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Bericht von "unserer" Tour du Mont Blanc

Manfred Schlatter hat 2003 mit seiner Tocher die Tour Mont Blanc unternommen und dabei tagebuchartige Notizen (31 Seiten) aufgezeichnet, die er nun interessierten Wanderern zur Verfügung stellt. Herzlichen Dank!

 
Am Col du Bonhomme, 2.Tag


30. August 2003 - Manfred Schlatter, regina.und.manfred@t-online.de
 

Vorgeschichte

Vorgeschichte, Teil 1: Vor etwa 6 Jahren meinte Marina aufgrund der einen oder anderen Erzählung von den früheren Wanderungen mit Susanne in Frankreich und im Schwarzwald, daß sie auch mal ein paar Tage durch die Landschaft gehen wolle. Das haben wir dann auch gemacht: Von unserer Wohnung in Freiburg quer durch den Schwarzwald zu Oma und Opa nach Schiltach im Kinzigtal, 60 km in 4 Tagen - für eine neunjährige kein schlechter Anfang. Solche Pläne hegte sie dann drei Jahre später wieder. Sie wollte durch den Schwarzwald in die Schweiz zu ihrer Brieffreundin Jasmin nach Olten wandern. Auch diese Pläne konnten wir umsetzen, zusammen mit der inzwischen ebenfalls neunjährigen Saskia und mit Marinas Freundin Sophia gingen wir die fast 130 km in sechs Tagen.

Vorgeschichte, Teil 2: Vor ca. 2 Jahren im Sommer besuchte mich im Büro mal wieder Herr Andenmatten von Valsider und wir gingen am Abend alle miteinander zum Essen in den Hirschen in Lehen: er, Herr Colombatto (seine letzte Auslandsreise wegen seiner angeschlagenen Gesundheit), Regina und ich saßen wunderschön in Garten und erzählten uns viel. Im Laufe des Gesprächs kamen wir auch auf das Wandern zu sprechen und Regina erzählte von unseren ersten Unternehmungen dieser Art. Es war ein sehr netter Abend. Einige Zeit später erreichte uns ein dicker Umschlag: Herr Andenmatten hatte für uns den Führer für eine "ultimative" Wanderung besorgt: eine Runde um das Mont-Blanc-Massiv. Schnell legte ich das kleine Buch weg, denn das erschien mir denn doch zu vermessen, so eine Unternehmung beginnen zu wollen.

In diesem Jahr begegneten sich nun diese beiden Vorgeschichten und die Kinder wollten wieder eine große Wanderung machen - schon seit langem, aber ich hatte bis dahin nicht mal die richtige Muse für die Vorbereitungen gehabt. In diesem Jahr verspürte ich Lust, aus mehreren Gründen, denn auch mit einem anderen gemeinsamen Urlaub wollte es nicht so richtig klappen. Inzwischen hatte ich noch ein klein wenig Erfahrung mit den Bergen gesammelt, wenigstens bis in Höhen von nur knapp unter 3.000 m.

Und da fiel mir das kleine Buch wieder ein: Ich holte es aus seinem Verließ und schaute es mir an, um es gleich wieder weg zu legen. Dann holte ich es wieder, studierte es genauer und fand es gar nicht mehr so unmöglich....
 

Es geht los...

Die Vorbereitungen waren schnell erledigt. Die übliche Ausrüstung zum Wandern war da und ich mußte nur noch etwas haltbaren Proviant besorgen, Müsliriegel und andere Dinge, von denen ich annahm, daß wir sie einige Tage mit herumschleppen können. Es waren auch Schokoladenriegel dabei, denn ich dachte mir, daß diese in der großen Höhe und der dort niedrigeren Temperatur schon halten würden - und im Rucksack, in die Mitte gepackt, sollten sie ja auch gegen die Einstrahlung der Sonne etwas isoliert sein. Dies alles hat sich ja dann auch als zutreffend erwiesen. Gleich vorweg: Vergessen hatten wir eigentlich nur eines, das in ein paar wenigen Augenblicken ganz nützlich gewesen wäre, nämlich eine kleine Taschenlampe für nächtliche Ausflüge auf die Toilette, wenn man nicht immer das Licht in den großen Schlafsälen anmachen will. Es ging aber auch so. Wie immer gab es zwei Möglichkeiten, den Rucksack gegen möglichen Regen zu schützen: Entweder den ganzen Rucksack bei beginnendem Regen mit einem Cape oder ähnlichem zu verpacken oder alle Einzelpakete im Rucksack in regendichte Plastiktüten zu portionieren. Wir wählten die zweite Methode und auch sie hat wieder funktioniert.
 

Da in unserem Wanderführer mit der Nummer 28 der Fédération Française de la Randonnée Pédestre (FFRP), die den kompletten Wanderweg beschreibt, darauf hingewiesen wird, daß die beste Zeit für diesen Weg auch mit der Hauptsaison zusammenfällt, habe ich die gesamte Strecke bereits in einzelne Tage aufgeteilt und in den entsprechenden Orten angerufen, ob wir denn zu den geplanten Terminen auch übernachten können. In einem Fall war die im Führer angegebene Unterkunft schon seit Jahren geschlossen, aber durch eine geringe Änderung der beiden Tage vor und nach der geplanten Übernachtung fanden wir problemlos eine Alternative. Für den italienischen Ort Courmayeur hatte ich keine Übernachtung vorbestellt, denn im Führer wird darauf hingewiesen, daß es hier 84 Hotels und zusätzlich Privatunterkünfte geben soll und da fand ich es nicht nötig, schon von zu Hause aus zu buchen.

Das Datum oben auf der Tabelle ist das Druckdatum, die Tabelle war in dieser Form deutlich vor der Wanderung fertig, denn die letzten Übernachtungen sind noch gar nicht eingetragen. Die Daten der ersten sechs Spalten sind aus dem Wanderführer; daneben habe ich die Zeiten für meine Tageseinteilungen sowie die Höhen für Auf- und Abstiege berechnet. An den fett gedruckten Orten waren die Übernachtungen geplant und ganz rechts die Zeiten, wann ich morgens los wandern wollte, es waren 1 oder 2 Stunden Pause im Plan und daneben die Berechnung, wann wir dann abends ankommen sollten. So ganz grob hat es ja an manchen Tagen gestimmt, aber manchmal auch wieder gar nicht, denn alle Schikanen gehen aus dem Heftchen auch nicht hervor. Schließlich hat mich die Tabelle aber davon überzeugt, daß wir es schaffen müßten!

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Erster Fahr- und Wandertag - Les Houches - Les Contamines

Ja, und dann ging es wirklich los. Am Sonntagmorgen, am 17. August, setzten wir uns um 8 Uhr ins Auto, fuhren die Autobahn gegen Süden und waren auch schon bald in der Schweiz. Wir nahmen die bei früheren Ausflügen und Fahrten schon oft erprobte Strecke von Basel über Bern und Fribourg an den Genfer See, der sich an diesem hellen, sonnigen Vormittag von seiner besten Seite zeigte. Wir hatten eine herrliche Aussicht über den See nach Evian, von wo das gute Mineralwasser kommt und wo sich erst im Juni die Staatsmänner der Welt zum G8-Gipfel getroffen hatten, und auf die dahinter liegenden Berge. Leider sieht man von der Autobahn aus das Schlößchen Chillon bei Montreux nicht mehr so gut, wie ich es von früher in Erinnerung hatte - vielleicht sind die Bäume davor etwas zu hoch gewachsen, aber weiter im Hintergrund, von Montreux aus gegen das französische Ufer, sieht man einen einsamen Baum im See stehen, wohl auf einer kleinen Insel, die aber durch die herabhängenden Äste gar nicht auszumachen ist, so daß der Eindruck entsteht, der Baum stünde tatsächlich direkt im Wasser. Dann geht es schnell an der Rhône hinauf, auf Martigny zu, mit den vielen eindrucksvollen hohen Bergen zu beiden Seiten und der großen Pyramide hinter Martigny, die ich immer erkennen würde, wenn man mir hier die verbundenen Augen freigeben würde und mich fragen, wo ich hier sei.

In Martigny, nach dem Tunnel, wendet man sich dann nicht dem Großen St. Bernhard zu, sondern gleich rechts im Kreisverkehr in Richtung Chamonix und zum Col de la Forclaz die Weinberge hinauf. Bald liegt die große Stadt unter uns und ist wie aus dem startenden Flugzeug heraus zu sehen, mit den immer kleiner werdenden Häusern und den Autos, die wie Spielzeug wirken und bei denen man sich bald gar nicht mehr vorstellen kann, daß da noch Leute drin sitzen. Es ist sehr steil an diesem Hang und daher wunderten wir uns über die Abzweigungen zu weiteren Orten, die da noch rechts und links der Straße liegen sollen. Ein paar Tage später haben wir dann gesehen, daß es da schon noch Plätze gibt, an denen kleine Orte liegen können, ohne gleich wie Schwalbennester in den Berg geklebt zu sein. Nach dem Col de la Forclaz geht es erst einmal bergab, dann kommt die Grenze zu Frankreich bei Vallorcine und dann geht es wieder hinauf, zum Col des Montets.

In dieser Gegend erhaschen wir dann die ersten Blicke ins Mont-Blanc-Massiv und sehen, wie gewaltig diese Berge, die dem höchsten Berg Europas Gesellschaft leisten, hinter den der Straße benachbarten Bergen herausschauen. In Argentière ist um die Mittagszeit ziemlich viel los und wir quälen uns zwischen Fußgängern und vielen Autos durch den Ort und dann geht es das breitere Tal nach Chamonix hinab. Hier können wir allerdings relativ ungeschoren hindurchfahren. Von diesem Tal, etwas aus dem Nordosten könnte man den Mont Blanc selbst recht gut sehen, aber er trägt heute Vormittag eine Mütze aus Wolken. Nur die niedrigeren, ihn umgebenden Aiguilles sind alle da, besonders charakteristisch die Aiguille du Midi, leicht zu erkennen an ihrer speziellen Form und am Turm auf ihrer Spitze. Schon beeindruckend von hier aus: Der untere Teil der Seilbahn auf die Aiguille du Midi, die ich bereits von früher kenne - und erst recht beeindruckend, wenn die Fahrt nach oben geht.

Nun suchen wir die Straße und die ersten Hinweisschilder nach Les Houches, das wir entsprechend dem Hauptvorschlag im Buch als unseren Ausgangspunkt gewählt haben. Durch die riesenhafte Baustelle der Autobahn, die hier von Westen her weiter nach Chamonix hinein getrieben wird, ist die Lage völlig unübersichtlich, doch dann entdecken wir an einer Tankstelle die Ausfahrt nach Les Houches, fahren unter einem Teilstück der neuen Autobahn hindurch und auf der Südseite ein Stück wieder zurück, denn anders ist der Ort zur Zeit nicht zu erreichen. Kaum sind wir ein wenig den Berg hinaufgefahren, liegt die Baustelle auch schon weit genug hinter uns und wir fahren zwischen die ersten beschaulichen Häuser, aber auch Geschäfte und Werkstätten von Les Houches. Ich sehe mich gleich nach einem geeigneten Parkplatz für eine Woche um und beschließe, erst mal durch den ganzen Ort hindurch zu fahren und mir alles auf die Schnelle vom Auto aus anzusehen. Wenige hundert Meter vor dem Office de Tourisme entdecke ich auch einen Parkplatz, wie ich ihn mir nicht hätte besser vorstellen können. Ich fahre noch ein Stück weiter und wende dann, um das Auto dort auch tatsächlich abzustellen. Neben uns parken zwei Wagen aus Essen und sie sehen aus, als stünden sie dort nicht erst seit ein paar Minuten, sondern mindestens schon die ganze Nacht oder sogar länger - ob ihre Insassen wohl auch den Mont Blanc zu Fuß umrunden?

Wir machen das Auto "parkfertig", alle CDs ins Handschuhfach, damit die nicht gerade in der Sonne liegen, alles Gepäck, das wir nicht mitnehmen und nur für die Fahrt gedacht war, kommt in den Kofferraum und dann ziehen wir die Wanderschuhe an. Alles, was noch mit muß, kommt in die Rucksäcke und dann sind wir startklar. Natürlich mache ich noch schnell mein erstes Dia von den beiden bei der letzten Ruhepause vor dem Marsch. Gleich darauf sehe ich zwei Telefonzellen und rufe nochmals schnell zu Hause an, um mitzuteilen, daß wir wenigstens schon diesen Teil der Reise gut geschafft haben. Dann ziehen wir weiter und ich mache gleich das zweite Dia, auf dem Marina noch etwas skeptisch aussieht, aber Saskia guter Dinge zu sein scheint. Aber ich wollte noch in das kleine Buch schauen, damit wir den Absprung aus dem Dorf an der richtigen Stelle erwischen. Das Café an der Straße erscheint mir der richtige Ort dafür zu sein. An den Tischen auf der Wiese im Biergarten sitzen die Gäste beim Mittagessen, doch wir bestellen nur unser traditionelles Wandergetränk Menthe-à-l'eau und ich noch einen Kaffee und mache, kaum unterwegs schon mein drittes Dia. Dann habe ich mir alles eingeprägt und wir wandern endlich los - es ist auch schon 13 Uhr vorbei und wir haben noch eine anstrengende erste Etappe vor uns.

"Wie es im Buche steht" finden wir den Einstieg in die Wanderung kurz hinter der Talstation der Seilbahn nach Bellevue und gehen dann praktisch in den Skiabfahrten den Berg hinauf. Bald ist es uns warm genug, so daß wir uns der Klei-der entledigen, die wir nicht mehr brauchen. Der Weg ist hier nicht oder nicht gut markiert, aber es gibt auch wenige Möglichkeiten, falsch zu gehen. Es geht praktisch immer den Berg hinauf und die Hauptrichtung ist relativ eindeutig, ein wenig später immer unter den Seilen eines Skiliftes von Maison Neuve hin und her. Es liegen immer wieder Häuser an der kleinen Straße, die wir auch benutzen, um im Schatten zu gehen oder um dort eine kleine Pause zu machen, aber es ist nichts los: wenige Leute, fast keine Fußgänger, keine Wanderer. Vielleicht liegt es einfach nur an der Mittagszeit. Es ist eigentlich von Anfang an steil, aber eigentlich auch nur so, wie ich es erwartet hätte, vermutlich eine "rote" Abfahrt. Zeitweise geht es ein Stückchen im Wald, was uns wegen der inzwischen gnadenlos stechenden Sonne ganz recht ist, dann geht es aber auch wieder am Südostrand eines Waldes an einem Abfahrtshang entlang und wir sind der Sonne voll ausgeliefert. An mehreren Stellen müssen wir anhalten, um zu trinken, um unseren noch wenig laufwilligen Beinen und Füßen etwas Erholung zu gönnen und um mal wieder richtig Luft zu holen. Bei solchen Gelegenheiten können wir die Berge auf der gegenüberliegenden Seite im Tal von Chamonix bewundern: direkt gegenüber liegt l'Aiguillette mit über 2300 m und dahinter liegen die felsigen Spitzen von Désért de Platé.

Mehr und mehr sehen wir weiter oben auch andere Fußgänger, hauptsächlich solche, die uns entgegenkommen, die wohl einen Sonntagsausflug auf den Berg schon hinter sich haben und wieder ins Tal hinab steigen. Schon ziemlich weit oben überholt uns ein Traktor, der sich mühsam aus dem Tal herauf quält und der drei Tanks, vermutlich mit Wasser, auf einem kleinen Anhänger hat. Wir denken uns, daß auch hier die Trockenheit der letzten Wochen zugeschlagen hat und daß die Leute für bestimmte Orte oder Häuser wohl auf diese Weise das Wasser herauf schaffen müssen.

Dann geht es noch durch einen kleinen Wald, nach und nach wir der Weg flacher und geht schließlich sogar leicht bergab: wir haben den Col de Voza auf 1.653 m Meereshöhe doch noch erreicht, nachdem ich unterwegs schon mehrfach hören mußte: "Ich kann nicht mehr!" (siehe dazu auch Dia 7). Nur eines müssen wir jetzt schon feststellen: Wegen der Sonne und der ungewohnten Anstrengung liegen wir schon ziemlich weit hinter unserer Zeitplanung zurück. Links liegt ein großes Gebäude, eine Art Hotel oder Heim und weiter unten, an der "Talstation" einer kleinen Zahnradbahn noch ein Kiosk. Ich sage zu den Mädchen: "Trinkt eure Flaschen aus, es ist ja nicht mehr viel drin, und ich besorge uns in den Häusern etwas Wasser." Gesagt, getan: Ausgetrunken war schnell, aber dann ging ich in dem großen Gebäude durch die Gänge und fand kein Wasser. Ein Hahn draußen ist abgedreht, da kommt gar nichts heraus. Also beschließe ich, bei dem Kiosk nachzufragen. Nein, man könne kein Wasser abgeben, man hätte selbst zu wenig. Frustriert beschließe ich aufzugeben, denn es soll ja nun bergab gehen. Wir gehen also mit leeren Flaschen über schöne Wege weiter und dann immer steiler den Berg hinunter. Glücklicherweise kommt nach einiger Zeit ein Haus, bei dem mehrere Tische sehr einladend im Garten stehen und auf Gäste warten. Nur eine Frau sitzt an einem der Tische und liest ein Buch, aber gleich daneben plätschert munter ein Brunnen. Ich gehe sofort hin und frage, ob wir etwas Wasser haben könnten - und wir können: Wir waschen unser Gesicht, trinken und füllen unsere Flaschen. Wir wissen ja noch nicht, daß wir im Laufe des Abends noch genügend Wasser aus den Wolken erhalten sollten und von diesem Abschnitt gibt es dann keine Fotos mehr.

So gestärkt geht es sehr gut weiter den Weg entlang und wir sind schnell an den paar Häusern von Bionnassay vorbei, wobei wir aber auch gerne in der Auberge eingekehrt wären, aber die Zeit war schon so weit fortgeschritten. Nun sehen wir auch, woher die vielen anderen Wanderer kamen, denn hier gibt es einen großen Parkplatz als Ausgangspunkt für die letzten Meter zu Fuß zu einem Besuch in Bionnassay oder gar auf dem Col de Voza. Dann sind wir froh, daß im Wanderführer steht, daß wir zu der kleinen Kapelle gehen sollen, denn die meisten anderen Wanderer gehen die Straße in Richtung St. Gervais hinunter und wahrscheinlich wären wir ihnen gefolgt und hätten das verwaschene Wanderzeichen gar nicht gesehen. Der Abstieg zu dem wild rauschenden Gebirgsbach mit klarem grünen Gletscherwasser ist noch angenehm und unten stehen wir auf der Brücke und wundern uns über die Kälte des Wassers, das unter der Brücke hindurch donnert. Mit dem sehr steilen Aufstieg auf der anderen Seite hätten aber wir nicht gerechnet und wir kommen ganz schön außer Atem. Wieder mal oben angekommen, sehen wir einen sehr schönen Wegweiser, den ich fotografieren muß. Die weiß-roten Zeichen und die Buchstaben "TMB" werden uns noch lange begleiten, auch wenn zwischendurch immer wieder mal andere Zeichen erscheinen. Inzwischen trübt es sich auch ein und auf dem folgenden ebenen, dann etwas bergab gehenden Waldweg ist das sehr angenehm. So kommen wir nach Champel, wo wir wieder eine Einkehrmöglichkeit ausschlagen, und von dort nach la Gruvaz.

Dia 15: Gleich hinter dem Aufstieg nach der Brücke steht dieser schöne Wegweiser, mit unserem Weg nach Le Champel, gleichzeitig "GR5" und "TMB"
Etwa hier beginnt es leicht zu regnen, so daß ich den Fotoapparat und den Wanderführer einpacke und etwa hier beginnen wir wohl, den falschen Weg einzuschlagen. Wir gehen nämlich nicht über Tresse ins Tal hinunter, sondern bleiben etwa auf der Höhe und schlagen uns direkt nach Süden über mehrere Wege durch, auf denen immer wieder der Ort Les Contamines angeschrieben ist. Vielleicht kommen wir auch erst in Tresse vom Weg ab, denn hier etwa beginnt es, wie aus Eimern zu schütten. Wir gehen in den überdachten Eingangsbereich eines Neubaus, in dem auch noch gearbeitet wird, und ziehen uns nun richtig regenfest an. Da Les Contamines unser heutiges Etappenziel ist, nehmen wir aufgrund der vielen Wegweiser an, richtig zu gehen. Aber anstatt unten im Tal relativ gleichmäßig die Höhe von Les Contamines zu erreichen, gehen wir hier ständig steil auf und ab, es wird später und später, die Mädchen werden schwächer und schwächer und zu dämmern beginnt es nun auch noch. Wir haben uns also jetzt in eine ganz miese Situation hinein manövriert und die Moral ist am Boden. Wahl gibt es keine: Wir können nicht einfach stehen bleiben und den Tag beenden, wir haben nichts richtiges zu Essen und brauchen ein Bett und außerdem ist auch niemand da, der uns weiterhelfen könnte.

So kommen wir vermutlich in der Nähe von le Champelet zu den ersten Häusern von Les Contamines. In der Dämmerung sehen wir noch ein einsames Pferd auf einer Weide bei einem Haus, welches erst etwas unruhig hin- und hertrabt und dann schließlich zur Giebelseite des Hauses geht und laut wiehert. Gleich darauf öffnet sich wie von Geisterhand eine Tür und das Pferd geht hinein! Wir lachen und fragen uns, ob dies wohl jeden Abend dasselbe Ritual sein sollte? Da begegnen wir einem Mann mit einem Hund und vergewissern uns, daß wir auf dem richtigen Weg sind. Er beschreibt uns den Weg zum Refuge des CAF, dem Club Alpin von Frankreich, sagt aber nicht, daß es noch eine ganze Weile dauern wird bis dahin. Wir kommen am Friedhof und an der Kirche vorbei und dann mehren sich die Häuser entlang der Straße und schließlich sind wir endlich im Zentrum, wo ich nochmals einen Ladenbesitzer frage, wie lange wir noch zu gehen hätten und er meint "5 Minuten". Damit hält er uns aber eher für galoppierende Hunde als uns die müden Wanderer anzusehen, denn so schnell sind wir nicht.

Den Verlauf der Wanderstrecke finde ich eigentlich sehr schön, wobei ich über den letzten Teil des "richtigen" Weges nichts sagen kann, Der Weg, den wir hier tatsächlich gingen, wäre bei besseren Bedingungen aber auch nicht schlecht gewesen. Der erste Teil mit dem Aufstieg erlaubt schöne Blicke sowohl zum Mont-Blanc-Massiv, die mit der Höhe auch an Eindruck gewinnen, als auch auf die gegenüberliegende Seite. Nach dem Col de Voza kommt man dann in das schöne Tal von Les Contamines und verabschiedet sich sozusagen schnell vom Ausgangspunkt der Wanderung und von Tal von Chamonix.

Aber geschafft haben wir es natürlich doch noch - und zwar ist es schon nach 21 Uhr! Einige der Gäste liegen schon in den Betten, andere sitzen noch im Speisesaal mit einem Buch oder beim Schreiben einer Ansichtskarte. Die junge, sehr freundliche Hüttenwirtin empfängt uns etwas entsetzt, erinnert sich zwar schnell an meine Reservierung, aber zu Essen bekämen wir um diese Zeit natürlich nichts mehr! Jetzt schaue ich entsetzt, worauf sie wohl Mitleid bekommt und uns versichert, daß sie das Abendessen doch noch mal in der Mikrowelle für uns aufwärmen würde. Dann zeigt sie uns die Betten: die beiden Mädchen bekommen im Obergeschoß zwei nebeneinander liegende Betten in der zweiten Bettenetage und ich soll mich zu einem etwa 15jährigen Jungen gleich neben dem Speisesaal legen, ebenfalls in der zweiten Bettenetage. Für unser Gepäck ist fast kein Platz, aber in unserer Situation haben wir keinen Luxus mehr zu erwarten.

Wir legen unser fast wieder trockenes Regenzeug ab, denn der Regen hat schon etwa bei dem Pferd aufgehört, und setzen uns zu Tisch. Das Essen ist gut und ein vollständiges Menü mit Salat, Hauptgericht, wobei ich wegen der Vorlieben der Mädchen fast das gesamte Fleisch aufessen "darf", Käse und Dessert. Dann fallen meine beiden Töchter sofort in einen tiefen Schlaf; ich folge ihnen nach einer schnellen Dusche.

So war unser erster Tag auch der schlechteste geworden, was wir aber nicht als Omen betrachteten, nur Marina hat von der auf diese Weise etwas zu anstrengenden Tour so viele Blessuren und Druckstellen, daß sie schon am Abend ankündigt, die Wanderung nicht fortsetzen zu wollen. Wenn es sich erst später unterwegs erwiesen hätte, daß ihre Schwierigkeiten wirklich so groß waren, daß sie nicht mehr mithalten konnte, dann wäre es bedeutend schwieriger geworden, abzubrechen. So, mit diesem anstrengenden ersten Tag wider Erwarten, war es jetzt schon klar und die Umkehr vergleichsweise einfach.

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Die erste Rückfahrt und 2. Wandertag: Les Contamines - Refuge Croix du Bonhomme

Am Morgen des Montags, 18. August, stehen wir mit den anderen auf, denn bald raschelt und flüstert es in allen Ecken, und wir gehen zum Frühstück. Nach einem kurzen Gang ins Bad haben wir unsere sieben Sachen bald gepackt und nun steht die Entscheidung an, wie wir weitermachen. Ich schiebe diese Entscheidung noch hinaus und wir gehen erst mal von La Vy zum Fluß hinunter und über die Brücke, wo gleich rechts ein Tisch mit zwei Bänken steht und da legen wir unsere Rucksäcke ab, um die Lage zu besprechen. Marina hat zwar immer noch alle Druckstellen, kann aber immerhin bis hier ohne weiteres gehen und auch den Rucksack tragen. Alles in allem traut sie sich dennoch nicht zu, auf diesen ersten Blessuren noch ein paar Tage dran zu hängen und sich weitere Schäden zuzufügen. Nach langem Nachdenken und auch nach dem Erwägen von Alternativen, wie zum Beispiel sie alleine mit der Bahn nach Hause fahren zu lassen, was sie selbst vorschlägt, entscheiden wir uns schließlich, Marina mit dem Auto nach Hause zu fahren und wenn wir beiden anderen dann noch genug Energie haben, daß wir dann alleine wieder an den Beginn der zweiten Etappe zurückkehren. Nachdem ich nun auch den zweiten Tag kenne, war es die richtige Entscheidung, denn diesen Aufstieg zum Col de Bonhomme sollte man nicht in einem angeschlagenen Zustand angehen. Auch das Wetter drängt uns zu diesem Entschluß und schon die Hüttenwirtin hatte gemeint, daß wir die Strecke schon schaffen würden, wenn wir uns etwas beeilen, weil für den Nachmittag Regen und Gewitter angesagt wäre.

Also schlagen wir nicht den Weg nach Süden ein, sondern gehen die paar hundert Meter ins Dorf zurück. Dort erkundige ich mich im Office de Tourisme nach Verkehrsmitteln in Richtung Les Houches. Der Bus fährt in einer Viertelstunde und durch den entsetzlichen morgendlichen Verkehr in St. Gervais landen wir in Le Fayet am Bahnhof. Leider gibt es keinen direkten Anschluß nach Les Houches und ich frage noch am Taxistand nach, aber die 25 Euro sind mir dann auch wieder zuviel. Daher machen wir es uns vor dem Bahnhof bequem und nachdem es auch noch zu regnen beginnt, im Bahnhofsgebäude, kaufen die Fahrkarten und ergänzen unser Frühstück. Mittags fährt dann der interessante Zug, denn es handelt sich wohl um eine Zahnradbahn, wenn ich richtig gesehen habe, die unvermutet steile Strecke ins Tal hinauf. Kurz vor Les Houches sieht man plötzlich die Straße in großer Tiefe unter sich liegen und die Bahn fährt über einen gewagten Viadukt. In Les Houches regnet es immer noch, wir zieghen wieder die Regensachen an und gehen die paar hundert Meter ins Dorf hinauf. Am Auto angekommen, verladen wir unser Gepäck so in den Wagen, daß die Sachen während der Fahrt trocknen können, holen uns noch in einer Bäckerei etwas Proviant für unterwegs und fahren die am Tag zuvor in der einen Richtung bewältigte Strecke ohne Probleme wieder zurück und sind am späten Nachmittag zu Hause.

Wir sind alle sehr traurig, als sich Marina am frühen Abend verabschiedet und sich Saskia und ich für den neuen Anlauf bereit machen. Saskia packt sich ihren kleinen Rucksack in Marinas großen um, da er wegen der besseren Schultergurte und wegen der Hüftgurte etwas leichter zu tragen ist. Ich hatte nichts zu ändern und meinen Rucksack gleich im Auto gelassen. Nach einem kleinen Abendessen und nachdem wir ein wenig erzählt hatten, gehen wir bald zu Bett, denn es steht uns ein sehr anstrengender Tag bevor.

Mitten in der Nacht des 19. Augusts, nach nur vier Stunden Schlaf, holt uns der Wecker um 2.30 Uhr aus den Träumen in die Welt zurück und ganz schlaftrunken ziehen wir uns an, essen ein Minifrühstück und torkeln zum Auto. Wie zwei Tage vorher, nur jetzt in dunkler Nacht, bringen wir die nun gut bekannte Strecke noch schneller hinter uns. Saskia ist bis in den Belchentunnel auch dabei, schläft dann aber ein und kommt erst wieder bei Anbruch des Morgens am Genfer See unter die Wachenden. Wir fahren gleich nach dem See eine Raststätte an, finden sie aber noch verschlossen und so versuchen wir es an der letzten Raststätte vor Martigny wieder. Auch hier ist noch alles dicht, aber es ist kurz vor 6 Uhr und es warten schon einige Geschäftsleute vor der Tür auf ihren Morgenkaffe - also stellen wir uns einfach dazu. Pünktlich wird uns geöffnet und wir nehmen einen Saftmix und einen Cappucino.

Gleich hinter dem Col des Montets reißen wir die Augen auf, denn über den der Straße benachbarten Bergen tauchen von der Sonne angeleuchtete weiß glitzernde Riesen auf, die einen überwältigenden Eindruck machen. Immer wieder sehen wir neue Berge und bis nach Argentière hinunter muß ich mehrfach anhalten, um Fotos zu machen. Bei der Überquerung der großen Baustelle zur Einfahrt nach Les Houches sehen wir noch ein echtes Naturschauspiel: Die Sonne will gerade hinter dem Mont-Blanc-Massiv aufgehen und erzeugt dabei die schönsten Sonnenstrahlen an den vielen Bergspitzen. Dann stellen wir unser Auto wieder an den Platz, an dem es schon am Tag vorher gestanden hatte. Die beiden Autos aus Essen sind auch noch da. Wir haben noch etwas Zeit und machen uns ganz gemütlich wanderfertig. Dann gehen wir zum Bus; die Fahrpläne hatte ich mir schon bei der Rückfahrt am Tag vorher beschafft. Er kommt mit ein paar Minuten Verspätung und kann diese auch kaum noch aufholen, was uns etwas beunruhigt, denn für den Anschluß in La Fayet haben wir nur wenig Zeit. Aber auch dieser Bus ist nicht pünktlich, so daß wir sogar noch warten müssen. Dann klettern wir aber wieder mit dem Bus und einer engagierten Fahrerin die steile Straße durch St. Gervais ins Tal von Les Contamines hinauf.

Wir besorgen uns im Dorf noch etwas frischen Proviant und kommen dann schnell wieder an Tisch und Bänke, wo wir vor genau 24 Stunden schon mal gesessen hatten, um die Vorgehensweise zu beschließen. Wir machen hier keinen Halt, auch nicht, um nochmals über alles nachzudenken, sondern gehen einfach dort vorbei und nehmen den Weg am Fluß entlang - nicht ohne nochmals ein Foto von unserer Unterkunft der letzten Nacht in diesem Tal zu machen. Der Weg ist hier, so gut es geht, von der Straße ferngehalten, aber an manchen Stellen müssen wir doch ein wenig auf der Straße gehen und einmal sogar mitten durch die Baumaschinen hindurch - zusammen mit einer ganzen Reihe weiterer Wanderer, die ihren Ausflug nach Notre-Dame-de-la-Gorge machen.

Auf den Bänken der Wallfahrtskirche Notre-Dames-de-la-Gorge machen wir schon wieder Rast und stärken uns für den jetzt wirklich kommenden, steilen Anstieg
Auf diesem Weg sehen wir ein großes Sportzentrum, in welchem es alles zu geben scheint, vom Gleitschirmfliegen über Fußball und Klettern sowie mit einer Sportart, die ein großes Spielfeld mit Markierungen von 50 bis 200 Metern benötigt (Speerwerfen, Bogenschießen?). Dann sehen wir die vielen Autos auf den Parkplätzen und die vielen Leute und dann auch die sehr schöne Kirche aus dem 13. und 14. Jahrhundert. Es ist ja auch gerade erst der 15. August vorbei und vielleicht sind deswegen so viele Leute hier zu Besuch, weil an diesem Tag hierher gepilgert wird und es möglicherweise nicht jeder rechtzeitig geschafft hat. Obwohl wir bis hier gerade mal 100 Meter Höhenunterschied bewältigt hatten, machen wir erst mal Pause auf einer gemütlichen Bank, ich schaue mir die Kirche ein wenig genauer an und hier packen wir auch unsere Wanderstöcke aus, denn wir sehen mit Entsetzen, wie der Weg weitergeht.

In Nant Borrant, nach den ersten 300 Höhenmetern, müssen wir schon wieder eine kleine Pause einlegen und uns einreiben, denn die Sonne brennt hier unbarmherzig in den Bergen
Dann nehmen wir den Aufstieg in Angriff. Über große Steine, fast wie auf einer Römerstraße geht es sehr steil bergauf und sogar ein Mountainbike versucht uns zu überholen; der Fahrer gibt dann aber doch auf und fährt wieder zurück. Sehr viele Leute gehen nicht nur bis zur Kirche, sondern mit uns auch hier hinauf, denn weiter oben gibt es auf verschiedenen Höhen noch eine Reihe von Gasthäusern, die einen Nachmittagsausflug durchaus lohnen. Unterwegs, mitten im Wald sehen wir ein Schild "Naturbrücke". Das will ich sehen und weiche die 20 m vom Weg ab und da ist ein Geländer vor einem steilen Abgrund und unten fließt ein kleiner Gebirgsbach, über den sich ein Felsbogen spannt. Es ist eine so schöne Stelle, daß ich froh bin, dem Schild nachgegangen zu sein. Die erste der Höhengaststätten ist Nant Borrant auf 1460 m und sieht sehr einladend aus. Auf einer großen Wiese neben dem Haus stehen die Tische in der Sonne mit Sonnenschirmen, die man heute auch gut gebrauchen kann, und ein Springbrunnen lädt ein, sich das verschwitzte Gesicht zu waschen. Inzwischen brennt die Sonne auch so unerbittlich, daß wir die Sonnencreme herausholen und alle unsere exponierten Körperteile damit einreiben.

Dann gehen wir schnell den Weg weiter, denn wir wissen, daß wir noch runde 1.000 m vor uns hatten, die aufgestiegen sein wollten. Die Richtung ist eindeutig und es gibt hier Wegweiser nach la Balme. Nachdem wir erst noch ein Stück steigen müssen, können wir uns auf eine größere Strecke richtig erholen, denn es geht eben weiter, einen schönen Fahrweg entlang durch satte grüne Wiesen. Schon nach kurzer Zeit sehen wir links hinten die Häuser von la Giette und wir wundern uns, warum hier so viele Leute sind, aber es handelt sich offensichtlich um Ferienhäuser und die sind gerade voll belegt, denn die Leute sitzen draußen in der Sonne und lassen es sich gut gehen. Erst am Ende des langen, schönen Tals geht es noch kurz hinauf zum Gîte la Balme. Hier ist jetzt richtig was los: Sehr viele Gäste, Familien mit Kindern und Oma und eine ganze Schulklasse im Alter von etwa 14 Jahren machen den Platz unsicher.

Hauptsächlich spielen die Schüler mit dem Wasser und damit uns eine solche Schlappe wie auf dem Col de Voza nicht noch mal passieren sollte, füllen wir gleich unsere Flaschen auf, obwohl sie noch nicht sehr weit leer getrunken sind. Nach kurzer Pause gehen wir aber schon weiter, denn wir haben noch nicht mal die Hälfte der Höhenmeter überwunden und es liegen noch gute

700 m über uns, die zu erklettern sind. Gleich hinter dem Haus geht es wieder bergauf, aber es halten immer noch eine ganze Menge Leute mit, die in die gleiche Richtung gehen - einige praktisch ohne Gepäck, so daß sie ganz bestimmt nicht die gleiche Route wandern wollen wie wir, aber im Laufe des Nachmittags verlieren wir dann nach und nach alle Sonntagswanderer. Es handelt sich um einen recht anstrengenden Aufstieg in der Sonne und wir kommen nur langsam voran. Dann wird es wieder eben und wir durchwandern nach links ein kleines Tal und rechts und links über uns türmen sich mehr und mehr die Felsen und die Vegetation bleibt zurück. Irgendwo in dieser Gegend bemerken wir auch, wo die ganzen vielen Sonntagswanderer alle bleiben: Etwas weiter links von unserer Route liegen zwei größere und zwei kleinere Seen, die Lacs Jovets und da pilgern die Leute alle hin, wie wir sehen, als wir ein Stückchen weiter oben sind und zurück schauen können. Dann wieder ein kurzer, steiler Aufstieg und schon stehen wir vor einem riesigen Steinhaufen, der nun wirklich nicht natürlichen Ursprungs sein kann. Wie man im Wanderführer nach lesen kann, sollen der Legende nach hier die Überreste einer englischen Dame liegen, die bei einem Unwetter an dieser Stelle um Leben gekommen sein soll.
 
Nach dieser Stelle haben wir einen sehr schönen Ausblick auf das, was noch kommen sollte, denn ab hier sehen wir den noch weiten Weg bis zum Col de Bonhomme. Ich studiere lange das Tal und dann den abschließenden Hang, der bis zum Paß hinauf führt und teilweise kann ich sogar in der Ferne den Weg erkennen und uns ist klar, daß dieses Stück noch einige Leistung von uns abverlangt. Also gehen wir wieder weiter. Während unten, gleich nach la Balme noch Saskia etwas schlapper war als ich, beginnt nun sie auszuschreiten und je steiler es bergauf geht, um so größer wird ihr Vorsprung, so daß mir nichts anderes übrig bleibt, als keuchend hinter ihr her zu klettern. Das letzte Stück des Anstieg ist noch mal sehr steil und "unwegsam", also steinig, aber wenigstens ist hier der Weg nicht zu verfehlen. Dann sehe ich schon die kleine Hütte vor mir liegen und endlich habe ich sie auf 2.329 m über dem Meer auch erreicht. Bisher konnte ich vor allem den wunderschönen Blick nach rückwärts genießen, denn man sah das ganze lange, fast gerade Tal bis nach Les Contamines und weiter bis in die Berge hinter St. Gervais hinüber. Aber nun, nach dem Erklimmen der Paßhöhe, öffnet sich der Blick nach fast allen Seiten und zu ersten Mal sehen wir die Berge im Süden und Westen. Es ist ein sehr erhabener Anblick: Berge, nichts als Berge und fast so viele wie Sterne am Himmel, wenn man an einem schönen Sommerabend den Kopf in den Nacken legt. Ich schaue mich lange um und kann es nicht fassen, wie viele es hier sind, unzählige, kaum unterscheidbare Spitzen und allen hat man einen Namen gegeben (nur ich kenne natürlich keinen; ich bin zwar nicht das erste Mal in den Alpen, wenn auch nicht in dieser Gegend, aber an einen so überwältigenden Blick kann ich mich gar nicht mehr erinnern).
Dia 49: Hier sehen wir schon bis zum Col du Bonhomme, der niedrigsten Stelle zwischen den Bergen
Ich lege den Rucksack ab und mache gleich ein paar Fotos, falls aus irgendeinem  Grund die Sicht schlechter werden sollte - nach Südwesten, gegen die Sonne ist sie schon nicht optimal - und dann setze ich mich zu Saskia auf die Eingangstreppe zur Hütte. Neben uns sitzt eine Engländerin, die auf ihre Wanderfreunde wartet, die noch deutlich zurückliegen. Neben der Hütte rastet noch eine Gruppe junger Leute, von denen ich bei ihrem Aufbruch mitbekomme, daß sie wohl irgendeinen deutschen Dialekt sprechen, aber da sind sie auch schon weg. Nun ziehen wir um, auf den Platz neben der Hütte, denn hier ist es windstill und nachdem wir die ganze Zeit über vom Steigen so naß waren, tut uns jetzt der Wind, der über den Paß streicht, gar nicht so gut. Wir trinken und essen noch von unseren mitgebrachten Broten und sehen uns das Panorama noch eine ganze Weile an. Im Südwesten liegt in der Ferne ein sehr schöner Berg, der von dieser Seite aus ein wenig wie ein Tafelberg aussieht, aber wohl nur eine nebeneinander liegende Reihe etwa gleich hoher Spitzen ist. Im Südosten ragt ein einzelner Berg fast ein wenig wie das Matterhorn über alle anderen Berge hinaus und ist der Star des Ausblicks: der Mont Pourri, wie ich am nächsten Tag erfahre. Nach und nach nehme ich unseren noch zu bewältigenden Weg in Augenschein, es ist genau der, den auch die Gruppe junger Leute eingeschlagen hatte. Es liegen immerhin noch 150 Höhenmeter bis zum Ende unserer heutigen Etappe vor uns, aber die sehen nicht mehr so furchterregend aus.

Es dauert fast noch eine Stunde am Südwesthang des Rocher du Bonhomme entlang, die wir sehr gut hinter uns bringen und dann sehen wir den Steinhaufen auf dem Col de la Croix du Bonhomme vor uns liegen und wissen: Gleich haben wir es geschafft. Dort auf 2.483 m Höhe machen wir noch ein "Gipfelfoto", denn es ist die höchste von uns beiden auf dieser Tour bisher erklommene Höhe und dann steigen wir die paar Meter bis zum Refuge hinab. Wir gehen hinein und werden von einer jungen Dame sehr freundlich empfangen. Sie zeigt uns den Wanderschuhabstellraum und danach unser Vierbettzimmer, das wir zusammen mit einem holländischen Ehepaar bewohnen. Dusche gibt es wohl wegen des Wassermangels keine, alle Duschen sind mit Klebeband zugeklebt und die Toiletten sind auch zugesperrt. So machen wir es uns halt im Aufenthaltsraum bequem. Ich gehe noch mal hinaus, um ein paar Fotos zu schießen und dann schreiben wir bei einem Cappuccino unsere ersten Postkarten, die wir hier auch gleich einwerfen. Nebenbei studiere ich noch ein paar Bücher und Zeitschriften und beobachte die Leute, die nach uns noch ankommen sowie alle die, die schon da sind, um mir ein Bild zu machen, welche Menschen außer uns noch hier herauf in die Berge steigen. Wir können noch recht spät am Nachmittag Wandergruppen beobachten, die in Richtung des hier abzweigenden Wegs der GR 5 auf die Crêtes des Gittes hinaufsteigen, ein Weg, der von hier aus sehr abenteuerlich aussieht, denn es geht auf beiden Seiten des Weges sehr steil hinunter.

Es gibt tatsächlich mehrere Gruppen, die ihr Essen in der dafür vorgesehenen zweiten Küche selbst zubereiten. Uns setzt man zum Essen mit einer vierköpfigen, holländischen Familie an einen Tisch, was auch nicht schlecht ist, denn die jüngere Frau spricht sehr gut Deutsch und so kann sie gelegentlich auch ein paar Worte mit Saskia wechseln. Dann wird es noch etwas enger, denn wir müssen auch noch ein junges Paar aus den USA mit an den Tisch nehmen. Die Unterhaltung läuft hauptsächlich zwischen den Amerikanern und den Holländern auf Englisch, so daß ich mich mehr mit Saskia beschäftige. Neben uns an der Wand hängt ein großes Poster, wo die Solaranlage und die Wärmepumpe erklärt werden, aus denen man hier oben die Energie bezieht. Das Essen aus den in Frankreich üblichen Gängen ist gut und wir sind richtig satt, als wir aufstehen und schon ziemlich müde sind. Saskia will auch gleich zu Bett und wir gehen zusammen hinauf, um die letzten Vorbereitungen zum Schlafen zu treffen. Dann ist es mir doch noch nicht spät genug und während sich Saskia schon zurückzieht, gehe ich noch mal hinunter, um nachzusehen, was noch so läuft. Es ist ziemlich laut und einige der Leute sind ziemlich lustig, nicht ganz ohne etwas mit Alkohol nachzuhelfen, was mir nicht gefällt.

Ich sehe, daß sehr viele Leute auf dem Balkon gegen Westen stehen und dann sehe ich noch, daß sehr viele Leute mit Fotoapparaten herumlaufen und als ich den versammelten Blicken der Leute folge, erblicke ich auf einem Kamm zuerst zwei, dann drei Steinböcke, die sich wie beim Schattenspiel gegen den hellen Hintergrund abzeichnen. Ich überschlage kurz die Möglichkeit, ins Zimmer hinaufzurennen, das Tele auszupacken und mit Saskia wieder hinunter, aber dann denke ich mir, bis dahin sind die Steinböcke bestimmt über alle Berge und lasse es sein, statt dessen genieße ich den Anblick, präge ihn mir ein und freue mich, dies noch gesehen zu haben. Dann stelle ich fest, wie kalt es draußen ist und gehe zu Saskia in unser Schlafzimmer, wo auch ich mich bettfertig mache und mich hinlege. Ich glaube, wir schliefen sehr schnell ein, denn ich höre das holländische Ehepaar nicht mehr kommen - da muß ich schon sehr weit weg gewesen sein.

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3. Wandertag: Refuge Croix du Bonhomme - Cabane Elisabetta

Am nächsten Morgen, Mittwoch, 20. August, wachen wir zur geplanten Stunde auf und gehen zum Frühstücken in den Saal hinunter. Es sind schon sehr viele Leute da und es kommen noch sehr viele nach uns, so daß wir glauben, noch ganz gut in der Zeit zu liegen. Die Berge werden jetzt von der anderen Seite von der Sonne beleuchtet, so daß sich ein ganz anderes Bild als am Vorabend ergibt. Dann packen auch wir unsere sieben Sachen ein, holen uns noch das am Abend bestellte Proviantpaket ab und ziehen wieder los.

Ich hatte mir von Anfang an in den Kopf gesetzt, die "normale" Route der Tour du Mont-Blanc zu gehen und keine der Varianten, denn ich wollte sehen, wie der Weg ursprünglich geplant war und ausgeführt ist. Also heißt dies für uns, die fast 900 m nach les Chapieux hinabzusteigen. Nun, wir finden, daß dies für den frühen Morgen eine angenehmere Beschäftigung ist, als dasselbe Stück hinauf gewesen wäre und wir gehen die grünen Hänge entlang, sehen unterwegs auch einen Schäfer mit seiner Herde und Saskia erfreut sich sehr an den grünen Seiten der Crêtes des Gittes. Dann kommen wir bald an die ersten Häuser, wo auch Menschen ihrer Arbeit mit Heu und Tieren nachgehen und die fernen, hohen Berge verlieren wir nach und nach aus dem Blickfeld. Dann sehen wir les Chapieux unter uns liegen, mit dem riesigen Parkplatz und den weit verstreuten Wohnmobilen und am Ostende des Tales sehen wir auch eine große Reihe von Militärzelten. Immer wieder begegnen uns jetzt Wanderer, die bereits von les Chapieux aufgebrochen sind, um den Col de la Croix du Bonhomme zu erklimmen. Recht kurz vor dem Ort macht uns ein entgegenkommender Wanderer auf eine Gruppe Murmeltiere aufmerksam, die wir dann auch mit dem Fernglas eine Weile beobachten können. Dann haben wir das Tal erreicht und ein Gasthaus empfängt uns so einladend, daß wir einfach nicht vorübergehen können. Wir bestellen uns Menthe-à-l'eau, setzen uns an einen schönen Tisch in der Morgensonne und sehen den Kellnerinnen zu, wie sie die Tische für mindestens zwei Busladungen voll Leute decken. Hier fahren wieder Autos, die wir uns eigentlich schon abgewöhnt hatten.

Schon vom Tisch aus habe ich den Wegweiser gesehen, der zwischen den wenigen Häusern hindurch in das schmale Tal zeigt, wo es nach der Ville des Glaciers gehen soll. Wir packen unser Gepäck auf den Rücken, gehen an den Militärzelten vorbei und da sehe ich, daß hier auch die T-Shirts zu Hause sind, denen wir unterwegs schon begegnet waren, das heißt also, daß einige der Soldaten auch schon auf den Col de la Croix hinauf unterwegs sind. Die kleine Straße steigt schnell bergan und nach kurzer Zeit ist sie gar nicht mehr so bequem, wie sie anfangs ausgesehen hat. Aber wir kommen ganz gut voran. Ich etwas schneller als Saskia, aber dann habe ich einen Schwächeanfall, mit anderen Worten: Plötzlich bekomme ich so großen Hunger, daß ich glaube, keinen Schritt mehr gehen zu können. Ich lasse mich unverzüglich am Straßenrand nieder und muß ein paar Brote essen. Dann geht es mir wieder gut. Im oberen Teil der Straße sehen wir plötzlich einen sehr hohen Schneeberg zwischen den Felsen hervorschauen und das könnte der Mont-Blanc selbst sein, den man von hier aus zum ersten Mal von der Südseite aus sieht. Ganz sicher bin ich mir aber nicht. Ich war ja früher schon mal in Chamonix gewesen, aber auf dieser Seite war ich noch nie und ich bin sehr beeindruckt. Rechts unten im Tal ist eine Herde Kühe. Was ich bis dahin so deutlich noch nicht gesehen hatte, war der Gang der Kühe in den Fluß, um Wasser zu trinken. Als eine der Kühe damit anfängt, folgen ihr die anderen und tun es ihr gleich. Auf dieser Straße fahren ziemlich viele Autos, fast alle hinauf und fast alle mit Kennzeichen aus anderen Regionen Frankreichs und ich frage mich, was denn die Ville des Glaciers für eine große Stadt sein muß, daß sie so viele Besucher hat.

Irgendwann einmal kommt man über die Kuppe und sieht zuerst Seloge und dann die Ville des Glaciers vor sich liegen. Nun bekommen wir auch die Antwort auf die Frage nach den Autos. Es gibt hier vielleicht 10 Häuser, aber mindestens hundert Autos auf einem großen Parkplatz hinter dem Ort, denn er wird als Ausgangspunkt für eintägige Wanderungen in die Berge und zu den Almen hinauf benutzt. Etwas abgekämpft landen wir im Ort und ich sehe bald das Hinweisschild zum Käseverkauf in einem Bauernhaus. Da haben wir auch schon wieder Hunger und setzen uns daher gleich an der Kreuzung im Ort nieder, wo die Variante über den Col du Fours den Berg herunter kommt. Saskia bewacht unsere Rucksäcke und ich gehe Käse kaufen.

Das Hinweisschild zeigt auf eine Tür, die ich bei einem "normalen" Wohnhaus als Terrassentür bezeichnet hätte und sie ist nur angelehnt. Ich gehe bis an die Tür und rufe "Bon jour!", worauf eine Frau etwa in meinem Alter zur Tür kommt und mich hinein bittet. Sie ist sehr freundlich und ein Mädchen etwa in Marinas Alter kommt ebenfalls und sie scheinen sich sehr zu freuen, daß wieder einmal jemand Käse kaufen kommt. Der Raum ist eine Multifunktionsküche, in der bestimmt drei einzelne Küchen entlang der Wände untergebracht sind. Gleich hinter der Tür steht ein großer Tisch mit wenigen Stühlen, auf dessen einer Hälfte die Käselaibe zur Schau gestellt sind. Rechts dahinter, aber noch fast mitten im Raum steht ein Kohleofen, der von einem Kinderlaufstall umgeben ist; hier werden also nicht die Kinder eingesperrt, sondern der Ofen - mit demselben Ergebnis, daß sich nämlich die nicht anwesenden Kleinen nicht verbrennen sollen. Entlang der drei hinteren Wände sind mehrere Anrichten und Herde aufgebaut, von denen einige in Betrieb sind, denn es brutzelt und dampft an mehreren Ecken und das Mädchen ist eifrig am Rühren und Herumwirtschaften. Die ganze Situation ist äußerst undurchsichtig, aber nicht ungemütlich. Ich lasse mir die ca. 5 Sorten beschreiben und entscheide mich dann für fast ein Pfund Tomme, der sehr gut aussieht. Ich will schon einen größeren Schein zücken, als mir Madame einen Preis nennt, den ich sehr anständig finde und den ich so niedrig bestimmt in keinem Supermarkt gefunden hätte.

Ich gehe schnell die paar Meter zu Saskia zurück und wir bleiben einfach da sitzen, wo wir die Rucksäcke abgestellt haben, um unser Mittagessen zu uns zu nehmen. Wir packen zuerst unser Freßpaket von der letzten Hütte aus und begutachten es. In einem Plastikschälchen ist eine Art Salat oder Cruditée aus verschiedenen frischen, rohen Gemüsen mit einem Dressing und etwas belegtes Brot. Dies verdrücken wir zuerst, danach die Reste unserer noch von zu Hause mitgebrachten Brote und dann noch das Stückchen Kuchen aus der Packung. Während dieser Zeit gehen sehr viele Wanderer an uns vorbei, solche, die wohl auch die TMB gehen, denn sie sind etwa wie wir bepackt und solche, die wahrscheinlich am Abend wieder zu ihren Autos zurück kehren, denn sie haben praktisch überhaupt kein Gepäck dabei. Und dann überholt uns noch die Wandergruppe, vom Col du Fours kommend, bei der zumindest auch einige Deutsche dabei sind und die uns am Abend sowie am Frühstück mit relativ lautem Geschwätz aufgefallen waren. Der Führer der Gruppe ist ein recht beleibter Mann, dem ich eine solche Wanderung gar nicht zugetraut hätte mit einem langem Stab am Rucksack und einem gelben Fähnchen mit der Aufschrift "TMB 2003". Wir lachen ein wenig in uns hinein, machen ein paar abfällige Bemerkungen, denn die Wanderer haben nun keinen großen Mund mehr, sondern sind eher ziemlich abgekämpft.

Dann setzen auch wir uns unser Gepäck mit schweren Bewegungen wieder auf den Rücken und folgen dem langen Zug von Wanderern in Richtung Nordosten, zum Ende des Tales hin. Recht bequem wandern wir bis zum Refuge des Mottets, wo sich die Wandergruppe für ihre Rast niedergelassen hat. Wir finden es gut, daß wir ihnen nicht nachsteigen müssen, sondern den langen Zug vorerst los sind und beginnen sofort mit dem steilen Aufstieg. Es geht hier sehr steil hinauf, ich glaube, es ist auf der ganzen Strecke bis hierher der steilste Aufstieg. Und die Steigung hält an - es sind ja auf einer ganz kurzen Strecke auf der Karte fast 700 Höhenmeter. Es ist wieder mal der typische Effekt: Wir können bis zur nächsten Kuppe sehen und wenn wir diese erreicht haben, liegen dahinter neue Kuppen, zu denen wir aufstei-gen müssen. Links vor uns liegt der Gletscher Tré-la-Tête und die Berge neben uns schimmern wie reines Metall in der Sonne. Ich mache auch immer wieder Fotos zurück, denn die Ville de Glaciers liegt wunderschön unten im Tal und je weiter wir nach oben kommen, um so schöner werden die Ausblicke, vor allem zurück in die Ferne, wie in Dia 111, wo in Bildmitte die Ville de Glaciers liegt und ganz unten im Tal noch les Chapieux vermutet werden kann. Fotos mit Saskia kann ich jedoch nur nach vorne machen, da sie mal wieder ein gutes Stück voraus steigt, wie zum Beispiel in Dia 104, aber in dieser Richtung taucht dann auch endlich wieder der Mont Blanc selbst und seine Vorberge auf, wie etwas höher in Dia 106, auch wieder mit Saskia voraus.

Irgendwann haben wir es dann doch geschafft und wir sind auf dem Col de la Seigne, auf 2.516 m Höhe, können wieder die reine Höhenluft atmen und sind wieder unendlich weit von der Welt der Autos und des Lärms entfernt. Als wir ankommen, finden wir keine Menschen außer einem Paar aus Italien mit Mountainbikes. Ich versichere mich nochmals, wo es zum Refuge Elisabetta geht, denn die Wege nach Nordosten hinunter sind ziemlich verzweigt und ausgetreten. Die beiden bestätigen meine Meinung und fahren dann ebenfalls nach Italien hinunter, wohin ja auch wir wollen. Natürlich rasten wir wieder hier oben am Grenzstein zu Italien und schauen vor allem noch mal ausführlich zurück, denn wir sehen, daß wir den Blick zurück nicht mehr haben werden. Es ist auch wieder sehr zugig hier oben und wir müssen uns eng an den Grenzstein schmiegen, um nicht direkt im kalten Wind zu sitzen. Von Saskia mache ich noch das Dia 115 auf der Grenze mit einem Bein in Frankreich und mit dem anderen bereits in Italien. Hier ist es auch, wo ich die ersten Wanderer, die uns entgegenkommen mit "Buon giorno" statt mit "Bon jour" begrüße und vor Saskia prahle, wie schnell ich mit der Sprache umstellen könne. Dann kommt uns noch eine Frau entgegen, zu der ich versehentlich wieder "Bon jour" sage und ab da kann ich Saskia ständig sagen hören: "Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell du umstellen kannst!" und das geht dann einige Tage so!!!

Schließlich gehen wir die letzte Stunde bis zu unserem nächsten Nachtlager an und ein Stück weiter unten hören wir wieder mal die lauten Pfiffe der Murmeltiere. Ich suche sie und finde sie dann auch und es stellt sich heraus, daß sie zwar sehr laut pfeifen, aber nicht weglaufen, um sich zu verstecken. Also hole ich mühsam aus dem Rucksack das Tele heraus und beginne, die Kameraden zu fotografieren, was auch gar nicht schlecht wurde. Zwar sind sie aus der Entfernung nicht bildfüllend auf dem Foto, aber sie sind wenigstens gut zu sehen. Ich mache also gleich sechs Fotos, von denen ich eines wegwerfe, weil es sich mit einem anderen genau deckt, aber auf den übrigen sehen die kleinen Kerlchen mal nach links und mal nach rechts wie in Dia 127, ob nicht noch andere gefährliche Wanderer unterwegs sind. Hier mache ich auch das schöne Dia 129 vom Grand Combin und dem Monte-Rosa-Massiv, rechts daneben und im Dia 130 ein nettes Abstiegsbild von Saskia, die wegen des kühlen Windes ihren Pullover angezogen hat. In den Gräben des Abstiegs finden sich sehr schöne Disteln oder ähnliche Pflanzen (Dia 122), die hier wohl ein wenig Schutz vor dem rauhen Wetter suchen. Noch etwas weiter unten scheinen uns eine Herde Kühe den Weg zu versperren, aber dann zeigt es sich, daß sie nur gemolken werden wollen. Mitten in der Pampa, wohl an dem Ort, der auf der Karte mit Alpe Superieur de la Lée Blanche bezeichnet wird, stehen ein paar Bauwagen mit einem Dieselmotor, der fürchterlich laut ist und stinkt und hier gibt es eine Melkstation für eine recht große Ansammlung von Kühen (Dia 133). Es sind auch zwei Italiener mit einem Hund da und arbeiten irgend etwas. Wir gehen relativ schnell zwischen den Tieren und den Maschinen hindurch und steigen weiter in das breite Lée Blanche hinunter, wo wir schon gut den sumpfigen Lac de Combal sehen können.

In der Ferne ist immer noch der Mont Blanc zu sehen und rechts von uns kommt in Serpentinen steil der Weg vom Col de Chavannes herunter. Dort sehen wir Wanderer, die offensichtlich auch Elisabetta als Ziel haben und wir beginnen schneller zu gehen, da wir vor denen da sein wollen, was uns, glaube ich, auch gelang. Auf der Alpe Inferieur de la Lée Blanche angekommen, finden wir einen schönen Brunnen und ein paar Häuser, die so tief in den Berg eingebaut sind, daß mich Saskia fragt, warum man so etwas macht. Ich versuche ihr zu erklären, daß der Schutz gegen den vielen Schnee und die Eiseskälte wesentlich besser ist. Leider müssen wir nun auch noch 10 Minuten bis zur Hütte hinaufsteigen, sind wir doch schon ziemlich ausgelaugt.
 

Dia 136: Capanna Elisabetta
Oben werden wir sehr freundlich empfangen und meine Reservation war auch angekommen. Wir stellen wieder unsere Schuhe ab und werden in den Schlafsaal unter dem Dach gewiesen. Glücklicherweise sind wir sehr früh dran und in diesem riesigen Raum die ersten, so daß wir uns den Platz am Fenster bzw. an der Notaus-stiegstüre sichern können. Hier dürfen wir endlich duschen, was ich auch gleich mache. Nun geht es schon viel besser. Draußen vor der Tür in der letzten Sonne warten wir auf das Abendessen - zu mehr haben wir keine Lust mehr. Wir kommen in der Nähe der Rezeption zu sitzen und haben links neben mir eine Engländerin, die eine Jugendgruppe aus der Gegend nördlich von London leitet. Die Jugendlichen dürfen aber nicht hier im Refuge schlafen, sondern müssen sich unten bei der Alpe mit ihren Zelten begnügen. Ihr gegenüber sitzt ein sehr begabter Schweizer, der recht gut deutsch, englisch, italienisch und französisch spricht und sich intensiv mit der Engländerin unterhält. Saskia und ich sitzen jeweils in der Mitte unserer Seiten, so daß neben uns noch zwei Australier Platz haben; der neben mir lebt auch in Australien und ist zu Besuch bei dem Australier, der neben Saskia sitzt und der zur Zeit in London wohnt. Zwangsweise wird ein Großteil der Unterhaltung kreuz und quer in Englisch geführt. Es ist eine recht nette Gesellschaft. Nach dem Essen unterhalte ich mich noch mit dem einen der Australier, denn sie haben noch nicht alle Übernachtungen beisammen und in der Gegend des Col de la Forclaz fehlt ihnen noch eine Adresse, die ich ihnen aber schnell geben kann. Dann gehen wir zu Bett - bei uns im Saal hat sich noch die Wandergruppe einquartiert, aber da wir bald schlafen, stört sie uns nicht weiter.

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Donnerstag, der vierte Wandertag: Cabane Elisabetta - Courmayeur

Am anderen Morgen, dem 21. August, frühstücken wir wieder mit unseren Tischkameraden vom Vorabend und machen uns dann reisefertig. Nach einem ersten schnellen, steilen Abstieg mit schönen Blicken zurück zum Haus in der Morgensonne und nach unten, auf den Lac de Combal, der mehr aus Sumpf und Flußarmen besteht, als aus einem eigentlichen See, wandern wir sehr gemütlich diesem Wasser entlang und können viele schöne Spiele mit Licht und Wasser beobachten zurück, mit der Sonne im Rücken und nach vorne, unter anderem auch den Zusammenfluß von ganz normalem mit grünem Gletscherwasser, das direkt von Gletscher neben dem Refuge herunter kommt. Einige der Wanderer, die außer uns noch unterwegs sind, gehen zum Lac du Miage hinauf, was mich eigentlich auch interessiert hätte, aber wenn ich da schon gewußt hätte, wie schön man ihn von weiter oben sehen kann, dann hätte ich leichteren Herzens darauf verzichtet. Am Ende des Lac de Combal bin ich dann doch überrascht, daß es diesen kleinen, steilen Weg direkt den Berg hinauf gehen sollte, denn ich bin eher darauf gefaßt, das letzte Stück nach Courmayeur relativ eben gehen zu können, was natürlich auch gegangen wäre - durchs Val Veni und nicht auf der TMB. Also folgten wir der Beschilderung und steigen mal wieder. Zuerst durch etwas Wald und dann wieder über die steilen Wiesen, wobei Saskia ein Bild von mir macht, sind wir bald 300 m höher und haben nun auch den schönen Blick auf den Lac de Miage und den dahinter liegenden Gletscher. An der höchsten Stelle dieses Wegstücks, auf der Höhe 2.375m, machen wir noch mal Halt, schauen uns die gegenüber liegenden Gletscher an und sind wegen des Wetters schon ein ganz klein wenig Bange, denn es sieht nun nicht mehr so gut aus.

Der Weg ist hier sehr schön und abwechslungsreich, mal ein Stückchen hoch, mal hinunter, wie in Dia 165 zu sehen, wo wir beinahe die Wandergruppe einholen, mal etwas um die Ecke und immer mit sehr schönen Blicken in alle Richtungen, außer nach rechts, denn da thronen über uns die hohen Berge. Auch beim Blick zurück ist dieser schöne Weg gut zu sehen (Dia 167). In der Ferne erblicken wir auch bald ein Haus, das sehr exklusiv noch deutlich höher als wir auf einer Bergkante ruht und zu dem eine Seilbahn führt, vermutlich für die Skifahrer. Es dürfte sich um die Station handeln, die auf der Karte ein klein wenig nördlich der Höhe 2.784 m liegt und etwas rechts oberhalb des Dias 168 steht. Auf diesem Bild ist mir endlich mal gelungen, ein paar Mountainbiker zu knipsen und auch hier liegt die Wandergruppe nur knapp vor uns. Saskia sieht man an, daß der Weg leicht nach unten ein größeres Vergnügen darstellt, als steile Aufstiege. Links sind hier ständig Schilder zu sehen, daß man wegen Absturzgefahr nicht weitergehen soll und wenn ich mir die Karte ansehe, dann dürfte das auch wieder für die Skifahrer sein, denn hier liegt ein sehr steiler Hang mit Wald, der zwar für Wanderer nicht, aber für Skifahrer sehr gefährlich sein muß. Hier sehen wir auch die vielen Blechrinnen, die wahrscheinlich der Wasserabfuhr dienen, aber warum sie genau hier am ganzen Hang montiert sind und nirgendwo anders, wissen wir nicht. Auf dieser Strecke überholen wir sie und sie uns immer wieder: die holländische Großfamilie, mit denen wir am vorletzten Abend beim Essen saßen. Dann kommen wir in die Nähe einer kleinen Hochebene, die als Winterstation ausgebaut ist, mit Seilbahnstationen und einer kleinen Gastwirtschaft, aber davor haben wir schon mal wieder Hunger und es beginnt jetzt auch zu regnen. Wir finden eine kleine Hütte, vermutlich eine Abfahrtsaufsicht, mit einer kleinen, überdachten Terrasse davor und die kommt uns gerade recht, denn so können wir unsere Brote im Trockenen verspeisen und sogar auf die Regenkombis verzichten, die die Holländer schon angezogen hatten, als sie uns hier mal wieder überholten. Unten, bei der kleinen Kneipe, rasten sie dann auch, denn es hat wieder zu regnen aufgehört und wir werden auch für den Rest des Tages nicht mehr naß.

Auf einem sehr steilen Fahrweg geht es dann von Pra Neiron zum Plan de Checroui hinunter, ein Stück, das wir auch mit der Seilbahn hätten fahren können, denn sie beförderte reihenweise die Ausflügler nach oben, die auch einmal ein wenig Bergluft schnuppern wollen, aber es nicht schaffen, zu Fuß zu gehen. Das Gefälle stellt schon erhöhte Anforderungen an unsere Bremsen in den Knien und sogar an die Rutschfestigkeit unserer Schuhsohlen. An der Bergstation der großen Kabinenbahn von Courmayeur halten wir eine Weile an, weil sich Saskia den Pullover ausziehen will, den sie zwischendurch an hatte - wir sind schon wieder so weit nach unten gekommen, daß die Temperatur merklich zunimmt. Wegen der Rast finden wir dann auch besser den Einstieg in das letzte Wegstück, denn es ist recht gut an der linken Seite der großen Bergstation versteckt. Und hier wird es dann richtig steil, so daß wir zeitweise nur halbe Schuhlängen große Schrittchen machen können und ernsthaft Angst vor einem Absturz haben. Die schlimmsten Stellen werden von kleinen Brücken überspannt. Neben uns mit großen Kehren und Fangnetzen in den Kurven verläuft die Abfahrt ins Tal hinunter, damit die Skifahrer abends wieder in die vielen Hotels nach Courmayeur zurückkehren können. Vom Abstieg ziemlich angegriffen laufen wir dann endlich in Dolonne ein. Vor dem Ort haben die Italiener einen kleinen Vergnügungspark aus aufblasbarem Plastik improvisiert, wo die Väter mit ihren kleinen Kindern auf die Rutsche müssen, während die Mütter mit den ganz kleinen im Freiluftcafé sitzen.

Nun haben wir ja kein Quartier für den heutigen Tag und wir schauen uns hier schon mal nach einer Bleibe um. Es gab in Dolonne ein großes Hotel, das ich auch genommen hätte, aber ich befürchte, dann am nächsten Tag zu weit bis zum Einstieg in die neue Tour gehen zu müssen. Also beschließe ich, bis in die Stadt zu gehen, es sind ja auch nur noch ein paar Minuten. Hier überfällt uns der dichte Verkehr wie ein Wolkenbruch. Gleich zu Beginn sehe ich ein Haus, in dem ich auch eine Art "Beratungsstelle Monte Bianco" erkennen kann. Öffnungszeit am Nachmittag ab 15 Uhr, aber es ist eine Viertelstunde zu früh. Also sage ich zu Saskia: "Genau die Zeit für ein Eis!", denn ich habe auch gleich beim zweiten Blick das Eiscafé entdeckt. Hier lassen wir uns für ein dickes gemischtes Eis mit Sahne nieder und erholen uns mit der Feststellung, daß hier sehr viele Autos aus Mailand fahren und alles dicke Wagen, Mercedes, Audi und BMW und nicht die kleinsten und noch einiges an fetten Sportwagen dazu. Dann weise ich Saskia an, auf unsere Plätze und das Gepäck im Café aufzupassen und gehe zur Mont-Blanc-Information. Schon bei der Kundin vor mir höre ich, daß der Ort ziemlich ausgebucht ist. Ich bekomme dann aber doch noch eine Reihe von Hoteladressen, traue der Sache aber nicht ganz und verlange noch ein Telefonat von der Dame am Tresen, das sie dann auch mit dem Edelweiß führt und sich vergewissert, daß es hier noch ein Zimmer für uns gibt. Ich gehe zum Café zurück und da sind auch schon die Holländer angekommen, denen ich sage, daß es hier schwierig mit den Zimmern ist, aber sie haben schon ein Refuge etwas weiter gebucht, das sie mit dem Bus erreichen wollen. Zuerst aber wollen sie es uns nachmachen, das mit dem Eis-Essen.

Wir schnallen unser Gepäck auf den Rücken und gehen durch die Stadt, wo wir mit dem Stadtplan das Hotel auch leicht finden und sofort ein Zimmer bekommen. Es liegt direkt unter dem Dach und das Fenster führt ebenfalls auf ein Dach hinaus, wo wir sehr gut unsere Schuhe für die Nacht abstellen können. Dann duschen wir, dieses Mal auch Saskia. Für den anschließenden Gang durch den Ort hat sie nicht die Muse, sondern will dafür lieber im Hotelzimmer bleiben, so daß ich alleine losziehe und die Hauptstraßen abwandere.

Der Ort ist ganz nett und zwei Geschäfte fallen mir besonders auf: eine ultimative Buchhandlung für Mont-Blanc-Fans mit zwei Regalen Spezialliteratur zum Berg in allen Varianten vom Bild zum Kletterpfad, vor dem sich auch, natürlich direkt im Eingangsbereich eine Menge Freaks versammelt haben und alle möglichen Aspekte durchdiskutieren, und ein ultimativer Eisladen mit riesigen Eisbehältern, in denen die bunten Sorten hoch aufgetürmt sind und derart lecker zum Kaufen einladen, daß ich nur mühsam widerstehen kann. Auf dem Rückweg ins Hotel erkundige ich mich auch nach dem hoteleigenen Restaurant, aber es gibt hier nur ein Essen mit viel Fleisch zu einem recht hohen Preis, so daß ich mich nicht anmelde. Zurück bei Saskia sortieren wir noch ein wenig unser Gepäck und machen uns dann auf den Weg zu einer der wenigen Pizzerien, die ich gesehen hatte. Schließlich entschließen wir uns trotz der hohen Preise für eine Terrasse direkt an der Fußgängerzone und setzen uns hin. Saskia versucht sich auf mehrere Arten bemerkbar zu machen, aber es kommt niemand. So warten wir eine ganze Weile, bis es uns zu dumm wird und ich vorschlage, zu einem Pizzastraßenverkauf zu gehen, den ich auf meinem Rundgang ebenfalls bemerkt hatte. Saskia ist sofort einverstanden und so stehen wir schnell auf, damit nicht doch noch jemand in letzter Minute kommt und uns etwas zu essen bringen will. Die schon etwas betagte Mutti im Straßenverkauf gibt uns dann einige Stücke Pizza in zwei Sorten und wir setzen uns draußen auf die Eingangstreppe eines geschlossenen Ladens und verzehren die sehr wohlschmeckende Pizza, wobei wir all die vielen vorbei defilierenden Leute bestaunen können und über sie unsere Witze machen. So bezahlen wir auch für das ganze Abendessen weniger, als in dem anderen Laden eine einzige Pizza gekostet hätte. Gut gesättigt und zufrieden kehren wir in unser Hotel zurück und schlafen auch bald ein.

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Freitag, der fünfte Wandertag: Courmayeur - Refuge Bonatti

Das Frühstück am 22. August erweist sich für Italien als recht gut und reichhaltig und wir schlagen kräftig zu, nicht ohne auch noch ein paar Kleinigkeiten in die Hosentasche zu stecken, für unterwegs. Am Abend hatte ich mir auch schon die Läden ausgesucht, in denen ich für Proviant sorgen will, einschließlich der Öffnungszeiten, denn zu dieser frühen Morgenstunde haben erst ein paar Geschäfte geöffnet. So erstehen wir ein sehr großes Stück sehr guten Käse der Region und ein köstliches Brot. Dann machen wir uns nach Villair hinauf auf die Socken. Vor einem Kiosk schmieren wir uns tüchtig mit Sonnencreme ein, denn es ist wieder strahlend blau und die Sonne sticht schon wieder so kräftig, daß ich darauf nicht verzichten will. Bald kommen wir aus der Stadt heraus und zu den letzten Parkplätzen, wo sich auch die Eintagsausflügler zu einer Bergbesteigung fertig machen. Ab da geht es wieder im Zickzack durch den Wald hinauf und wir sind bald wieder am Schnaufen wie die Weltmeister. Trotzdem ist Saskia so schnell, daß mir nur ein verwackeltes Foto von ihr gelingt (Dia 192). Es ist ein sehr, sehr schöner Weg und ich kann auch die Ausflügler verstehen, daß sie auf diesen Weg nicht verzichten wollen. Unterwegs treffen wir auch eine Gruppe junger Amerikanerinnen, die gerade Pause machen und die wir dann am Nachmittag auf dem Berg noch einmal treffen. Auf diese Weise überwinden wir an diesem Morgen die ersten 700 Höhenmeter und kommen dann ziemlich verschwitzt in le Pré an, wo sich bereits Dutzende von Touristen tummeln und speisen und trinken, eine große Gruppe hat auch Fahrräder dabei. Wir setzen uns am Geländer auf eine Bank und trinken erst mal fast die Flaschen aus (Dia 198). Neben uns telefoniert eine Italienerin zeitweise mit zwei Handies und nervt kolossal mit ihrem ständigen Gequatsche. Ihr Freund liegt neben ihr auf der Bank und ist völlig ruhig; er ist es offensichtlich so gewöhnt. Über uns sehen wir den kommenden Aufstieg und er ist wieder mal so steil, daß ich fürchte, die Wanderer, die schon am steigen sind, müßten demnächst wieder herunterpurzeln. Damit nichts schiefgeht, nehme ich die Flaschen, gehe in Richtung Toilette und davor sind große Waschbecken mit großen Wasserhähnen, an denen ich alle Flaschen bis zum Deckel schnell füllen kann. Dann packen wir unsere schweren Säcke auf den Rücken und gehen los.

Auf der Karte sind die Spitzkehren ja vor le Pré eingezeichnet, was aber nicht darüber hinweg täuschen darf, daß es erst dahinter richtig steil wird, denn die folgenden 400 Höhenmeter auf den Mont de la Saxe gehen schön am Grat entlang und sehr direkt hinauf. Dieser Berg hat einen schönen runden Grasrücken, den wir schon bei Abstieg am Vortag gesehen hatten und den ich richtig als den weiteren Verlauf der Strecke vermutete. Nur sieht er von der Ferne wesentlich harmloser aus, als er sich beim Begehen dann herausstellt. Hier habe ich mal wieder Bedenken, ob die Tour denn das richtige für uns sei, denn ich habe keine so richtige Lust, hier hinauf zu keuchen - aber unsere Entscheidung lag ja schon Tage zurück und so habe ich keine Wahl. Nicht zuletzt ist es deswegen so furchterregend, weil die Sonne mal wieder ihre volle Kraft entfaltet und weit und breit keinerlei Schutz vor ihr auszumachen ist. Saskia ist wieder gut drauf und bald voran. Im totalen Steilstück habe ich Angst vor dem Hinunterfallen und mache deswegen keine Fotos, aber etwas oberhalb der ersten "Kante" schaue ich zurück nach le Pré und nach Courmayeur hinunter. Auf dem Dia 200 sieht man rechts die Wiese, von der wir gekommen sind und rechts neben Courmayeur liegt der Vorort Dolonne mit der Rutschbahn.

Auf dem Gipfelgrat angekommen, können wir im Gehen eine Verschnaufpause einlegen, denn es ist nun nur noch leicht steigend und teilweise sogar eben oder leicht abschüssig. Hier fotografiere ich Saskia beim Wandern direkt vor dem Mont Blanc in Dia 199. Die Ausblicke nach allen Seiten lenken schon wieder vom Blick auf den Weg ab, denn es gibt in allen Richtungen genug zum Schauen. Die Ansichten des Mont Blanc von Süden sind einmalig schön und in Dia 213 sammelt er schon wieder ein paar Wölkchen um sein Haupt. Saskia wandert wieder hurtig voraus und ich kann sie wieder nur von hinten fotografieren. Kurz unterhalb des nächsten Anstiegs bekomme ich plötzlich wieder einen nicht verschiebbaren Hunger und muß sofort für Abhilfe sorgen. Gleich am Weg werfen wir unser Gepäck ins Gras und packen den am Morgen gekauften Proviant aus, der sich als äußerst schmackhaft erweist. Leichter im Rucksack, aber trotzdem etwas beschwert (im Magen) gehen wir weiter, was Saskia in Dia 209 dokumentiert hat.

In der Nähe des flachen Gipfels sind Schneezäune angebracht, die Schneeverwehungen verhindern sollen und dort stehen plötzlich zwei sehr schöne Pferde, die uns mit sehr aufmerksamen Blicken betrachten, wie wir vorbei wandern und uns auch nicht aus den Augen lassen, als wir schon eine ganze Strecke zum Testa Bernarda weiter gehen (Dia 218). Ich überlege mir noch, wie sie sich hier oben ernähren - Gras gibt es zwar genug, aber Pferde brauchen ja auch etwas zu trinken, da entdecke ich eine Strecke weiter in einer kleinen Mulde eine Pfütze, die auch für durstige Pferde einige Tage oder gar Wochen reichen müßte; also ist auch dafür gesorgt.

Es folgen jetzt wieder Aufstieg um Aufstieg, obwohl wir nur noch 200 Höhenmeter vor uns haben, aber die bereits hinter uns liegenden mehr als 1.000 m haben uns schon deutlich geprägt und wir sind nicht mehr ganz frisch. Saskia geht zügig voraus und nach einiger Zeit habe ich sie praktisch aus den Augen verloren. Ich überlege mir immer wieder, welcher der kleinen Punkte in der Ferne über mir sie wohl sein wird, bin mir aber bald nicht mehr sicher. Hier gibt es auch zeitweise recht schwierige Wegstücke, sowohl nach rechts als auch nach links abfallend und ich hoffe noch, daß sie sich weiterhin als so trittsicher erweist, wie ich es schon an ihr beobachtet hatte. Auf der Testa Bernarda verweilen wir erst gar nicht, sondern gehen gleich weiter zum höchsten Punkt, der noch mal 50 m höheren Tête de la Tronche. Dort wartet Saskia inmitten von etwa 30 anderen Wanderern auf mich und hat sich schon wieder ziemlich von dem Anstieg erholt.

Wir machen noch eine Pause, nicht um schon wieder zu essen, sondern einfach um den Aufstieg zu feiern. Nach ausgiebigen Rundblicken sowie Rückblicken auf den eben gegangenen Weg über den runden, grünen Rücken und einem zünftigen Gipfelfoto mit dem Mont Blanc in Hintergrund steigen wir den irrsinnig steilen Weg zum Col Sapin hinab, wo wir auch die Gruppe der jungen Amerikanerinnen wieder treffen, die über Curru heraufgekommen waren. Hier entsteht auch Saskias Idee, die steilste und schnellste und längste Rutschbahn der Welt zu bauen. Dieses Thema beschäftigt uns dann auch noch für den Rest des Tages. So etwa bis zur Alpe de Secheron geht es um viele technische Details, die wir zu Teil auch in Gedanken lösen, während des Aufstiegs zum Pas enrtre deux Sauts machen wir eine Pause mit dem Reden und dann reden wir bis zur Ankunft in Malatra über die betriebswirtschaftlichen Bedingungen und Einflüsse eines solchen Projekts. Die Themen reichen von den voraussichtlichen Genehmigungsverfahren über patentrechtliche Angelegenheiten oder die Personalfrage mit Angestellten an den Kassen oder dem Sinn und Zweck eines Geschäftsführers bis zum Rückblick auf die Erfolge von Microsoft im Vergleich zu Apple und den Möglichkeiten, daß einem jemand die Idee wegschnappen kann und so weiter und so fort. Es ist einerseits interessant, ein solches Thema von allen Seiten zu beleuchten, aber anderseits bohrt Saskia mit ihren Fragen so unermüdlich, daß ich so etwa eine halbe Stunde vor Malatra Einhalt gebieten muß, weil mir nichts mehr zu diesem Komplex einfällt und weil ich einfach zu müde bin, um weiter und weiter darüber zu reden.

Ohne auf dem Col Sapin zu verweilen, steigen wir den leichten Weg in das Tal von Armina hinab und füllen an dem kleinen Fluß unsere Flaschen, denn ich sehe schon wieder den nächsten Aufstieg vor uns. Auf Dia 248 sieht man links unten den Gebirgsbach, an dem Saskia unsere Flaschen füllte, sie selbst kommt rechts unten den Weg herauf; rechts oben die Tête de la Tronche mit dem Mont Blanc, der ganz knapp darüber schaut, und der Weg vom Col du Sapin herunter. In diesem Tal begegnen wir den letzten Wanderern auf dieser Strecke, denn alle Eintagswanderer sind uns schon von Armina her über den Col Sapin nach Courmayeur entgegengekommen oder die, die mit uns gehen, müssen nach Armina hinunter. Ganz alleine gehen wir also am Hang des Tête de Secheron entlang, den kurzen Aufstieg zum Pas entre deux Sauts hinauf, wobei Saskia nun aber einige Schwierigkeiten hat, denn nun bin ich es, der voran geht und sie rückwärts aus den Augen verliert. Diese Stelle habe ich Dia 251 festgehalten, in welchem man rechts die Testa Bernarda unter dem wieder stattlichen Mont Blanc sehen kann, links daneben die Tête de la Tronche und den Col du Sapin - ganz links in der Kurve, die arme, müde Saskia. Worüber ich mich sehr freue und was ich noch nicht erwähnt habe, ist, daß man von hier aus bis zum Col de la Seigne zurückschauen kann und damit einen guten Überblick über einen großen Teil unseres Weges hat, weshalb ich hier auch noch ein Foto mache - was ich nicht weiß, ist allerdings, daß uns dieser Blick auch noch eine ganze Weile erhalten bleiben sollte!

Der Abend auf der Westterrasse an der Refuge Bonatti war wunderschön und gemütlich; die Sonne wärmt uns den Rücken und wir schreiben hier am Tisch die bisherigen Erlebnisse auf
Der Abstieg von rund 500 m am Rande des Vallon de Malatra ist kein Problem und muß nur noch gegangen werden. Früh genug kommen wir dort an, werden sehr freundlich von einer jungen, sehr quirligen Italienerin empfangen und in die Räumlichkeiten der besten Unterkunft der ganzen Wanderung eingewiesen. Es handelt sich bei der Refuge Bonatti um ein ganz neues oder um ein komplett renoviertes Haus, mit freundlichen, hellen und sehr geräumigen Zimmern, neuen bequemen und formschönen Möbeln und einer sehr guten Organisation. Hier hätte ich jede Nacht unserer Wanderung bleiben mögen und alle anderen Gestalter von Berghütten sollten sich vor Bau und Betrieb hier umschauen, wie man so etwas für den Wanderer angenehm gestalten kann. Ich gehe wieder zuerst duschen und dann setzen wir uns auf der Terrasse an der Westseite des Hauses noch in die Sonne, bis sie hinter dem Mont Blanc verschwindet, ich noch ein Foto im Gegenlicht mache (Dia 255) und es schlagartig kühl wird. Davor ist es jedoch so warm, daß sich eine junge, ausgelassene Italienerin von einer lustigen Wandergruppe sogar in der (knappen) Unterwäsche sonnt.
 

Unser Namensschild steht in dem freundlichen Speisesaal auf dem Tisch bei der Eingangstür und wir haben die französische Familie aus Mutter, Vater und zwei Söhnen (jeweils etwa ein Jahr älter als Marina und Saskia) am Tisch, die auch mit uns im Sechsbettzimmer schlafen sollen. Sie machen die Tour übrigens rückwärts. Außerdem sind da noch zwei französische Paare, ein älteres, mir gegenüber, mit denen ich mich recht angeregt unterhalte, unter anderem über Essen ohne Fleisch, denn der Herr behaupte, seit über 30 Jahren Vegetarier zu sein (aber Saskia ist beim Abendessen doch standhafter als er) und ein etwas jüngeres Paar neben Saskia; die beiden reden aber nicht sehr viel. Das Essen muß nicht weiter beschrieben werden, denn es ist wie überall auf der ganzen Wanderung sehr gut, wir haben nie Grund zu klagen - nur Saskia muß mir eben immer das Fleisch abtreten, denn für Vegetarier ist die Kost in den Bergen nicht gerade zugeschnitten. Nur auf Elisabetta hatten sie uns vorher danach gefragt und so konnte ich dort für Saskia ein auf sie zugeschnittenes Essen ordern. Wie schon an den Tagen davor, gehören wir auch hier wieder zu den ersten, die in der Koje liegen und ich schlafe auch bald ein, obwohl die italienische Jugendgruppe vor dem Haus noch eine Zigarette nach der anderen mehr oder weniger lautstark raucht - sie hatten ja auch zum Essen dem Rotwein sehr intensiv zugesprochen.

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Samstag, der sechste Wandertag: Refuge Bonatti - La Fouly, Gîte de la Léchère

Am anderen Morgen, dem 23. August, mache ich mich zum Frühstück fertig und sehe aus dem Fenster, wo es noch ziemlich dämmrig ist und ich will wissen, wie sich das Wetter heute wohl entwickeln würde. Ich gehe also zum Fenster hin und sehe, daß sich vor dem Haus die halbe Gästemannschaft mit Fotoapparaten versammelt hat und ich schaue in die Richtung, in die alle schauen: Gerade in diesem Moment kommt die Sonne über die Berge im Osten und beginnt, den Mont Blanc zu bescheinen. Ich packte sofort die Kamera aus und renne hinunter zu den anderen, um auch noch zwei schöne Aufnahmen machen zu können; die schönere ist Dia 260. Dann frühstücken wir vom einigermaßen reichhaltigen Büfett. Mit der französischen Familie reden wir noch kurz über die Strecke und sie empfehlen uns, nicht entlang der bezeichneten Route sofort ins Val Ferret hinabzusteigen, sondern auf dem Sims oberhalb von Ferrache und Gruetta zu wandern und erst in Arnuva hinunter zu gehen. Sie waren auf diesem Weg auch hierher gekommen. Vor dem Haus treffen wir uns noch einmal zum Schuhe anziehen (Dia 262) und dann muß Saskia noch an der Terrasse dem Berghund beim Spielen und Trinken zuschauen (Dia 263). Ich schaue mir die vorgeschlagene Variante des Wegs auf der Karte an und empfinde sie sehr einleuchtend - außerdem sparen wir so je rund 100 m Ab- und Aufstieg. Der Weg erweist sich dann auch als sehr schön (Dia 267) und vielleicht sollte man die TMB tatsächlich vom Val Ferret hier hinauf verlegen. Wanderer, die in Lavachey oder Arnuva übernachten wollen, können ja trotzdem durchs Val Ferret wandern. Ich mache noch ein Foto zurück und wir können immer noch bis zum Col de la Seigne sehen (Dia 265), Wobei allerdings unsere Seite noch ganz im Schatten liegt. Dann mache ich auch gleich noch ein Foto nach vorne (Dia 266) und überlege mir, wie wir wohl diese Berge begehen müssen. Wie sich herausstellt, gehen wir rechts des Gletscherbaches in Bildmitte den Weg hinauf und der helle Fleck oberhalb des Wegs ist die Refuge Elena. Von dort geht es dann weiter hinauf und vermutlich rechts oben hinter dem mittelblauen Berg aus dem Bild.
Auf der anderen Strecke hätten wir auch nicht die Begegnung mit dem Esel gehabt und wären nicht zum schönsten Foto der ganzen Wanderung gekommen. Es ging uns hier wie dem kleinen Bären und dem kleinen Tiger auf ihrem Weg nach Panama, die alles nicht erlebt hätten, wenn sie nicht aufgebrochen wären. Bei der Ruine am Höhenpunkt 2.003 angekommen, überlege ich mir, ob wir nicht oben bleiben können und studiere aufmerksam die Karte, als ein alleine wandernder Mann auf uns zukommt und meine Gedanken errät. Er meint, daß man nicht auf diese Weise "abkürzen" könne, denn es würde hinter der Alpe de Belle Combe sehr steil und gefährlich. Ich frage ihn dann, warum er in diese Richtung weiter geht, worauf er antwortet, daß er nur ein Stück aufsteigen würde, um besser fotografieren zu können. Also gehen wir die Zickzackstrecke nach Arnuva und zu den vielen Autos hinunter. Trotz der Möglichkeiten kehren wir so früh am Morgen noch nicht ein, sondern nehmen sofort wieder den Weg bergauf. Uns fällt auf, daß es hier besonders viele sportliche junge Männer und Frauen mit viel Seil auf dem Rücken gibt. An der Bergwand nordwestlich gegenüber von Pré de Bar finden sie sich dann alle und bei unserer ersten Rast und bei genauerer Betrachtung sehe ich dann immer mehr kleine Menschlein in der Steilwand hängen. Ich schätze, daß bestimmt an die 30 bis 50 Kletterer an diesem Tag hierher gefunden haben und sich großzügig über die breite Wand verteilen. Unten an der Gletscherzunge des Glacier de Pré de Bar (Dia 277) ist ebenfalls eine Gruppe unterwegs, die allerdings nicht in den Gletscher hinein steigen, sondern sich immer hier am unteren Ende des Eisfeldes aufhalten.
Nachdem wir also kurz vor Pré de Bar (hier, in der Refuge Elena, die auch sehr schön aussieht, haben übrigens unsere Australier übernachtet, wie wir später erfahren) schon unsere Rast gemacht hatten, kehren wir auch hier nicht ein, sondern wenden unsere Augen nach links oben, nicht ohne die schlimmsten Befürchtungen: Schon zu Beginn ist der Weg sehr steil, aber was auf den folgenden 500 Höhenmetern noch kommen sollte, hätte ich mir nicht vorstellen können und kann ich mir auch jetzt nicht mehr richtig vorstellen. Es ist teilweise wieder so steil, daß ich Angst habe, der Weg könne ins Tal abfahren oder ich rutsche aus und fahre ohne den Weg oder ich bekomme einfach das Übergewicht und stürze hinunter. Es ist einfach sagenhaft, wie es hier ansteigt. Aber da alle anderen Wanderer kein Theater daraus machen, sondern einfach hinauf gehen, mache auch ich gute Miene zum bösen Spiel und steige Saskia nach, die schon wieder ziemlich weit oben ist und ihren Vorsprung permanent vergrößert. Ich muß auf dieser Strecke ziemlich oft anhalten um zu trinken und komme kräftig in den Rückstand, aber ich habe hier wirklich manchmal das Gefühl, gar nicht mehr weiter zu können. Nur das Bewußtsein, daß schon viele Menschen vor mir diesen Weg gegangen sind und ihn auch noch viele gehen werden, hilft mir, einfach immer wieder einen Fuß ein kleines Stückchen vor den anderen zu setzen und in der Tat komme ich so weiter und der Ausblick nach unten ähnelt immer mehr dem aus einem Flugzeug und so denke ich, daß ich auch diese Hürde noch überwinden werde.

Natürlich schaffen wir es, Saskia eine ganze Weile vor mir, aber dann bin auch ich auf 2.537 m Höhe, auf dem Grand Col Ferret und an der Grenze zur Schweiz. Wir machen wieder eine ausgiebige Rast und ich fotografiere auf alle Seiten, mit Saskia, den Kopf in der Vespertüte, zurück bis zum Col de la Seigne und bis zum Grand Combin und zum Monte Rosa hinüber. Auf dem Paß ist es übrigens recht warm in der Sonne und ich trockne mein T-Shirt auf dem Rasen. Hier machen wir kein "Gipfelfoto", aber ich knipse den Grenzstein bzw. den Wegweiser mit unserem belgischen Wanderer, der uns schon seit Tagen begleitete, mit dem wir aber bisher nicht geredet haben (Dia 284). Die folgenden 500 Höhenmeter nach la Peula hinunter sind nicht sehr anstrengend und gut zu gehen, wobei wir hier mal wieder nicht alleine sind, denn vor uns und hinter uns, überall gehen andere Wandergruppen in allen Alterszusammensetzungen. Auf diesem Weg finde ich endlich ein fotogene Silberdistel, nachdem wir schon einige gefunden hatten, die aber alle nicht gut im Licht standen.

In la Peula treffen wir gleich, als wir an den Tischen in der Sonne ankommen, das ältere französische Paar vom Vorabend wieder. Sie winken uns sofort zu und laden uns ein, mit ihnen am Tisch zu sitzen. Wir haben sowieso vorgehabt, hier etwas zu trinken und wir nehmen Menthe à l'Eau. Sie erzählen uns, daß sie wegen den etwas angeschlagenen Knien der Frau hier übernachten würden und er will uns unbedingt zeigen, wo sie zu schlafen gedenken. Wir gehen also mit ihm von der Terrasse rechts nach links an dem langen Gebäude entlang und durch einen kleinen Durchschlupf in den stallähnlichen Verschlag hinein und sehen, warum der Mann so freudig aufgeregt ist: die Betten sind einfach in das Stroh hinein gebaut und mit ein paar Wolldecken hergerichtet. Das nenne er ursprüngliche Übernachtung, lacht er und er scheint sich königlich auf das Abenteuer der kommenden Nacht zu freuen. Wir reden noch eine ganze Weile mit den beiden, studieren noch seine umfangreiche Kartensammlung der Tour, die er mit sich schleppt, und auch der Belgier ist inzwischen angekommen und nimmt an der Unterhaltung teil. Wir hätten hier noch, wie die beiden, den ganzen Nachmittag bis zum Abend in der schönen warmen Sonne verbringen können, aber wir machen den beiden klar, daß wir noch ein großes Stück Weg vor uns haben. So lassen sie uns also gehen und wir verabschieden uns ausgiebig, denn wir wissen, daß wir uns nicht mehr treffen werden, da jetzt unsere langen Tagesetappen kommen.

Ab la Peula geht es auf einer Art Holzabfuhrweg den Berg hinunter und immer weiter in die Zivilisation, worüber ich an diesem Tag auch froh bin. Nun können wir die ganze Zeit nebeneinander gehen und uns unterhalten und wir reden auch wieder fast die ganze Zeit über irgend etwas - unter anderem auch darüber, wie weit es hier noch bergab geht, denn wir gehen ja schon seit dem Grand Col Ferret bergab und denken, daß wir langsam mal "unten" sein müßten, wo immer auch "unten" sein mag. Aber immer, wenn wir denken, wir wären schon recht weit im Tal, dann gibt es wieder einen kleinen Steilabstieg und die Aussicht immer weiter hinunter. Das schweizerische Val Ferret (Dia 291), weitgehend für Autos erschlossen, ist ein sehr schönes Tal und ich versuche mir immer vorzustellen, wo es auf der großen Landkarte wohl liegt und von wo aus dieses Tal erreichbar ist. Ich habe nämlich außer der Wanderkarte keine Karte dabei und habe mir das dann später angeschaut und mußte feststellen, daß ich mich nie für diese kleinen Täler interessiert hatte, was offensichtlich ein Fehler ist, denn hier ist es wunderschön. Dann kommen wir auf die Straße und müssen ein kleines Stück Teerstraße gehen, wo uns etwas nettes passiert. Ein jüngeres schweizerisches Paar kommt etwa mit uns am Beginn der Fahrstraße an und geht zum Auto. Die etwas aufgeputzte Frau spricht uns an und meint, Saskia würde nicht mehr gut gehen, ob sie uns ein Stück mit dem Auto mitnehmen könnten. Sie fahren zwar in unsere Richtung, aber Saskia läuft noch ganz gut und wir haben ja den Ehrgeiz, die ganze Tour zu gehen und nicht irgendwo ein Stück zu fahren - also lehnen wir mit sehr vielem Bedanken ab und gehen unseres Weges. So kommen wir nach Ferret, dem ersten Dorf seit unserem Aufenthalt in der großen Stadt und es sieht hier schon sehr schweizerisch aus - mit allen positiven und spöttischen Nebengedanken dabei. Ich mache auch gleich ein Foto vom Eingang des Dorfes, aber da es das letzte des Films ist, ist es leider nur zur Hälfte etwas geworden.

Von Ferret nach la Fouly dürfen wir dann nochmals abseits der Straße gehen und dann laufen wir im Dorf unserer Wahl ein. Schon gleich nach dem Ortsschild kommt uns eine Dame entgegen und die frage ich gleich, ob sie unser Gîte-Hotel kennt. Ja, sicher, sie kennt es, durchs ganze Dorf hindurch und am Ende rechts. Wir durchqueren also das Dorf, ganz nett mit einigen brauchbaren Dingen, wie einer Touristeninformation und teilweise guten Läden, und dann kommen auch schon die letzten Häuser - ganz am Ende rechts ein großes Hotel und ich denke schon, daß es unseres ist, denn es sieht einladend und gerade richtig für uns aus. Aber die Aufschrift erweist sich als "Grand Hotel du Val Ferret" und ich überlege mir noch, ob es inzwischen den Namen geändert hat. Und schon sind wir aus dem Dorf hinaus. Gegenüber dem Grand Hotel ist ein Hinweisschild mit Informationen zum Grand Hotel und nachdem ich diese studiert hatte, bin ich nicht mehr der Ansicht, daß es unseres ist. Es ist irgendwie doch eine Nummer zu groß. Da hier das Dorf wirklich zu Ende ist und ich auch noch der Dame glaube, kehren wir wieder um, um uns irgendwo nochmals zu erkundigen. Da hören wir bei einem der Häuser gegenüber des Grand Hotels jemanden sprechen und wir warten, bis eine junge Frau ums Haus herum kommt und fragen diese noch mal. Sie sage uns dann, daß unsere Unterkunft sich in dem kleinen Wäldchen, schräg oben hinter dem Grand Hotel verbirgt und nun sind wir auch sofort da.

Vor dem Haus sitzen Teilnehmer einer Wandergruppe verschiedenen Alters, Kinder und erwachsene Männer. Eine schon etwas ältere Dame, so ein wenig der Muttertyp, empfängt uns sehr freundlich und weist uns gleich auf unser Zimmer. Es handelt sich hierbei um einen recht großen Raum, vor allem in der Höhe, denn statt der Doppelstockbetten hätten hier auch gut Vierfachstockbetten hineingepaßt und die Fenster sind auch ganz oben, so daß ich mir ein klein wenig wie in einem Gefängnis vorkomme, in dem man auch weder aus dem Fenster sehen noch hinaus klettern darf. Die Betten sind sehr einfach, nach dem Bundeswehr- oder Jugendherbergsstil aus Eisenrohren mit "Hängematten" dazwischen - sehr gut an der ganzen Sache ist, daß wir ein Achtbettzimmer für uns alleine haben. Gleich nebenan liegen die Duschen, ebenfalls etwa 8 nebeneinander. Die Dame sagt uns, wenn wir duschen wollen, können wir ruhig den ganzen Duschraum abschließen, denn die anderen hätten schon geduscht. Also nehmen wir gleich das Angebot an und ich helfe Saskia ein wenig bei der Organisation, denn es ist alles naß und Ablagemöglichkeiten gibt es auch keine. Wir hängen unsere Kleider also im wesent-lichen im Vorraum auf und als sich Saskia anziehen will, gebe ich ihr jedes Stück einzeln, damit nicht alles naß wird.

Dann gehen wir zum Essen. Es gibt zwei große Tische, einer ist für ganz viele gedeckt und einer nur für uns beide. Was die "Legumes" waren, weiß ich gar nicht mehr, es könnten Nudeln gewesen sein, aber das Fleisch besteht aus einer riesengroßen Schüssel mit feinem Fleisch von mindestens 6 Hühnern. Saskia begnügt sich mit der Soße zu ihren (wahrscheinlich) Nudeln und ich stopfe mich mit dem Geflügelfleisch voll, daß es für 4 Wochen gereicht hätte, denn ich will ja der Dame nicht zeigen, daß es uns etwa nicht geschmeckt hat, es ist ja auch tatsächlich recht gut. Nach dem Essen wollen wir noch telefonieren - ich rufe Regina an, sie ist aber nicht da, und Saskia Susanne. Dann gehe ich gleich bezahlen, wobei der Maître großzügig abrundet, so daß wir praktisch unsere Telefonate hier umsonst bekommen. Wie an jedem Abend gehen wir schnell ins Bett und sind auch wieder gleich weg.

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Sonntag, der siebte Wandertag: La Fouly - Champéry - Col de Forclaz - Montroc

Das Frühstück am nächsten Morgen, dem 24. August, ist wieder gut genug, um uns für die weite Reise, die auf dem Plan steht, zu rüsten. Gleich nach ein paar Metern hat Saskia schon einen kleinen Stein im Schuh, so daß wir schon am Ortsschild den ersten Aufenthalt haben. Dann gehen wir ein Stückchen die Autostraße hinunter, bis wir einen Quereinstieg in die TMB finden, denn die geht hier auf der linken Seite des Flusses am Fuß der Berge und nicht durchs Dorf.

Es ist ein sehr schöner und leicht zu gehender Weg, der zeitweise wieder im Stil eines Holzabfuhrweges gemacht ist, dann verwandelt er sich wieder in einen Einspurwanderweg der schönsten Sorte. Wir hatten zwar gedacht, daß es immer talabwärts ginge, aber zeitweise geht es statt dessen recht steil hinauf und immer mehr am steil abfallenden Hang entlang. Das Tal zur Trance de Ferret ist auf dieser Seite tatsächlich ziemlich schroff und an einer Stelle kommt die Wand links so steil herunter und geht rechts genauso steil weiter hinab, daß an der Bergseite des Weges ein Drahtseil zum festhalten angebracht ist, das ich auch benutze, denn ein Fehlschritt nach rechts hätte die Wanderung sehr abrupt beendet. Dann kommen wir mitten im Wald an eine Kreuzung mit sehr vielen Wegen in alle Richtungen. Nach einem Blick auf die Karte und auf die vielen Wegweiser ist uns klar, daß wir rechtwinklig nach rechts abbiegen müssen. Ab hier geht der Weg eben und kerzengerade ins bis hier entlang gewanderte Tal hinein. Wir gehen auf einer Art Damm, dem an manchen Stellen anzusehen ist, daß er nicht natürlichen Ursprungs ist. Aber welchen Sinn dieser dann haben soll, kann ich mir nicht vorstellen. Es ist tatsächlich so, daß das Tal bei Saleina d'Orsières durch den Damm fast zugebaut ist und nur einen engen Durchlaß für Fluß und Straße läßt. Die Wanderung auf dem Damm ist sehr schön, denn es geht durch einen wunderschönen, alten Märchenwald. Nach einem kurzen Abstieg sind wir im Tal und wandern über die Dorfstraßen zwischen die Häuser hinein, wo uns die Wegweiser helfen, auf der Strecke zu bleiben.

So kommen wir von hinten nach Praz-de-Fort und gleich an eine Baustelle, der beim besten willen nicht anzusehen ist, wie wir sie am besten umgehen. Da mir das am frühen Sonntagmorgen zu dumm ist, klettern wir mitten durch die Baustelle und sind so wenigstens auf dem richtigen Weg geblieben. Nun geschieht es allerdings, daß wir eine geschlagene Stunde verlieren, denn in einer offenen Scheunentür, eine ähnliche Hütte wie in Dia 300, sehen wir eine Katze mit einigen ganz jungen Kindern. Saskia geht sofort hinein und die Katzen sind schnell im Heu verschwunden, so daß sich Saskia davor niederkniet und wartet. Ich sehe mir das eine Weile an und entdecke dann 30 Meter weiter eine kleine Terrasse an einer Scheune in der Sonne und gehe dort hin, um mich in der Sonne aufzuwärmen. Nach einer Weile setze ich meinen Rucksack ab, damit ich es bequemer habe und so warte ich - und warte. Irgendwann denke ich dann, Saskia wäre etwas passiert, es wäre ihr vielleicht schlecht geworden oder so. Also gehe ich zu der Scheune und da sitzt sie noch genauso vor den Katzen und wartet und lockt. Ich sage ihr leise, daß wir jetzt dann bald weiter gehen müssen, denn gerade heute sei unser längster Wandertag. Sie nickt und wartet weiter. Irgendwann wird es mir zu dumm und ich gehe die hundert Meter bis zur Straße. Dort finde ich eine Telefonzelle und telefoniere nochmals, aber da Regina ja übers Wochenende verreist war, habe ich natürlich wieder kein Glück. Nach einer weiteren beträchtlichen Pause gehe ich zu Saskia zurück, meinen Rucksack einfach am Straßenrand stehen lassend, und sage ihr, daß ich jetzt alleine weiter gehe - und gehe wirklich.

Da kommt sie dann irgendwann mit ihrem schweren Sack auf dem Rücken und wir nehmen den Weg wieder auf und gehen das kurze Stück über die Wiesen hinunter nach les Arlaches und Issert, wo wir die Wandergruppe von unserer letzten Übernachtung wieder treffen, die uns durch den Aufenthalt bei den Katzen inzwischen eingeholt haben. Beim Aufstieg nach Champex reden wir kurz miteinander und erfahren, daß auch sie die TMB gehen, heute allerdings nur bis Champex, während für uns dort praktisch erst Halbzeit ist. Die 400 m in der Höhe sind angenehm, wenn auch bergauf und nicht ganz ohne Anstrengung, aber meist im Wald und schön zu gehen. So etwa in der Mitte des Weges treffen wir unseren belgischen Freund zum letzten Mal, der übrigens mit dem Zelt unterwegs ist und nicht in der Refuges übernachtet. Zum letzten Mal deswegen, weil zum einen die Tour nicht mehr ganz so lange dauert und wir zum anderen ja bisher einigermaßen "übliche" Tagesetappen eingeplant haben, aber ab heute eben längere Etappen als die meisten anderen Wandergruppen, was man uns am Ende des Tages ja auch deutlich ansieht.

Schließlich laufen wir gut in Champex ein, etwas ausgepumpt, denn etwa der letzte Kilometer vom unteren Teil des Ortes bis zum Ufer des Sees ist noch mal steil und anstrengend. Wir sind kurz hinter der Wandergruppe, die wir aber nicht mehr treffen. Wir bewundern den idyllischen und wunderschönen See, der uns sehr an den Titisee erinnert, aber es sind im Gegensatz zu dort nur ein paar wenige Leute unterwegs, trotz schönen Wetters. Es muß hier eine total abgelegene Gegend sein, in die sich nur selten mal jemand verirrt - wenigstens nicht im Sommer, denn die Zahl der Skilifte und dann der Hotels und Gaststätten, die übrigens gar nicht schlecht in ihren Gärten mit Gästen eingedeckt sind, läßt vermuten, daß hier wieder mal im Winter mehr "die Hölle los" sein muß. Mitten im Ort ist glücklicherweise am Sonntag ein kleiner Supermarkt offen, in dem wir uns mit Lebensmitteln, Batterien für den Foto, einem zusätzlichen Film und mit Eis am Stiel eindecken und eine ganze Menge Franken liegen lassen. Dann wandern wir weiter durch den Ort und am Ende den Berg hinauf, wo wir einen Mann treffen, der uns nach unserem Weg fragt, und wir ihm sagen, daß wir zum Col de la Forclaz wollen, was er uns erst gar nicht abnimmt, daß wir an einem Tag noch so weit gehen wollen. Erst als er auf einem Wegweiser sieht, daß es "nur noch" 4 Stunden sind, glaubt er uns, daß wir es noch schaffen können. So kommen wir auf den großen Platz mit der Seilbahn auf die Breya, wo ich gerne mal mit nach oben gefahren wäre, um den bestimmt herrlichen Ausblick zu genießen, aber dazu ist jetzt keine Zeit und hierher kann man ja leicht einmal mit dem Auto kommen.

Auf dem breiten Waldweg in das ebenfalls breite Tal von Champex d'en Bas können wir wieder viel miteinander reden und gemütlich spazieren gehen. Dann geht es erst leicht nach oben, anfangs immer noch auf Waldwegen und teilweise eben bis Plan de l'Au, mal wieder einer Ausflugsgaststätte auf dem Berg, von der uns sehr viele Wanderer entgegen kommen, für die der Sonntag zu Fuß schon wieder langsam zu Ende geht, was mir sagt, daß wir trotz fortgeschrittener Stunde noch einen weiten Weg vor uns haben - und auch noch über 600 m Aufstieg! Plan de l'Au ist ganz sicher ein sehr netter Ort, um den Sonntagnachmittag zu verbringen. Direkt hinter der Gaststätte sind wir uns über den Weg nicht ganz im klaren, denn es zweigen auch ein paar kleine Wege in den Wald ab, auch nicht kleiner, als zum Beispiel der beim Lac de Combal, wo es den Berg hinauf ging, aber noch weiter auf dem fahrstraßenähnlich ausgebauten Weg sind wir doch richtig, denn irgendwann kommen wieder verläßliche Wanderzeichen. Dahinter überfällt uns auf den Waldwegen mal wieder der Hunger mit Macht und so lassen wir uns auf ein paar Baumstämmen am Wegesrand nieder und verspeisen unsere in Champex gekauften Brote und den Käse. So gestärkt machen wir uns auf den nun schmaler werdenden Weg und kommen nach La Jure und an eine Stelle, wo wir durch eine große Tür von den Kühen abgetrennt sind. Ich bin ein paar Schritte voraus und warte auf Saskia. Dann marschieren wir mitten durch die Herde und den Pfad hinauf, der wieder zum Gebirgspfad mit großen Steinen wird.

Es ist schon wieder ein sehr kräftiger Aufstieg, der auch wegen der großen Steine sehr anstrengt. Zu Beginn dieses Aufstiegs ist Saskia noch voran, wartet aber dann irgendwo auf mich und irgendwann danach hängt sie deutlich zurück. Ich gehe schon auf dem fast ebenen Wiesenweg in Richtung Norden, als sie noch von unten herauf keucht), immer langsamer wird und nicht mehr mit kommt. Zeitweise sehe ich sie gar nicht mehr (Dia 312) und bin schon um die nächste Ecke, denn ich kann nicht mehr langsamer gehen und dann warte ich immer wieder ein ganze Weile, bis ich sie wieder um die Ecke biegen sehe und so geht es weiter. Die Wartepausen verbringe ich mit Blicken ins Rhônetal hinunter, das von Martigny aus flußaufwärts ganz toll zu sehen ist (Dia 317). Ich glaube, daß dies ihr schlechtester Tag ist, denn es war schon extrem weit gewesen bis hierher und so kann man das ja auch verstehen. Bei mir geht es zeitweise auch nicht ganz so gut, aber zu diesem Zeitpunkt am Abend bin ich halt zufällig gerade besser drauf und kann schon noch weiter gehen. Als nach den Biegungen zum Westen hin die Häuser von La Bovine sichtbar werden (Dia 318), warte ich, bis sie bei mir ankommt, so daß wir zusammen auf die Häuser zu gehen. Was mir an dieser Ausflugsgaststätte zuerst und besonders auffällt, ist, daß hier die Menschen eingezäunt sind und die Tiere draußen frei herum laufen. Das gefällt mir. Die Kühe haben nämlich hier auf dem Berg einen so großen Auslauf, daß es sich nicht lohnt, ihre Bewegungsfreiheit per Zaun in Grenzen zu halten und so hat man einfach einen Zaun um die Tische und Stühle im Garten herum gebaut, damit die Kühe nicht an die wertvolle Menschennahrung kommen sollen und auch die Menschen in Ruhe essen lassen. Es ist schon recht spät am Abend und so sind nur noch ein paar junge Leute da und auch wir wollen uns die Ankunft auf dem Col de la Forclaz nicht verscherzen und gehen ohne Einkehr weiter - leider schon wieder ein wenig den Berg hinauf.

Doch zuerst trifft Saskia noch eine schwarze Katze und diese hatte wohl auch schon lange keine angenehme Gesellschaft mehr gehabt und so freunden sich die beiden innerhalb von Sekunden an und wir müssen die Tour wieder für einige Minuten unterbrechen, bis die Spielchen beendet sind. Glücklicherweise geht es nur ein paar Meter hinauf, verglichen mit dem, was wir schon gegangen sind und wir können auch sehen, wie weit es geht, denn sonst wären wir schon fast wieder ein wenig verzweifelt gewesen. Endlich haben wir das Gartentor erreicht, das uns aus dem Gebiet von La Bovine entläßt und von nun an geht's bergab. Von hier aus sieht man noch einmal ganz steil nach Martigny und die Straße zum Col de la Forclaz hinab, die wir vor ein paar Tagen so oft gefahren waren. Es ist ziemlich steil, aber nicht so, wie es auch schon war, sondern im Vergleich eher gemäßigt - andererseits ist es für unsere angeschlagenen Beine steil genug. Irgendwo auf diesem Weg, vielleicht ist es der Platz mit der Bezeichnung "la Giete" auf 1.884 m auf der Karte, geht es eine Weile eben und aus dem Wald heraus und da steht ein Bauernhaus, von dem wir nicht sagen können, ob da jetzt gerade jemand wohnt oder nicht, und dieser Ort sieht so idyllisch und ruhig aus, daß er für mich der Inbegriff des friedlichen Daseins ist und ich habe dieses Bild und die Ruhe dieses Ortes immer noch in Kopf und Ohr und ich finde diesen Ort so schön, daß ich nicht einmal ein Foto machen wollte, um ihn nicht zu stören.

Am mir gegenüberliegenden Nachbartisch sitzt eine große Gruppe mit Amerikanern, die mir nicht besonders gut gefällt, denn diese Leute unterhalten sich so laut, daß die anderen Gäste gar nicht mehr zu reden brauchen und sie verhalten sich meiner Ansicht nach auch ein wenig angeberisch, denn sie essen nicht wie alle Wanderer das übliche Essen, sondern lassen sich ein Käsefondue servieren und trinken einen guten, teuren Wein dazu. Dann geschieht allerdings noch etwas sehr schönes, denn der in Australien lebende Australier kommt an unseren Tisch und sagt, daß dies heute sein letzter Tag in der Schweiz sei und daß er gerne auch ein Käsefondue essen wolle, daß es aber für nur zwei Personen zu viel wäre und er fragt uns, ob wir nicht mit essen wollen. Leider müssen wir absagen, denn wir sind einfach zu müde und so ein Fondue-Essen dauert mindestens eine Stunde oder, wenn es gemütlich genug ist, auch deutlich mehr. Schweren Herzens sagen wir dem armen Mann also, daß wir am nächsten Tag eine genauso furchtbar anstrengende Tour vor uns hätten und schließlich sieht er das dann auch ein. Wir gehen also in unser Zimmer und sind da auch zunächst die einzigen Bewohner. Dann gehe ich erst mal duschen und als ich mich danach hinlege, Saskia liegt schon, da schlafen wir dann auch ziemlich schnell ein, noch bevor wir mitbekommen, daß sich auch alle anderen zu Bett begeben und noch bevor uns stören konnte, daß die Betten mal wieder die reinen Hängematten aus Eisengeflecht sind.

Am 25. August wachen wir mit Hilfe des Löwen wieder pünktlich auf und frühstücken. Noch vor allen Amerikanern und Australiern sind wir auf der Strecke. Es wäre ja auch recht und gut gewesen, wenn wir ein paar hundert Meter weiter nicht den richtigen Weg verpaßt hätten. Auf der Straße in Richtung Frankreich wissen wir nicht genau, wo wir auf den Fußweg hinunter abbiegen sollen und als wir schließlich auf diesem Weg sind, finden wir auch nicht den richtigen Einstieg nach le Peuty, obwohl ich an der fraglichen Stelle einige Meter hin- und her gehe, um mir Klarheit zu verschaffen. Ich sage zu Saskia, daß das aber nicht schlimm ist, denn unter uns sehen wir Trient liegen und von da aus geht es leicht und sicher auch wieder nach le Peuty. So haben wir es dann gemacht, aber im Tal angekommen, tun mir bereits nach der ersten halben Stunde des Wanderns die Füße weh und zwar die Fersen und die Zehen. Da wir wieder eine große Tour vor uns haben, muß ich unbedingt etwas dagegen tun und ich packe die Reiseapotheke aus und verbinde mich an den besagten vier Stellen. Leider müssen wir in le Peuty feststellen, daß unser ganzer Vorsprung im Eimer ist, denn die nach uns los gegangenen Amerikaner sind nun auch schon wieder da und sie sollten uns noch eine ganze Weile begleiten.

Nach le Peuty, wo man übrigens auch übernachten kann, geht es zuerst leicht bergauf und dann immer steiler, bis wir den Zickzackweg im Wald erreichen, auf dem es mal wieder wie schon gewohnt sehr steil ist. Inzwischen kommt auch wieder die Sonne heraus, aber nun sind wir im Wald und bleiben es auch eine ganze Weile. Heute hat Saskia wieder die guten Wanderschuhe an, denn bald geht sie mir mit einer anderen Gruppe voraus und der Abstand wird mal wieder immer größer. Ich glaube, es ist so, daß ich morgens langsamer bin und dafür abends immer noch ganz gut gehen kann. Ich bin schon etwas langsam, denn irgendwann kommt auch eine Gruppe mit vier jungen Deutschen und die überholen mich auch ziemlich flott - na ja, denke ich, es ist ja immerhin schon der vorletzte Tag.

Zum Abschluß des Aufstiegs drehe ich mich noch einmal um und habe einen guten Blick zum Col de la Forclaz zurück. Dann kommen wir auf die Höhe und es wird erst mal wieder etwas flacher. Von hier aus kann ich bereits das nächste Ziel, den Col de Balme vor mir oben sehen. Durch die Amerikaner werde ich allerdings auch immer wieder etwas angeregt, denn in meiner Nähe geht ein seltsames Paar, ein großer, junger, drahtiger Mann, wohl etwas über dreißig Jahre alt und eine vielleicht knapp sechzig Jahre alte Frau, die auch im Schlafsaal in meiner Nähe gelegen hatte und die aber nicht besonders gut gehen kann. Sie trägt überhaupt kein Gepäck und er hat dafür auf seinen hinten drauf noch ihren Rucksack geschnallt - und die beiden reden ununterbrochen und brabbeln, es war zeitweise fast nicht mehr zum Aushalten. Manchmal versuche ich ein wenig zuzuhören, aber so genau bekomme ich gar nicht mit, worum es eigentlich geht, meist um irgendwelche Bekannten aus Californien und vermutlich an der Uni. Die beiden gehen aber trotz der Handicaps relativ flott und fast unabhängig von der Steigung, so daß ich mir manchmal als Ziel nehme, sie nicht zu verlieren, sie einzuholen, auf jeden Fall aber, nicht von ihnen abgehängt zu werden. So einigermaßen gelingt mir das auch und Saskia ist bereits deutlich außer Reichweite. Das Stück bis vor die letzte Steigung geht also ganz gut und dann ist es auch nicht mehr ganz so schlimm, denn es ist eine recht kurze Steigung im Vergleich mit dem, was wir schon in den letzten Tagen geleistet hatten. Etwas müde am frühen Vormittag, aber glücklich schon wieder über 2.000 m erreichen ich einige Zeit nach Saskia den Col de Balme und die Grenze zu Frankreich.
 

Das Gasthaus auf dem Col de Balme, unserem letzten großen Paß - links dahinter der Mont Blanc; 
ganz am äußersten rechten Bildrand könnte Saskia sein, die schon lange auf mich wartet
Die meisten amerikanischen Wanderer sind auch schon da und einige andere dazu und bevölkern den Platz vor dem Gasthaus auf dem Paß. Saskia hat sich einen Platz fast an der Ecke gesichert und ich setze mich gleich dazu. Es ist etwas windig, aber an der Hauswand kann man es schon aushalten. Ich habe Durst und Saskia Hunger und sie will eine Gemüsesuppe. Ich gehe also hinein zur Madame und bestelle die Gemüsesuppe, weiß aber nicht, wie viele Bestellungen bereits vor mir dran sind und warte daher ewig bis es mir zu dumm wird und ich wieder zu Saskia hinaus gehe; kurz darauf kommt auch ihre Suppe, die sie etwas langweilig gewürzt findet, sonst aber genau richtig. Nachdem wir uns erholt haben, machen wir uns also wieder auf, um abzusteigen, wie wir es uns vorstellen - aber wo? Ich finde den richtigen Weg nicht und suche einmal ums ganze Haus herum. Da gerade einer der Amerikaner in meiner Nähe steht, frage ich den, finde aber schnell heraus, daß er in eine ganz andere Richtung will und mir nicht helfen kann. Ein anderer Mann mischt sich auch ein und erklärt mir, wie ich in eine Gegend komme, in die ich gar nicht will. Also beschließe ich, gleich beim Hüttenwirt zu fragen und er erklärt mir mit einem halben Satz, was ich wissen muß.

Wir wandern nun einen schönen Weg über eine Wiese zum Col des Posettes hinunter und Saskia wundert sich noch, weil wir sonst zu den Cols immer steil hinauf gegangen waren und nun hinunter gehen. Ich sage ihr aber, daß wenn wir von Süden gekommen wären und nach Norden weiter wollten, dann hätte das Weltbild wieder gestimmt. So gehen wir halt nicht quer zum Paß, wie bei den großen Aufstiegen, sondern längs und machen kurz dahinter erst mal Rast, um etwas zu uns zu nehmen, denn ich habe schon wieder Hunger und Saskia hat die Suppe auch nicht ganz gereicht. Dann machen wir uns an den Aufstieg, von dem ich dachte, daß er ganz harmlos sei, ist er aber nicht, denn die 200 Meter hier hinauf wollen wir eigentlich gar nicht mehr. Die Situation ist in Dia 331 sehr gut zu sehen, denn wir müssen über den kleinen Berg vor den beiden hohen Spitzen. Ich komme ganz gut vorwärts, mache noch ein Foto von Glockenblumen und Saskia kommt etwas hinterher, aber es ist wirklich nicht so schlimm. Der Weg ist recht gut und neu gebahnt. Teilweise sieht man noch, wie der Weg wohl im letzten Jahr noch geführt war, aber irgend jemand hat einen neuen Weg in die Wiesen gegraben und ich muß sagen, daß dieser neue Weg sehr gut in die Topografie eingepaßt ist.

Dann sind wir auf dem steinigen, felsigen, aber ziemlich flachen Gipfel der Aiguillette des Posettes, mit schönen Ausblicken in Richtung Mont Blanc, aber auch in alle anderen Richtungen. Direkt vor uns, fast im Süden, geht der Rücken der Montagnes des Posettes zu Ende und gleich gegenüber ragt schon das Massif auf, das nach La Flegère und zum Brevent führt. Also direkt gegenüber ist es fast gleich hoch, wie wir gerade sind, aber dazwischen liegt ein furchtbar tiefes Tal, mehr als 500 Meter tiefer - wir müssen wohl oder übel hinunter und drüben wieder hinauf. Nicht daß wir es nicht schon gewohnt sind, aber wir sind heute schon wieder weit gegangen und auf der anderen Seite ist es auch noch ein gutes Stück. So machen wir uns eben an den Abstieg.

Erst geht es gemächlich, dann aber wahnsinnig steil hinunter. Auch ist der Rücken nicht sehr breit, so daß man auf beiden Seiten sehr direkt ins Tal sehen kann - es gibt mal wieder an einigen Stellen den richtigen Flugzeugeffekt. Saskia geht voraus und eigentlich ist der Weg ja breit genug, um nicht abzustürzen, aber ich weise sie trotzdem dauernd darauf hin, daß sie ja nicht ausrutschen oder stolpern darf, denn wenn man hier ins Abrutschen käme, weiß ich nicht, wie gut man an diesen Hängen noch bremsen könnte. Zeitweise ist es für einen richtigen Weg zu steil und so haben die Wegwärter Stufen in den Berg gehauen oder mit Bohlen welche gebaut, die wir glücklicherweise nur runtersteigen müssen, während uns auch Leute entgegenkommen, die hier hinauf wollen! Ich beneide sie nicht. An dieser Stelle mache ich vom gegenüber liegenden Berg, auf den wir als nächstes steigen wollen, das letzte Foto dieser Tour).

Nach einigen sehr schönen Stellen kommen wir in den Wald und der Weg wird besser und einfacher, wenn auch für unsere Knie immer noch steil genug und es hört mal wieder nicht auf damit. In der Ferne, links bei einem der Gletscher sind offensichtlich welche an der Arbeit, denn ein Hubschrauber fliegt unermüdlich die ganze Zeit seine Runden. Er holt irgend etwas im Tal ab, was dann unter ihm baumelt und verschwindet über einem Gletscher in den Bergen, was wir aber nicht beobachten können, da es einerseits zu weit weg und außerdem wahrscheinlich ein wenig um die Ecke liegt. Dann beginnt sich in der Gegend des Mont Blanc, der schon eine ganze Weile mit dem Kopf in den Wolken hing,  der Himmel zu verdunkeln - und es breitet sich immer weiter aus wie im Dia 343 dokumentiert ist. Bald haben wir gar keine Sonne mehr und nicht weit über dem Tal fängt es dann an zu nieseln. Das geht eine ganze Weile so und ich denke, daß wir uns darum gar nicht zu kümmern brauchen und schätze das Wetter etwa so ein, wie beim Abstieg nach Courmayeur, wo wir letztlich auch auf die Regensachen verzichten konnten.

Dieses Mal ist es allerdings nicht so. Es wird stärker, so daß ich unter einem Baum den Fotoapparat und das Wanderbuch regensicher in den Rucksack verpacken muß. Für uns ist es noch trocken genug, da wir auch weite Strecken unter den schützenden Bäumen gehen. Doch dann, kurz bevor wir die Straße, die vom Col de la Forclaz nach Argentière führt, zu überqueren haben, kommen plötzlich Donner-schläge und Blitze zucken und der Himmel scheint sich zu öffnen. Im Nu sind wir sehr naß und suchen unter fetten Bäumen nahe der Straße Unterschlupf. Angst vor den Blitzen müssen wir nicht haben, denn wir sind ganz unten im Tal und denken uns, wenn der Blitz schon einschlagen sollte, dann doch eher weiter oben am Berg. Außer uns suchen auch noch andere Wanderer Schutz in diesem Waldabschnitt und plötzlich taucht auch ein bis fast zur Unkenntlichkeit vermummter Australier auf, denn die beiden haben uns inzwischen auch eingeholt. Wir wechseln ein paar Worte und dann geht er weiter.

Wir nehmen die Regensachen heraus, denn wir wollen erst den Guß abwarten und dann weitergehen. Nun gießt es aber in solchen Strömen, daß ich Bedenken habe, wie sich in dieser nassen Umgebung die Wege wohl verhalten werden. So sitzen wir wohl bestimmt eine halbe Stunde oder länger und auch die Bäume wollen nicht mehr so dicht halten wie zu Beginn, es wird kalt und kälter und wir müssen feststellen, daß wir vor dem Anziehen der Regenkombis doch schon einigermaßen naß geworden sein mußten, denn die nasse Kälte kommt jetzt auch aus unseren Kleidern. Nach dieser Zeit ist alles so naß, daß ich beschließe, die Wege wären jetzt zu unsicher, um auf den steilen, vor uns liegenden Berg hinauf zu steigen und auch zu rutschig, um nicht bei den teilweise sehr nahe am Abgrund verlaufenden Wegen hinab zu stürzen - kurz: Es scheint mir inzwischen zu gefährlich, um bei diesen Bedingungen die Tour fortzusetzen.

Ich bespreche mich mit Saskia, die zwar, so glaube ich, anderer Meinung ist, sich aber meinem Entschluß nicht widersetzen will. Ich denke immer wieder an meine Wanderung auf die Schwalmere im Sommer 2000, als ich im Radio auf der Hütte beim Abendessen mitbekam, daß nur wenige Kilometer abseits eine amerikanische Wandergruppe bei Regen und nachfolgendem Erdrutsch in die Tiefe fuhr und fast 20 Menschen dabei ums Leben kamen. Nicht zuletzt diese Erinnerung ist es, die mich bewegt, nichts zu riskieren und die ganze Tour abzubrechen. Wenn wir nach hinten noch Luft hätten, hätten wir natürlich nicht abgebrochen, sondern hätten eine außerplanmäßige Übernachtung gesucht und wären am nächsten Tag weiter gewandert, aber diese Toleranz haben wir leider nicht, wegen Saskias Geländekurs mit den Pferden.

So ist der Beschluß gefaßt! Als der Regen nachläßt, gehen wir also nicht auf den vor uns liegenden Berg zu, sondern nach links der Straße nach in Richtung Tré-le-Champ mit ein paar wehmütigen Blicken auf die nassen Wege am Berg vor uns. Wir gehen links von der Straße ab zu den Häusern und treffen dort wieder den australischen Australier, der gerade mit einer jungen Frau vom dortigen Gîte d'etappe wegen einer Übernachtung verhandelt. Es ist auch noch was frei, aber er will sich nicht sofort entscheiden und bittet, ihm die beiden Plätze noch für zwei Stunden frei zu halten. Hier hätten wir also rein theoretisch auch bleiben und die Tour am nächsten Tag fortsetzen können, wenn wir noch mindestens einen Tag Reserve gehabt hätten. Ich frage statt dessen nach einer Fahrmöglichkeit und sie weist mich über ganz schmale Pfade nach Montroc; es hört sich zuerst etwas abenteuerlich an, aber wir befolgen ihre Worte sehr genau und es stimmt auch alles und kurz darauf sind wir am Bahnhof.

Noch während ich den Fahrplan für den Zug studiere, denn einen haben wir gerade noch abfahren sehen, so daß ich annehme, bis zur Abfahrt des nächsten haben wir noch genügend Zeit. So ist es auch. Da kommt ein Mann und meint, wir sollten doch den Bus nehmen, der würde bereits in einer halben Stunde fahren. Ich überlege hin und her und eigentlich ist mir der Zug lieber, aber dann entscheide ich mich doch, wie alle anderen Leute, die hier in Montroc noch herumstehen (keine TMB-Wanderer!), für den Bus, was leider ein großer Fehler ist.... denn irgendwo auf der Strecke zwischen Argentière und Chamonix geht gar nichts mehr, alle Fahrzeuge schalten für längere Zeit die Motoren aus und bald überholt uns auch der Zug, mit dem ich eigentlich hatte fahren wollen. Wie sich später herausstellt, haben die Waldarbeiter am Rand einer Straßenbaustelle beim Fällen wohl einen Baum auf die Straße fallen lassen und müssen diesen nun wegräumen, während die armen Fahrzeuge auf beiden Seiten Vollsperrung haben. Es ist eine mittlere Ewigkeit und nach und nach kaum noch auszuhalten. Irgendwann sind wir dann aber doch in Chamonix, finden nach ein paar Fragen und unfreundlichen Antworten auch die Bushaltestelle in Richtung Les Houches und stehen und stehen - nicht alleine: Es ist da noch eine Gruppe von Leuten mit irgendeinem ganz schlimmen deutschen Dialekt, den ich in der Gegend zwischen Bayern und Österreich ganz hinten in einem Tal einordnen würde und diese Leute benehmen sich unserer Ansicht nach ziemlich schlecht, so daß wir uns nicht als ebenfalls Deutsche zu erkennen geben wollen.

Dann kommt auch mit einiger Verspätung der Bus und er ist gerammelt voll. Ein paar Leute steigen noch ein, auch ich schiebe Saskia in den Bus und stelle mich gleich dahinter, so daß die Türe gerade noch zu geht und der Rest der Wartenden muß draußen bleiben. Wie wir später unterwegs sehen, muß wohl ziemlich bald ein weiterer Bus hinterher gekommen sein und die restlichen Leute aufgegriffen haben. In unserem Bus ist mindestens eine ganze Schulklasse mit vermutlich einheimischen Jugendlichen und die machen sich ihre Unterhaltung alleine, sind laut genug und brauchen leider auch ziemlich viel Platz, so daß wir fast an jeder Haltestelle aussteigen müssen, damit irgendwelche Leute überhaupt aussteigen können und dann müssen wir darauf achten, daß wir rechtzeitig wieder drin sind. In Les Houches steigen dann alle aus, die Schüler und wir. Wir sind wieder am Auto - durch die lange Warterei im Bus im Stau fast schon wieder trocken, aber nicht gerade mit wonnigem Wohlgefühl. Wir schließen das Auto auf und ziehen uns soweit aus und wieder an, daß wir uns etwas besser fühlen. Dann müssen wir noch etwas essen, denn wir haben inzwischen einigen Hunger, schon im Bus gehabt. Wir schädigen also noch die letzten Vorräte, ich hole noch mal Wasser am Brunnen im kleinen Park und dann machen wir uns für die Reise fertig, die nun leider völlig im Dunklen absolviert werden muß.

Mir geht es nicht darum, daß ich im Dunkeln nicht etwa nach Hause finden würde, aber im Hellen ist es doch schöner, mit der Aussicht auf die Berge und ich mache mir auch Sorgen, daß wir bei der Ankunft noch jemand antreffen werden. In Gruyère machen wir nochmals Halt in der wohlbekannten Raststätte und wir lachen noch lange über die Kühe, die hier fast schon wie in Indien verehrt werden!!!! Der Rest der Fahrt ist wenig erwähnenswert, Saskia schläft auch noch eine kleine Runde, wenn ich mich recht erinnere und dann kommen wir wohl so gegen 22.30 Uhr in St. Georgen an. Susanne ist ziemlich überrascht, uns plötzlich in der Terrassentür zu sehen, denn wir sind ja 24 Stunden zu früh, aber dann ist sie doch froh, daß ihre Saskia wieder zu Hause ist und das unbeschadet und wohlauf. Ich verabschiede mich bald und überrasche auch Regina durch mein plötzliches Erscheinen und auch sie ist froh, mich schon wieder einen Tag früher zu haben.

Manfred Schlatter, 2003

Vom selben Autor: Tour Wildhorn


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