blitz und Donner, strömender Regen, Sturmböen. In meinem Zelt bin ich sicher. Nach zwei Stunden ist der Zauber vorbei. Ich trete aus dem Zelt und sehe einen leuchtenden Regenbogen. Abwasch und Körperpflege erledige ich am Brunnen, dann schlafe ich sofort ein.


Wegweiser Plan
                    Canin, Foto Maria Innitzer
Wegweiser Plan Canin
Lej Cavloc, Foto Maria
                        Innitzer
Lej Cavloc
Murettopass, Foto Maria Innitzer
Murettopass
Alpe dell'Oro, Regenbogen, Foto
                        Maria Innitzer
Regenbogen auf der Alpe dell'Oro

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3.Tag Alpe Oro - Rifugio Longoni - Lago Entova - Ponte degli Alpini im Val Scersen
Ich wache um sechs Uhr auf, die Nacht war anscheinend trocken, doch der Himmel ist bedeckt. Zum Frühstück gibt es Tee und Flapjack. Ich packe schnell zusammen, denn es sieht nach Regen aus. Um halb acht marschiere ich los Richtung Alpe Fora. Es geht durch Wiesen und Wälder, eine unglaubliche Blumenpracht säumt den Weg. Noch im Wald vor der Alpe Fora beginnt es zu regnen. Der Trampelpfad lässt sich mit Regenschirm leicht gehen. Knapp oberhalb der Baumgrenze liegt die Alpe Fora, sie ist ebenfalls noch nicht bewirtschaftet. Ab hier steigt der Weg an, und das Terrain wird felsiger. Regen und Sonne wechseln sich ab. Schließlich erreiche ich ein Hochplateau. Eine weite Almwiese, die von Bächen durchkreuzt wird. Im Hintergrund die steilen Felsen, aus denen Wasserfälle herabstürzten. In einem der Felsen glaube ich die Gestalt eines Murmeltieres zu sehen. Murmeltiere gibt es hier oben natürlich auch. Sie sind eher klein und sehr scheu, meist höre ich nur ihre Pfiffe, ohne sie zu Gesicht zu bekommen. Weiter geht es durch felsiges Geröll bergauf zum Rifugio Longoni. Es ist kurz nach zehn Uhr. Die Hütte hat geöffnet, und ich werde vom Wirt sehr freundlich empfangen. Er habe derzeit nur alle paar Tage Gäste. Und ja, die Mountainbiker, denen ich am Vortag am Murettopass begegnet bin, waren auch bei ihm. Er möchte Fotos sehen, von den Schneeverhältnissen, er bekomme laufend Anfragen. Ich darf meine Sachen in der Hütte trocknen und bekomme sogar Reservezeitungspapier für meine Schuhe “für heute Abend”. Ich solle mich doch in die Küche setzen, da sei es wärmer. Ich bin hungrig, der Wirt kocht mit Pasta, und serviert mir selbst gebackenen Buchweizenkuchen. Wir unterhalten uns über die Berge und das Leben. Sein Traum sei es, einmal in Wien in die Oper zu gehen. Er ist ganz angetan, von meinem Plan, die Tour mit dem Zelt zu bestreiten. Da sei man flexibler, das sei wichtig. Er empfiehlt mir auch, spätestens um fünf Uhr Schluss zu machen, und die nächste Etappe am besten bei der “grünen Brücke” im Val Scersen zu beenden, da der folgende Anstieg zum Rifugio Carate Focella
              Entova, Foto Maria InnitzerBrianza sehr anstrengend, und das Wetter instabil sei. Vorher gelte es noch, die Forcella Entova zu überwinden, ob ich ihm auch von da Fotos schicken könnte. Um zwölf Uhr breche ich schließlich auf, mit trockenen Sachen. Erst geht es ein Stück durch dem Blockfels abwärts zu einer Schotterstrasse, die hinauf zum Lago Entova, wo es ein paar Almhäuser gibt, führt. Glücklicherweise bin ich schon auf der Schotterstrasse, als es wieder zu regnen beginnt. Ich lasse mich nicht beirren und setze den Weg auf der Schotterstrasse fort. Kurz hagelt es sogar, doch dann ist es wieder trocken. Am oberen Teil des Fahrwegs sind immer wieder kleine Schneefelder zu überwinden. Oben bei den Ponte Alpini, Bild Maria
                  InnitzerAlmhütten vor dem See zeigt sich eine geschlossene Schneedecke, auch der See ist noch gefroren und von Schnee bedeckt. Ab hier geht es im Blockfels weiter, Markierungen sind teilweise sichtbar, doch eigentlich ist es mit der Karte ganz klar, dass es hier nur eine richtige Richtung gibt. Den See umrunden und dann die Rinne hinauf, rechts halten. Der Weg hinauf zur Scharte  Forcella Entova ist auch problemlos, die Hände muss ich fast nicht einsetzen. Oben weht ein eisiger Wind, und ein Blick auf die andere Seite zeigt Schnee, viel Schnee. Im oberen Teil noch gut zu gehen, breche ich weiter unten ein paar mal ein. Ich teste mit meinen Wanderstöcken die Schneedecke an, doch ganz ist es nicht zu verhindern. Weiter unten ist es dann möglich, die Schneefelder zu umgehen. An einem kleinen See, bei den letzten großen Schneefeldern,  sehe ich einen Herrn in Turnschuhen und kurzer Hose, wir nehmen aber keinen Kontakt auf. Von hier sehe ich schon den Scersen Gletscher und das Scersen Tal, mein heutiges Ziel. Den Abstecher zum Alpinifriedhof mache ich natürlich doch. Um halb sechs erreiche ich die “grüne Brücke”, offiziell Ponte degli Alpini genannt. Es handelt sich um eine solide Stahlkonstruktion über den reissenden Fluss, der durch das Scersen Tal fließt. Davor eine kleine Wiese, auf der ich das Zelt aufbaue. Es ist kalt, und ich krieche in meinen warmen Schlafsack. Abends regnet es wieder, und ich verbringe eine ruhige Nacht im Zelt.



4. Tag Ponte Alpini - Rifugio Carate - Rifugio Bignami - Alpe Gembre
Morgens ist es draussen wieder trocken, im Zelt Matte und Schlafsack wieder etwas feucht vom Kondenswasser. Die Schuhe sind mit dem Zeitungspapier halbwegs trocken geworden. Es ist ein kühler Morgen bei wolkenlosem Himmel. Ich koche mir einen Tee, dann breche ich auf. Erst überquere ich auf der Brücke den tosenden Fluss, dann geht es Richtung Rifugio Carate Brianza. Der Weg führt erst steil bergauf, dann quert er einen felsigen, von kleinen Bächen durchkreuzten Hang Richtung Süden, dann geht es etwas flacher mit Ausblick auf Scersengletscher,  Piz Roseg und Piz Bernina zu den Laghetti delle Forbici. Die Seen sind zum Teil noch gefroren und von Schnee bedeckt. Um nicht im Schnee einzubrechen, weiche ich den Altschneefeldern so gut es geht aus, was aber nicht immer möglich ist. Es folgt noch ein kurzer steiler Aufstieg durch Blockfels. In den Felsspalten kommt eine Unmenge von Konserven- und Getränkedosen aus mehreren Jahrzehnten und in verschiedenen Stadien der Verrostung zum Vorschein. Dies ist umso erstaunlicher, als schon nach wenigen Minuten die kleine Passhöhe erreicht ist, von der es nur ein paar Schritte zum Rifugio Carate sind. Gegen 10 Uhr treffe ich auf der Hütte ein. Der Wirt ist erst etwas mürrisch, lässt mich dann aber doch meine Sachen auf der sonnigen Terrasse trocknen. Diesmal bekomme ich keine Pasta, aber ein grosser Teller mit Speck und Käse ist mir genauso willkommen. Wir unterhalten uns auf Französisch als unserer besten gemeinsamen Sprache. Eigentlich hatte ich geplant, von hier aus über die Forcella Fellaria zum Rifugio Bignami zu gehen. Der Wirt rät mir dringend davon ab, es gäbe Lawinen und Steinschlag, und diesen Sommer sei noch niemand oben gewesen. Er rät mir statt dessen, zum Campo Moro abzusteigen, um dann weiter über den Campo Gera Stausee zum Rifugio Bignami zu gelangen. Was auf der Karte wie ein riesiger Umweg aussieht, wäre bei den Schneeverhältnissen zeitlich kein so grosser Unterschied. So ändere ich meinen Plan kurzerhand, obwohl ich mich im Hochgebirge so viel wohler fühlen würde, als unten am Stausee mit der Autostrasse. Zügig geht es über Almwiesen bergab, es kommen mir immer mehr Tagesausflügler mit leichtem Gepäck entgegen. Aber auch Bergsteiger mit vollständiger Kletterausrüstung, die wohl in Richtung Gletscher unterwegs sind. Der Weg überquert wieder etliche Bäche und führt schließlich durch einen Wald zum ersten der beiden Stauseen. Ich überquere die Staumauer, dann geht es einer asphaltierten Straße entlang. An einem Brunnen mache ich eine kurze Pause. Hier unten in der Mittagssonne ist es zum ersten Mal auf meiner Wanderung richtig heiß. Schließlich gelange ich an einen Park- und Rastplatz, wo sich Ausflügler tummeln. Ich gehe weiter und erklimme langsam die Stufen zum Stausee. Ich überquere die Staumauer, um dem Wanderweg am westlichen Seeufer Richtung Rifugio Bignami zu folgen. Erst geht es parallel zum Seeufer sanft bergauf, dann folgen etwas steilere Serpentinen. Der Himmel verfinstert sich zusehends und öffnet schließlich seine Schleusen. Trotz Regenschirm komme ich ziemlich durchnässt gegen 15 Uhr auf der Hütte an. Einige Gäste sind im großen Gastraum, und ich spekuliere mit dem Gedanken, die Nacht hier zu verbringen. Erst bestelle ich einen heissen Tee und etwas zu essen, es gibt Polenta mit Käse und Bohnen sowie eine hervorragende Schokoladentorte. Mehrere Gruppen von Wanderern sind da, mit den ich mich ein wenig unterhalte. Auf der Hütte gibt es auch einen jungen Hund, Margo, der von einem älteren Artgenossen bewacht wird. Auch eine Familie mit Kindern ist da, die auf ihrem Ipad spielen. Irgendwie ist es mir dann zu geschäftig, vor allem die laute Musik vom Ipad irritiert mich. Um 17 Uhr hat der Regen aufgehört, und so verlasse ich die Hütte wieder. Ich folge dem Wanderweg weiter um das nördliche Seeufer herum und gelange am Gegenhang zur Alpe Gembre. Auch diese Alm ist noch nicht bewirtschaftet, es gibt aber einen funktionierenden Brunnen. So schlage ich hier mein Zelt für die Nacht auf, wasche mich am Brunnen und genieße die Aussicht auf den Fellaria Gletscher und den Piz Palü. Diesmal kommt kein weiteres Gewitter und ich verbringe eine ruhige Nacht.

Ponte Alpini, Foto Maria Innitzer
Ponte Alpini
Laghetti
                  delle Forbici, Foto Maria Innitzer
Laghetti delle Forbici
Rifugio Carate, Foto Maria
                  Innitzer
Rifugio Carate
Stausee Lago di Gera, Bild
                  Maria Innitzer
Stausee Lago di Gera
Alpe Gembre, Foto Maria Innitzer
Alpe Gembre


5. Tag Alpe Gembre - Passo Canfinal - Cavaglia - Lagh da Palü
Morgens gehe ich es gemütlich an, koche Tee und wasche mich am Brunnen und hoffe dass das Zelt vorm Aufbrechen noch ein wenig trocknet. Die Sonne kommt hier wohl erst später, befinde ich mich doch an einem Osthang. So breche ich schließlich auf und gehe über Almwiesen weiter Richtung Passo Canfinal, der Grenze zur Schweiz. Der Anstieg ist so gut wie schneefrei und als der Pass schon in Sichtweite ist, sehe ich zum ersten Mal auf der Wanderung Weidetiere, in diesem Fall Schafe. Oben am Passo Canfinal befindet sich eine Biwakschachtel, an der ich meine erste Pause einlege, und Zelt, Schlafsack und Matte trockne. Es ist sonnig, und es weht ein kühler Wind.   Es folgt der lange Abstieg nach Cavaglia. Auf der Schweizer Seite sind dann doch einige Altschneefelder. Erst geht es durch Fels, dann über Wiesen, ich überquere unzählige kleinere und größere Bäche. Ein offensichtlich verirrtes Schaf läuft vor mir davon. Ob es zur Herde auf der italienischen Seite gehört, oder von der Schweizer Seite kommt, ist schwer zu sagen. Irgendwann verliere ich es aus den Augen. Auch die Murmeltiere sind sehr scheu. Meist höre ich nur ihre Pfiffe. Kann ich einmal ein Tier ausmachen, und versuche ich mich zu nähern, komme ich maximal 10 Meter heran, zu weit weg für ein Foto. Ebenso eindrucksvoll der Enzian, der ganze Hang ist voll damit. Auf einem Foto kann man solche Eindrücke ohnehin nicht gebührend festhalten. Leider verpasse ich irgendwann eine Abzweigung nach links, wo der offizielle Weg weitergeht. Aber auch geradeaus gibt es zunächst Markierungen, die dann immer spärlicher werden. Das Ziel ist jedoch klar - abwärts zur nächsten Alm, treffenderweise Plan da li Perti genannt, um dort einen Weg aufzunehmen, der mit dem ursprünglichen wieder zusammenführt. Es geht recht steil eine von Wasserläufen durchzogene Blumenwiese bergab ins Val d’Urse. Hier ist die Markierung wieder eindeutig, und es geht zunächst den Fluß und dann den Nordhang entlang bis zu einer asphaltierten Strasse, knapp unterhalb von Somdoss der ursprüngliche Weg aufgenommen wird. Eine kurze Strecke geht es jetzt auf Asphalt weiter, dafür mit einem großartigen Ausblick auf den Posciavo mit dem gleichnamigen See im Südosten. Der Weg wendet sich jedoch Richtung Norden, bald geht es wieder auf einen Waldweg Richtung Veruna. Die Vegetation ist üppig, der Weg kaum ausgetreten, ich gehe zum Teil hüfthoch durch Brennesseln. Dazwischen tausende Blumen und Schmetterlinge. An einem Brunnen bei der Alpe Varuna mache ich Rast. Dann begegne ich das erste Mal auf dieser Wanderung einer Kuhherde, um die ich einen großen Bogen mache. Schließlich treffe ich gegen 14 Uhr in Cavaglia ein, und besuche erst den Gletschergarten, wo mich besonders die Gletschertöpfe beeindrucken. Ich werde in der Folge meine Augen nach diesen Strukturen offen halten. Der Gletschergarten liegt ganz nah an Pass Canfinal, Foto Maria Innitzerder rhätischen Bahn, die die nächsten Tage meinen Weg begleiten wird. Cavaglia selbst besteht nur aus wenigen Häusern. Eigentlich hatte ich auf ein Lebensmittelgeschäft gehofft, da meine Vorräte mittlerweile zur Gänze Lagh da
              Palü, Foto Maria Innitzeraufgebraucht sind. Doch leider gibt es hier keine Einkaufsmöglichkeit. Im örtlichen Rifugio esse ich Spaghetti bolognese. Ich begegne einer Großmutter mit ihrer 6 jährigen Enkelin und ihrem Hund, Beppo. Die beiden erzählen, dass sie für den Tag mit der Bahn angereist sind, und am Campingplatz in Morteratsch übernachten. Die Dame macht sich Gedanken über die Gletscherschmelze. In ihrer Lebenszeit habe sie die Gletscher hier in der Gegend mit eigenem Auge über die Jahre kleiner werden sehen. Woher wir wohl das Wasser bekämen, wenn die Gletscher nicht mehr da wären. Übernachten möchte ich nicht im Rifugio, mich zieht es wieder auf den Berg, in die Natur. Die Wirtin hat großes Verständnis dafür. So setzte ich meinen Weg Richtung Lagh Palü fort. Nach einer guten Stunde durch den Wald erreiche ich den See. Die Spaghetti waren nicht ausreichend für meinen großen Hunger, so bestelle ich in einem kleinen Lokal am See Polenta mit Spiegelei. Zum Übernachten ziehe ich mich hinter den See zurück, an einem Wanderweg, der eine Extrarunde Richtung Palügletscher macht und nicht sehr frequentiert aussieht. Ich wasche mich im Fluss, der vom Gletscher herunterfließt. Da fällt mir auf, dass es erstmals einen ganzen Tag nicht geregnet hat. Dass der Regen auch nicht so schlimm ist, bin ich doch bisher immer wieder nass und infolge wieder trocken geworden. Ein letzter Blick auf den Piz Palü, und ich ziehe mich in mein Zelt zurück, schlafe augenblicklich ein, obwohl es erst 19 Uhr ist.


6.Tag Lagh Palü - Alp Grüm - Berninapass - Camping Morteratsch
Auch die Nacht verlief trocken. Um drei Uhr morgens wache ich das erste Mal auf. Draussen sehe den Nachthimmel mit abertausenden Sternen und eine schmale Mondsichel. Ich schlafe nochmals ein, um sieben wache ich wieder auf, koche ich mir Tee, warte auf die ersten Sonnenstrahlen, die auch rechtzeitig kommen, sodass das kondenswassrefeuchte Zelt vor dem Einpacken ganz trocknen kann. Schlafsack und Matte bereiten mir diesmal kein Sorgen, weiß ich doch, dass mein nächstes Ziel, der Campingplatz Morterasch, über einen Trockenraum verfügt. Als ich am Packen bin, kommt am Weg die Wirtin vom Rifugio Cavaglia mit ihrem Sohn vorbei, der eine Trompete am Rücken trägt. Sie wollen hinauf zu einem kleinen See, wo er ihr ein Ständchen spielen möchte. Ich begebe mich wieder zurück, Richtung See, und folge dem Wanderweg durch den Wald zur Alp Grüm. Viel grünes Gras, Schmetterlinge und Blumen begleiten ihn, ein Laubfrosch hüpft über den Weg. Die Rhätische Bahn windet sich hier den Berg hinauf, und ich komme an einem Wasserkraftlehrpfad vorbei. An der Bahnstation Alp Grüm kaufe ich mir als Frühstück zwei Packungen Kägifretschnitten, die vom ganzen Angebot das beste Preis- Leistungsverhältnis aufweisen. Von hier geht es den Wanderweg weiter sanft ansteigend zum Lago Berninapass, Rhätische Bahn, Foto Maria InnitzerMorteratsch, Foto Maria InnitzerBianco, dem großen See, an dem der Berninapass liegt. Ich folge dem nordöstlichen Seeufer, um zum Pass zu gelangen. Hier herrscht reges Treiben, vor allem Motorradfahrer sind anzutreffen. In einem Lokal am Pass mache ich Mittagspause und esse Ham and Eggs mit Pommes Frittes. Der weitere Weg wird von der Rhätischen Bahn begleitet, Richtung Westen habe ich Aussicht auf den Piz Morteratsch. Der Weg führt leicht bergab über Wiesen und Wälder, schließlich lande ich auf einer asphaltierten Strasse, die zum Campingplatz Morteratsch führt. Es sieht wieder nach Gewitter aus. So baue ich mein Zelt auf, nehme eine Dusche, wasche meine Kleidung und trockne sie gemeinsam mit Schuhen, Matte und Schlafsack im Trockenraum. Im Laden des Campingplatzes besorge ich Proviant für die nächsten Tage und Postkarten, die ich gleich schreibe und abschicke. Nachdem morgen Sonntag ist, wird dies die letzte Einkaufsmöglichkeit für die nächsten drei Tage sein. Auch der Spiritus für meinen Kocher ist ausgegangen. So nehme ich schweren Herzens eine Literflasche Spiritus, kleinere Gebinde sind nicht erhältlich. Inzwischen hat es begonnen zu regnen. Im Restaurant teile ich einen Tisch mit einem Bäckerehepaar aus Rapperswil bei Bern. Wir unterhalten uns über den Bäckerschwund, der auch in der Schweiz um sich greift und essen Pizza. Auch die Großmutter mit Enkeltochter, die ich in Cavaglia getroffen habe, ist da. In einer Regenpause begebe ich mich zum Zelt, nachdem ich die getrocknete Matte samt Schlafsack aus dem Trockenraum geholt habe. Dann beginnt es wieder zu regnen, und ich schlafe schnell ein.

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7. Tag Camping Morteratsch - Val Roseg - Fuorcla Surlej - Lej Malachit
Morgens ist der Himmel bedeckt, und das Zelt vom Regen triefnass. Wenigstens regnet es jetzt nicht, und so packe ich schnell alles zusammen. Als ich die restlichen Sachen aus dem Trockenraum hole, setzt wieder leichter Regen ein. Ich kaufe im Shop noch schnell ein Frühstück und ziehe dann mit Regenjacke und Schirm los. Der Weg führt erst auf der asphaltierten Strasse entlang, dann durch Wiesen und Wald Richtung Pontresina. Als ich ins Val Roseg abzweige, lässt der Regen nach. Hier treffe ich auf dem breiten Weg der dem Tal- und Flusslauf folgt, etliche Läufer und Radfahrer. Es gibt einen Lehrpfad über die Fauna und Flora. So erfahre ich, dass Füchse und Dachse im Winter einen Bau teilen. Wenn dann die Fuchsjungen auf die Welt kommen, ziehen die Dachse aus. Auch lerne ich, dass Flechten eine Symbiose aus Algen und Pilzen sind. Entlang des Weges stehen Schaukeln, die groß sind wie Sitzbänke, mit Widmungen oder Sinnsprüchen, wie ich sie aus dem Engadin kenne. Der nasse Rucksack mitsamt dem nassen Zelt und dem Liter Spiritus macht sich bemerkbar. Nicht so sehr als gefühltes Gewicht am Rücken, sondern in einem langsameren Gehtempo. Von der Wiese vor dem Hotel Roseg habe ich noch einmal einen Blick auf die großen Gipfel und Gletscher, Morteratsch, Bernina und Roseg, die hier zum Greifen Nahe sind. Ich schlage den Wanderweg Richtung Fuorcla Surlej ein. Es geht einen schmalen Pfad oberhalb der Baumgrenze zunächst zur Alp Surovel. Die Hütte ist verschlossen. Auf der kleinen Wiese an der Südseite gibt es eine Bank und einen Brunnen. Jetzt scheint die Mittagssonne die ich für eine Rast und zum Trocknen von Zelt, Schlafsack, und Matte sowie zum Kochen nutze. Ich geniesse den Ausblick Auf Piz Roseg und Piz Bernina. Auch am Berninagletscher ist deutlich zu sehen, wie er sich in den letzten Jahren zurückgezogen hat. Wieder ziehen dunkle Wolken auf. Ich kann gerade noch alles zusammenpacken, und mich unter das Vordach der Almhütte flüchten, bevor der Regen in Strömen herunterprasselt. Eine weitere Stunde verharre ich unter dem Dach, bevor der Regen aufhört, und ich meinen Weg Richtung Fuorcla fortsetze. Allerdings sollte ich bis zur Scharte noch einmal nass werden. Erst geht es über Almwiesen, dann über Felsen und Bäche. Oben liegt noch Schnee, aber es ist kein Vergleich zu dem, was ich noch vor einigen Tagen in Italien zu überwinden hatte. Kurz nach 15 Uhr treffe ich auf der Hütte auf der Fuorcla Surlej ein. Hier oben gibt es sogar eine Toi Toi Toilette. Die Hütte hat offen, allerdings nur bis 16 Uhr. Ich bekomme eine Gerstensuppe mit Würstel und unterhalte mich mit der Wirtin über meine Erlebnisse. Sie ist ganz angetan von meinem Plan, bei den kleinen Seen auf dem Weg Richtung Furtschellas zu biwakieren. Wieder mit trockener Kleidung ziehe ich weiter. Der Weg steigt ab Richtung Seilbahnstation Murtel, dann geht es unter den Skiliften weiter den Hang entlang Richtung Furtschellas Mittelstation. Bei Rabgusa biege ich jedoch nach Süden und hangaufwärts ab, dem Weg der Rundwanderung zu den kleinen Bergseen folgend. Am Lej Malachit schlage ich mein Zelt auf, zumal es wieder nach Regen aussieht. Dann fallen aber nur einige Tropfen. Ich wasche mich im See und genieße den Blick auf Corvatsch und Furtschellas. Leider sind die großen Seen im Tal von hier aus nicht zu sehen, dafür ist der Platz windgeschützt. Die Nacht bleibt dann trocken.

Schaukel mit Sinnspruch,
                  Foto Maria Innitzer
Schaukel mit Sinnspruch
Alp Surovel im Val
                  Roseg, Foto Maria Innitzer
Alp Surovel im Val Roseg
Fuorcla Surlej, Foto Maria
                  Innitzer
Fuorcla Surlej
Lej Malachit ob Sils, Foto
                  Maria Innitzer
Lej Malachit


8. Tag Lej Malachit - Plaun da las Furtschellas - Lej Sgrischus - Fextal - Maloja

Nach einer traumreichen Nacht wache ich bei blauem Himmel auf. Die Berge spiegeln sich im kleinen Bergsee. Ich koche Tee und warte bis die ersten Sonnenstrahlen das Zelt, Schlafsack und Matte trocknen. Dann breche ich auf und folge im Ab- und Aufstieg dem Wanderweg Richtung Lej Sgrischus". Von einem kleinen Plateau habe ich dann einen fantastischen Ausblick auf Silser- und Silvaplanasee. Weiter geht es relativ eben über Plaun da las Furtschellas und kleine Bergseen entlang, bis ich schließlich am späten Vormittag den Lej Sgrischus erreiche. Hier mache ich eine lange Rast, ziehe meine Schuhe und Socken aus und koche mir ein frühes Mittagessen. Auch hier um den See findet sich der Müll von hundert Jahren. In erster Linie wieder Dosen und Glasflaschen, einige in den Eingängen von Murmeltierbauten versenkt. Am liebsten würde ich den ganzen Müll mitnehmen, aber dazu bräuchte ich einen extra Rucksack. Nach dem Essen tauche ich  meine Füße in den eiskalten See, zum Schwimmen ist mir das Wasser doch zu kalt. Da sehe ich Blick ins Fextal, Piz Chüern, Foto Maria Innitzeretwas weiter weg am Ufer eine Dame um die siebzig, klein, drahtig und bedächtig in ihren Bewegungen, wirkt sie schon aus der Ferne. Als ich wieder zu ihr hinüber schaue, hat sie einen Badeanzug an, und begibt sich tatsächlich in den See. Erst setzt sie sich im Langsitz ins Wasser, lässt dann ihren Oberkörper zurücksinken, und beginnt zu schwimmen. Wieder am Ufer, setzt sie sich hin, packt aus ihrem kleinen Rucksack eine Blockflöte aus, und spielt darauf eine Melodie. Ich höre fasziniert zu, nehme aber keinen Kontakt auf. Ich sitze jetzt auch ganz still, beobachte meinen Atem, dann mache ich ein paar Yogaübungen. Ich bin überrascht, wie ungewöhnlich es ist, die Berggipfel, den See, und das Tal kopfüber wahrzunehmen.  Als ich wieder ruhig dasitze, sehe ich, wie die die Dame auf mich zukommt. Wir kommen ins Gespräch. Sie sei den ganzen Weg von Sils bis hier herauf bloßfüßig gegangen. Ich zeige mich beeindruckt, sind das doch gute 800 Höhenmeter zum Teil über Fels und Bäche. Sie habe das immer schon so gemacht, und wenn ich es nie ausprobiert habe, könne ich doch gar nicht wissen, ob es nicht auch für mich möglich Silsersee, Foto Maria Innitzerwäre. Und ja, der See sei kalt, keine zehn Grad, aber so schön, darin zu baden. Dann verabschieden wir uns wieder. Ich packe zusammen und setze den Weg zum Piz Chüern, einem kleinen Gipfel hinter dem See fort. Von hier ergibt sich ein Blick auf den Fexgletscher und das Fextal. Der Abstieg ins Fextal erfolgt auf einem Wanderweg, erst noch felsig, dann über weite Blumenwiesen, schließlich ein Stück asphaltierte Strasse, das letzte Stück nach Sils wieder ein Waldweg. Ich komme am Platz unterhalb des Hotel Waldhaus, wo die Pferdekutschen stehen, heraus. Eine ganz andere Welt, vor allem nach all der Bergeinsamkeit. Es ist wieder Montag, das Nietschehaus hat also wieder zu. Im Lebensmittelgeschäft besorge ich neuen Proviant, dann ziehe ich weiter zum See. Auf einer Bank am See mit Blick Richtung Maloja mache ich Pause und esse zu Ehren Annemarie Schwarzenbachs eine Dose Thunfisch. Über Isola erreiche ich gegen 16 Uhr den kleinen Rastplatz am See, von dem es noch ein paar Minuten zum Campingplatz sind. Ich entledige mich meiner Kleidung und gehe in den See, um den Abschluss der Berninaumrundung zu würdigen. Obwohl das Wasser sicher wärmer ist als oben am Lej Sgrischus, schaffe ich es nicht, mit dem Kopf unterzutauchen. Aber ich denke, es zählt trotzdem.

Am Campingplatz
Maloja baue ich mein Zelt auf, am selben Platz wie am Beginn meiner Wanderung. Inzwischen blühen hier grosse violette Blumen. Ich gehe duschen, dann bestelle zur Feier des Tages eine Pizza. Draussen beginnt es zu regnen.
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9. Tag Camping Maloja - Lej Lughin, Inn-Quelle - Fuorcla Grevasalvas - Lej Grevasalvas
Inmitten der Blumen wache ich am nächsten Morgen auf. Der Himmel ist wieder wolkenlos, doch meine Sachen sind nass. Am Weg zum Tipi, wo ich frühstücken möchte treffe ich auf den Gärtner. Es ist der Herr, dem ich am ersten Tag im Gewitter am See mit seinem schneetauglichen Mountainbike begegnet bin. Ich erzähle von meinen Erlebnissen seit unserer letzten Begegnung, und von meinem Plan, vor der Heimreise noch die Innquelle aufzusuchen und dann nach Silvaplana weiterzugehen. Er empfiehlt mir, wenn ich noch ein bisschen oben bleiben wollte, über die Fuorcla Grevasalvas zum gleichnamigen see zu gehen. Da sei es sicher schön zu zelten, und ich könnte dann weiter über den Julierpass nach Silvaplana gelangen. Nach dem Frühstück packe ich zusammen und mache mich auf Richtung Lej Lughin, wo der Inn entspringt. Erst geht es durch den Wald, dann oberhalb der Baumgrenze aufwärts, immer in der Nähe des jungen Inn, dessen Wasser mit der Donau auch durch Wien fließt. Wenn ich nach Süden schaue, kann ich in der Ferne den Murettopass sehen, den ich vor einer Woche überquert habe.
Ich spüre, wie viel leichter es mir heute fällt, mit dem Rucksack den Berg hinauf zu gehen. Auch sind inzwischen mehr Wanderer unterwegs. Der Lej Lughin ist noch teilweise gefroren, mit Schnee darauf. In den offenen Stellen spiegeln sich die Bergspitzen. Ich mache am See Rast, und baue mein Zelt zum trocknen auf. Es geht ein kalter Wind, und es sind wieder Wolken aufgezogen. Ich komme mit einem Paar aus Tübingen ins Gespräch. Sie schenken mir eine Packung Studentenfutter und etwas Käse. Nachdem mir das Wetter etwas zweifelhaft erscheint, verwerfe ich meinen Plan, etwas zu kochen, und verspeise statt dessen die ganze Packung Studentenfutter und den Käse. Das Wetter hält dann doch und ich setze meinen Weg fort. Erst geht es den Hang entlang leicht abwärts im Fels Richtung Osten, dann mündet der Weg auf eine weite Almwiese von der ich einen schönen Blick auf den Silsersee habe. In Folge biegt der Weg nach links, erst scharf nach Nord, dann Nordost, und der Silsersee verschwindet hinter einem kleinen Bergrücken. Dahinter geht es zunächst fast eben über Fels und Wiese, begleitet von rauschenden Bächen und dem Pfeifen der Murmeltiere. Der Blick auf den Silsersee öffnet sich wieder. Doch anstatt geradeaus weiter Richtung Sils abzusteigen, nehme ich die Abzweigung links nach Norden in Richtung Fuorcla Grevasalvas. Bald beginnt wieder der Blockfelsen, kleine Schneefelder stellen kein Problem dar. Schließlich erreiche ich die Scharte. Zu meiner großen Überraschung steht hier oben, auf 2688m, eine dieser typischen großen Holzbänke, laut Widmung seit 1994. Nach einer kurzen Pause mache ich mich an den Abstieg. Der Weg verläuft nach Norden, auf der Flanke liegt wieder viel Schnee, der jedoch noch schön fest ist, sodass ich nicht einbreche. Weiter unten sehe ich wieder Murmeltiere. Einmal gelingt es mir, mich so langsam zu nähern, dass ich sie gut beobachten kann, wie sie miteinander spielen. Für ein Foto mit der Handykamera sind sie aber immer noch zu weit weg, bzw. heben sich farblich kaum vom Fels ab. Der Weg folgt dann einer weiten Ebene, die von Wasserläufen durchkreuzt wird, währen ich den See etwas rechts oberhalb vom Weg erahnen kann, der Weg selbst stösst erst am Nordufer auf den See. Bei Sonnenschein baue ich gegen 17 Uhr mein Zelt am
Lej Grevasalvas auf. Ich wasche mich im See, mache ein paar Yogaübungen, koche Abendessen. Später ziehen aus der Richtung des Julierpasses Wolken über den See. Bei Einbruch der Dunkelheit schlafe ich schnell ein.
Lej Lughin, Inn-Quelle. Bild
                  Maria Innitzer
Lej Lughin, Inn-Quelle
Blockfelsen auf dem Weg zur Fuorcla
                  Grevasalvas. Foto Maria Innitzer
Blockfelsen zur Fuorcla Grevasalvas
Blick zurück. Foto Maria
                  Innitzer
Blick zurück
Bank
                  auf der Fuorcla Grevasalvas. Foto Maria Innitzer
Bank auf der Fuorcla Grevasalvas
Lej Grevasalvas, Foto Maria
                  Innitzer
am Lej Grevasalvas


10. Tag Lej Grevasalvas - Julierpassstrasse - Silvaplana
Gegen 6 Uhr morgens wache ich auf. Es ist kalt und feucht. Draussen hängt noch immer die Wolke vom Vorabend. Immerhin darüber blauer Himmel. Da hilft kein Warten. Ich koche Tee und Tortellini, doch wirklich wärmer wird mit nicht. Also ziehe ich alles an, was ich Julierpass,
            Foto Maria Innitzerdabei habe: Lange Unterwäsche, lange Hose, T Shirt, Wollweste, Goretexjacke, Mütze und Handschuhe. Ich packe zusammen, zumal der Zeltplatz noch länger im Schatten liegen würde, Wolke hin oder her. Am anderen Seeufer sehe ich einen Fischer, und als ich fast fertig gepackt habe, einen Fotografen, der auf mich zukommt. Wir kommen ins Gespräch. Er sei eigentlich Kameramann, habe unter anderem Universumfilme und eine Dokumentation über ein Bartgeierpaar gedreht. Jetzt erkunde er die Umgebung des Sees. Er fragt mich nach den Lichtverhälnissen am Abend, jetzt wolle er herausfinden, wann hier in der Früh die Sonne kommt. Ich berichte von meiner Wanderung, und dass ich die letzten zehn Nächte im Zelt, meist oben am Berg verbracht habe. Es ist ein sehr angeregtes Gespräch, doch langsam fangen meine Zähne vor Kälte an zu klappern. Er meint, ja es sei kalt, am Pass unten hätte es 4 Grad am Silvaplanersee, Foto Maria
            Innitzergehabt. Ich bedaure, ihn nicht weiter begleiten zu können und verabschiede mich. Kurz geht es nach dem See bergauf, dann bergab Richtung Julierpass. Beim Abstieg begegne ich einem weiteren Fischer, ein älterer Herr, der sich erkundigt, ob schon jemand oben sei. Ich berichte vom Fischer, dem Fotografen, und der grossen Wolke. Beim Gehen wird mir etwas wärmer, sodass ich am Julierpass die Winterausrüstung wieder ablegen kann. Ich bewundere am Pass die neue Kirche und schaue mich mich im Souvenierladen um. Beim Fischer, den ich am Abstieg getroffen habe, handelte es sich anscheinend um den Bruder des Besitzers. Der Wanderweg führt in der Nähe der Passstrasse zunächst über Wiesen die von Bächen durchkreuzt werden, talwärts. Die Bäche führen so viel Wasser, dass es gar nicht so leicht ist, geeignete Stellen zum Überqueren zu finden, ohne nasse Füße zu bekommen. So gehe ich streckenweise auf der asphaltierten Passstrasse. An einer Baustelle sitzt ein Murmeltier unter einem Container. Schließlich schlage ich in einen Waldweg ein, der nach Silvaplana führt. Ich erreiche den Ort zur Mittagszeit, finde ein offenes Lokal, wo ich ein dreigängiges Menü für 24 Franken bekomme. Für Schweizer Verhältnisse eine Okkasion, in Sils hätte es mindestens das doppelte gekostet. Nach der Mittagspause breche ich auf, und erreiche knapp nach 13 Uhr den Campingplatz am Silvaplanasee. Hier baue ich mein Zelt direkt am See auf, nehme eine heisse Dusche, wasche und trockne all meine Sachen. Im Aufenthaltsraum lade ich mein Telefon auf und esse später zu Abend. Die Nacht beginnt sternenklar, der zunehmende Mond leuchtet über dem See.


11. Tag Abreise
Silvaplandersee. Foto Maria InnitzerUm sechs Uhr morgens wache ich auf, im Zelt ist es feucht und kalt, es hat 2°C. Ich packe meine Sachen, während der Morgentoilette bringe ich Schlafsack und Matte noch kurz in den Trockenraum, nach einer halben Stunde ist das Ergebnis bereits ganz brauchbar, sodass ich kurz nach sieben den Bus vom Campingplatz zum Bahnhof St. Moritz nehme. Hier kaufe ich noch Souvenirs und ein Frühstück. Der nächste Zug nach Chur geht um 8:02. Ich fahre also wieder mit der rhätischen Bahn auf der UNESCO Welterbestrecke. Diesmal treffe ich einen Herren aus Deutschland mit seinem Enkel. Sie wollen heute noch nach Hannover. Er stellt sich als Eisenbahnexperte heraus, und berichtet mir nicht nur interessantes zur Strecke, sondern auch von seinen vielen Bahnreisen quer durch Europa. So stellen wir fest, dass wir beide schon mit der Bahn von München bis nach Narvik, oberhalb des Polarkreises gefahren sind. Kurz vor Chur fällt mir auf, dass das Nachbargleis aus drei Schienen besteht. Ich werde aufgeklärt, dass es hierbei um die Strecke handelt, auf der das Chemiewerk und die Großsägerei in Domat/ Ems beliefert werden. Die Belieferung erfolgt mit Normalspurzügen, während die rhätische Bahn auf Schmalspur fährt. In Chur trennen sich unsere Wege. Ich nehme den Zug nach Sargans, und steige dort in den Railjet nach Wien um, der dort um 18Uhr 30 ankommt. Wenig später bin ich zu Hause. Meine Wohnung kommt mir riesig vor, und es fällt mir auf, wie viele Gegenstände vorhanden sind. Die letzen 10 Tage ist mir davon nichts abgegangen. Bis auf die Badewanne vielleicht. Ich stelle das noch nasse Zelt im Wohnzimmer zum trocknen auf. Das Zelt wiederum wirkt hier viel größer als in der freien Natur. Den Rucksack räume ich auch gleich aus. Ich nehme ein ausgiebiges heisses Bad, und schlafe zum ersten Mal seit zwölf Tagen wieder in einem, meinem, Bett.



Links, Infos und Adressen

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