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Europäischer Fernwanderweg E1 durch die Schweiz

Übersichtskarte Europäische Fernwanderwege
European long distance paths:


 

E 1 durch die Schweiz

 
Bücher und Karten
  • Digitale Karten:
  • Schweizer Wanderkarten 1:50'000: erhältlich bei http://www.wandern.ch oder http://www.swisstopo.admin.ch
  • Übersichtskarte Europäische Fernwanderwege: http://de.wikipedia.org/wiki/Europ%C3%A4ische_Fernwanderwege
  • "Europäischer Fernwanderweg E1" von Arthur Krause, Kompass Wanderführe, bei Amazon.de
  • "E 1 - Das Buch zum Weg: Zu Fuß von Flensburg zum Bodensee", Karin Baseda-Maass, bei Books.ch
  • "Auf dem E1 von Göteborg über Flensburg nach Genua", Michael Turzynski, bei Amazon.de
  • "Zu Fuss vom Bodensee nach Rom" von G. Haas, Weitwanderer, bei Amazon.de
  • "Querungen" (Basel - Luzern) - Brunnen - Como, von M+J.Wiegand, Rotpunktverlag, direkt bestellen bei Amazon.de
  • "Trans Swiss Trail 1" (Porrentruy - Bern) - Vierwaldstättersee - Chiasso, Werdverlag, bei Books.ch
  • Zu Fuss durch die Kulturlandschaft Schweiz: "Basel - Gotthard" (9 Etappen), "Gotthard - Ponte Tresa"  (8 Etappen) , bei http://www.appenzellerverlag.ch
  • Kulturweg Alpen - Zu Fuss vom Lac Léman ins Val Müstair (Flüelen - Sobrio), bei Amazon.de
  • "Auf Europas grossen Wegen", R.Wurst, Verlag Styria, Styria-Verlag, ISBN-10: 3222123462 (vergriffen)
  • "Europäische Fernwanderwege", Landkarte mit Beiheft. Verlag Freytag, bei Amazon.de
  • Europäische Wandervereinigung Fernwanderwege: http://dt-wanderverband.de
  • Zu Fuss die Alpen entdecken - fünf internationale Wanderstrecken durch acht Staaten in 341 Etappen: http://www.via-alpina.org

im Internet

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1 von der Nordsee nach Genua - Schweizer Etappen

- Ein Erlebnisbericht von Karin Baseda-Maass

Karin Baseda-Maass ist Autorin und hat unter anderem folgendes Buch herausgegeben:

Ihre spannende Reisebeschreibung der Schweizer Etappen (mit Bildern) sind in ebenfalls in obiger Homepage zu finden. Freundlicherweise gab sie die Erlaubnis, sie hier weiterzugeben. Herzlichen Dank! (Bücher und weitere Homepages zur E 1).

Hinweise:

Der Europa-Fernwanderweg E1 soll später einmal vom Nordkap bis nach Sizilien verlaufen. Die Streckenführung im hohen Norden befindet sich derzeit noch im Aufbau. Auch in Dänemark ist der Weg nicht vollständig durchmarkiert, erst an der dänisch-deutschen Grenze beginnt die Stammstrecke des E1, deren Verlauf bereits 1929 geplant wurde.
Sie befindet sich auf durchgehend gesichertem Weg längs durch Deutschland bis zum Bodensee, insgesamt etwa 1800 Kilometer.
Anschließend führt der Weg weiter über die Grenze in die Schweiz, wo er über längere Strecken dem Jakobsweg folgt: Von Konstanz zum Zürichsee und von dort in die alpine Zentralschweiz.
Auf der Passhöhe des St.Gotthard wird mit 2091 m der höchste Punkt des E1 erreicht, weiter geht es durch die Südschweiz über die beliebte Wanderstrecke der Strada Alta.
Am Luganer See beginnt der italienische Abschnitt des E1, etwa 750 Kilometer bis nach Umbrien.
Schweizer Etappen der E1:


Mapplus-Karte mit 
eingezeichnetem Jakobsweg und Unterkunftsmöglichkeiten


http://map.wanderland.ch, digitales Wanderwegnetz der Schweiz, 
mit nationalen und regionalen Wanderrouten, 
inkl. eingezeichneter ViaGottardo

 

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Wegbeschreibung der E1:

Konstanz - Weinfelden, ca. 13 km

Nachts um 3:00 Uhr fahren wir in Hamburg los. Es ist lausig kalt, aber die Autobahn ist frei, und wir kommen gut voran, so dass wir bereits um 12:00 ein Hotelzimmer in Konstanz finden. Sonnenschein und 20 Grad, was wollen wir mehr? Ein Mittagessen und eine Stunde Ruhe.
Um 14:00 Uhr heißt es: Stiefel an und los. Geplant war es so nicht, aber wir fühlen uns fit und sind nicht mehr zu halten. Schon nach einer Viertelstunde stehen wir an der Schweizer Grenze und müssen tatsächlich den Pass vorzeigen. Als der junge Zöllner auch noch unsere Namen in seinen Computer tippt, erzähle ich ihm von meinem Buch und meiner Homepage. Neugierig geworden, notiert er sich die Internet-Adresse und wir dürfen passieren.

Von nun an gelten für uns die gelben Wegweiser der Schweiz, wir sind in Kreuzlingen. Auf einem Reklameschild lesen wir: "Im Zoohüsli hat es Zwerghäsli", die Entgegenkommenden sagen "Grüezi mitanand!" Ja, wir sind nach 20 Monaten Pause, endlich in der Schweiz, um unsere E1-Wanderung fortzusetzen.

Wir herrlich ist es doch, sich so fortzubewegen. Heute noch frisch und frei ohne Rucksack folgen wir der gelben Raute bergauf zum Waldrand und dann zum Bommer Weiher. Nach etwa zwei Stunden erreichen wir Engelswilen, wo wir durstig den schönen Fachwerkgasthof anpeilen. Aber - wie war noch die wichtigste E1-Regel? Hab immer dein Getränk dabei! Haben wir natürlich nicht, und sind deshalb entsetzt, als wir das Schild "Heute Ruhetag" im Fenster sehen. Also müssen wir zurückeilen, denn vor einem Haus hatten wir Minuten zuvor eine Frau ihre Einkäufe auspacken sehen. Sie steht noch vor der Tür und gießt gerade ihre Blumen.
"Grüezi!" sagen wir ganz lieb, "der Gasthof ist geschlossen, könnten wir von Ihnen eine Flasche Wasser kaufen?" Sie macht dem Ortsnamen Ehre, erweist sich als Engel und schenkt uns eine 1,5-Liter Flasche Mineralwasser. Unsere Mittwoch-Nachmittag-Sommer-Laune ist gerettet.

Wir gelangen zu einem unwegsamen Trampelpfad, der zu einer elektrisch umzäunten Kuhweide führt. Da müssen wir durch! Oder besser gesagt: hinüber. Wie gut, dass wir ohne den schweren Rucksack unterwegs sind, so kriechen wir behände unter dem Draht hindurch und stapfen über vertrocknete und frische Kuhfladen am wiederkäuenden Schweizer Braunvieh vorbei, das unablässig mit den Halsglocken läutet. Am Rande einer steilen Schlucht geht es schließlich abwärts nach Weinfelden.

Der kürzere Teil der 30-km-Etappe ist geschafft. Noch ein Eis am Bahnhof, und schon sitzen wir in der Bahn zurück nach Konstanz.

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Weinfelden - Wil: 17 km

Die strahlende Sonne und eine Kirchenglocke, die die Stunden klangvoll in Viertel teilt, wecken mich gegen 7 Uhr. Drei Viertel bleibe ich noch liegen - mein Liebster schnarcht in tiefsten Traumwelten, ich mag ihn nicht wecken. Duschen, Haare waschen und schön fönen, obwohl ich weiß, dass schon in wenigen Stunden die Frisur vom Sonnencap platt gedrückt sein wird.

9 Uhr 20: Bahn nach Weinfelden. Der Wanderführer nennt uns vier Einkehrmöglichkeiten am Weg und damit wieder einmal auch vier Möglichkeiten, das verhasste Ruhetagschild zu sehen: Bussnang, Affeltrangen, Bettwiesen und Dreibrunnen.

Aber heute ist mein neues Trinksystem im Rucksack integriert, der Schlauch mit Beißventil hängt griffbereit, also kein Grund zur Panik. Auch Joachim hat eine große Wasserflasche dabei, unter zarten Schleierwolken am blauen Himmel machen wir uns auf den Weg. Heute ist der längste Tag des Jahres. Ein schöner Tag. Eine Hängebrücke führt uns über die schäumende Thur. Das Heu duftet nach Sommer und Freiheit, wir genießen den weiten Blick über den sanft welligen Thurgau. Es wird warm und wärmer, doch ein leichter Wind fächelt uns Kühlung entgegen. An Gemüsegärtchen und vielen Obstbäumen vorbei erreichen wir Affeltrangen, wo wir im Schatten des Biergartens ein Löwenbräu aus Zürich trinken. Die Markierung ist vorbildlich, alle paar hundert Meter stehen Wegweiser, die häufig sogar Zeitangaben der Wanderetappen tragen. Beim Bezahlen lesen wir die Inschrift im Inneren des Gasthofes: "Es sind zwei schöne Ströme, die Donau und der Rhein, der Dumme sauft ihr Wasser, der Kluge ihren Wein." Beschwingt schreiten wir weiter und notieren im Kopf: Wein trinken am Abend!

Ein schmucker Wegweiser vor einem wunderschönen Fachwerkhaus zeigt uns, dass wir nicht nur auf dem Fernwanderweg E1, sonder auch auf dem berühmten Jakobsweg unterwegs sind. Von hier aus sind es für die Pilger genau 1925 km nach Santiago de Compostela in Spanien.

Durch die Felder erreichen wir ein Wäldchen mit einem plätschernden Bach, dem wir nicht widerstehen können: Stiefel und Strümpfe landen auf dem Waldboden, die Füße im eisigen Wasser. Himmlische Erfrischung nach einer glühend heißen Wegstrecke. Das Wasser gurgelt und gluckst, die Vögel zwitschern, trotzdem machen wir uns wieder auf die Socken.

grüne Madonna am
            Jakobsweg in Bettwiesen; Bild: Maria B.Von Ferne leuchten uns die Gipfel der Alpen entgegen, vor uns liegt das winzige Bettwiesen im Tal. Über schattenlose Asphaltwege mühen wir uns voran und erreichen abgekämpft gegen vier Uhr das Restaurant "Pilgerhaus" in Dreibrunnen. Kühler Apfelsaft rinnt in die Kehle und muss Kraft für die letzte Wanderstunde gegen, denn es ist weiter bis in die Altstadt von Wil, als wir gedacht haben. Als wir schließlich ein Zimmer im historischen Gasthof "Wilden Mann" beziehen, sind wir rechtschaffen erledigt. Himmel, wie sollen wir nur am nächsten Tag die 25 Kilometer schaffen, wenn uns heute die 17 schon kaputt gekriegt haben? Ein üppiges Abendessen, Cordon bleu mit Nudeln und Pommes frites sowie ein trockener Schweizer Weißwein, lassen alle Mühen verblassen. Unser Wirt erzählt uns noch bis kurz vor Null Uhr viel Wissenswertes über Schweizer Verhältnisse, bevor wir die knarrenden Holzstiegen hinauf in unser uriges Zimmer steigen und in die Bauernbetten fallen.

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Wil - Wattwil: 25 km

Der Himmel zeigt sich bewölkt bis bedeckt. Nach dem Frühstück heißt es wie immer: packen. Da ich bei dieser Tour erstmalig einen kleineren Rucksack von nur 35 Litern Inhalt beladen kann (vorher 60), habe ich meine Kleidung und all die anderen notwendigen Utensilien sehr sorgfältig ausgewählt. Ob Zahnpastatube, Sonnencreme, Reinigungsmilch, Nachtcreme: alles nur in Mini-Ausführung.
Auch Unterwäsche, T-Shirts und Ersatzhose sind aus dünnstem Gewebe, so dass ich es tatsächlich fertiggebracht habe, Joachim nur mit meinen Turnschuhen zu belasten. Alles andere trage ich selbst. Inklusive anderthalb Liter Wasser im Plastiktropf, der in der Rückwand des Rucksacks integriert ist und mir auf Durststrecken die Sicherheit gibt, nicht zu verdorren. Auf meinen Knochen lastet also in der Schweiz nur ein Zusatzgewicht von etwa 6 Kg. Durchaus tragbar!

Bevor wir Wil verlassen, machen wir noch einen kleinen Rundgang durch die Altstadt mit ihren Laubengängen und schauen uns auf dem Weg zum Bahnhof die Auslagen der vielen Geschäfte in der langen Fußgängerzone an. Als Industrie- und Einkaufszentrum hat Wil eine Menge zu bieten und war - so klärt uns unser Wanderbüchlein auf - früher die Sommerresidenz der Fürstäbte von St. Gallen. (Ich weiß nicht mal genau, was Fürstäbte sind, aber die Bauten hier sind imposant und prunkvoll)
Als wir den Fußgängertunnel zum Südausgang des Bahnhofs beschreiten, sehen wir eine für uns unverständliche Aufschrift auf den Kofferkulis: "Stop. Hirne bim Lüpfe." Wir fragen eine Gruppe Schüler, was das denn bedeuten soll. "Man soll stirnen, wenn man etwas hochhebt", sagt ein Mädchen. Was? "Denken!" Aha. Ach so. Ja klar, nun ist der Groschen gefallen: Die Schweizer sollen ihrem Rücken nicht zuviel zumuten und beim Anheben ihrer Koffer die Wirbelsäule schonen. Gute Idee!
Weshalb ich das hier so ausführlich aufschreibe? Mir ist in jedem Ort aufgefallen, wie häufig die Menschen hier durch gut gemeinte Inschriften ermahnt werden, einen tadellosen Lebenswandel hinzulegen. Überall stehen grüne Hundekot-Kästen mit angehängten schwarzen Plastiktüten, es gibt mitten in der Landschaft "Anweisungen über das Verhalten gegenüber elektrischen Leitungen", Pilz-Sammel-Verordnungen und und und. Wir lesen begierig und wundern uns. Schnell erreichen wir Bazenheid und durchwandern heute das Toggenburg, die Tallandschaft der oberen Thur. Ein junger Mann wendet mit dreizinkiger Heugabel das duftende getrocknete Gras, während im daneben stehenden Traktor ein Radio dudelt.

An der 200 Jahre alten gedeckten Holzbrücke über die Thur machen wir eine Kurzrast. Während ich ein paar Notizen ins Schulheft kritzele - ich habe es griffbereit in der breiten Hosentasche - überlegt der verhinderte Baumeister an meiner Seite, Joachim, wie um alles in der Welt wohl das Eisenbahnviadukt gebaut wurde, das wenige hundert Meter vor uns in den Himmel ragt. Die riesigen Stützpfeiler tragen elegante Bögen in schwindelerregender Höhe.

Über lange Asphaltwege traben wir weiter durch die Wiesen. Gonzenbach, Lütisburg, Grämingen, Bütschwil: Wunderbare Ausblicke lassen die Landschaft mit ihren kleinen Orten - besonders wenn gerade die Toggenburger Bodensee-Bahn hindurchgleitet - erscheinen wie auf einer Eisenbahnplatte. Wir haben jedoch das Gefühl, überhaupt nicht voranzukommen. Spannend wird die Überquerung einer Hängebrücke über die gierig schäumende Thur, die unter unseren Füßen klappert und schwankt. Wie viele Zeichentrick-Filme habe ich schon angeschaut, in denen genau diese Brücken reißen und den Helden übermenschliche Kräfte abverlangten ... Wir gelangen wohlbehalten ans andere Ufer und lesen dort: "Tragkraft 50 Personen. Schaukeln auf dem Steg verboten". Bei Nichtbeachtung wollen die Gemeinderäte 5 - 300 Franken erheben.

Wir steigen einen romantischen schmalen Pfad bergauf, atmen köstlichen Holunderblütenduft ein und wundern uns über einen Mann, der ein stattliches Ross mit Möbelpolitur bearbeitet bis es glänzt. "Dream Coat" lese ich auf der Flasche, aus der sich der Mann üppig bedient, um das Pferdefell auf Hochglanz zu bringen. Was es alles gibt! Wir bekommen Hunger. Unsere Brötchen haben wir bereits kurz vor Bütschwil aufgegessen, kurz vor dem mittelalterlichen Städtchen Liechtensteig machen wir Rast im Schatten eines Birnbaumes und essen einen Apfel. Also erfrischt geht es durch den langen Ort, an einer Waffel- und Biscuitbäckerei vorbei, deren Kuchenduft uns das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt. Immer wieder werden wir von Velofahrern überholt, wie man hier die Radfahrer nennt.

Die letzten drei Kilometer verläuft der Weg an der Thur entlang, als wir Wattwil erreichen, steuern wir zielstrebig das Hotel Löwen an - ein Tipp unseres Wanderfreundes Frank Schlinzig, der uns heute die Hotelsuche erspart hat. "Ja, ihr seid Wanderer", sagt uns die nette Wirtin an der Rezeption, "da muss ich nicht fragen, wie lange ihr bleibt. Wanderer bleiben immer eine Nacht!" Wir widersprechen nicht und gönnen uns nach der Schweiß treibenden Wanderung erst einmal eine Dusche.

Hinweis der Wandersite: In Wattwil trifft die E1 mit andern Fernwanderwegen zusammen:

Unterkunft:
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Wattwil - Walde - Schmerikon - Rapperswil: 29 km

Blauer Himmel, früher Aufbruch, denn die längste Tagesetappe liegt vor uns.
Wandersite: Beim Bahnhof die Unterführung benützen und zur Burgruine den schmalen Pfaden der "Alpenrandroute" folgen. Der "Jakobsweg" macht einen Umweg über das Frauenkloster und trifft kurz vor der Ruine wieder auf die "Alpenrandroute".
Siehe auch Trekking Nr. 70: Jakobswege
Sie beginnt gleich mit einem steilen Aufstieg zur Burgruine Iberg, von wo aus wir einen prächtigen Blick über die gerade verlassene Stadt und die wild romantische Feldbachschlucht haben. Auch das weiß leuchtende Frauenkloster "St. Maria der Engel" können wir nun von oben betrachten. Nachdem wir auf der Informationstafel des Burgturms noch lesen, dass diese wichtige Festung 1240 von einem Abt des Klosters St. Gallen gebaut wurde, damit die wichtigen Passübergänge über den Ricken und die Laad gesichert waren (man muss wissen, dass die Grundherrschaften der Äbte des Klosters und die der Grafen von Toggenburg bunt durcheinander lagen und viel Rivalität zwischen ihnen herrschte), nachdem wir uns also schlau gemacht haben, schreiten wir weit aus auf sonnigem Weg mit wunderbar kühlem Rückenwind.
Wandersite: Das Strässchen, das wir nach der Ruine Iberg für 5 Minuten benützen, verlassen wir vor dem Waldeingang und folgen der Abkürzung dem Waldrand entlang (undeutlich markiert).
Es geht bergauf und bergab, immer wieder sehen wir Bauern mit Kreiselheuern ihre Heuernte umschichten.

Im Dorf Walde, 839 m, gönnen wir uns im Gasthof an der Straße Bier und Brühe. Das Schwyzerdütsch geht uns bei der Weiterwanderung immer besser über die Lippen. Aus "ei" wird ganz oft "i" und aus "eu" wird "ü", (zum Bispiel haben die Lüt eine hohe Stüerlast), auch wichtig: immer schön übertrieben die erste Silbe betonen, besonders bei Abkürzungen wie E:U! Also: "Wenn die Schweiz in der E: U wäre..." nicht in der E U:! wie wir es in Deutschland sagen.
Mein Lieblingswort ist "gsi". Das heißt: gewesen. Beim Abräumen im Lokal, kommt jedes Mal die Frage: "Isch gut gsi?" (Ist es gut gewesen) Und vorher: "En guetä!" (Guten Appetit!) So üben wir uns voran, krächzen: "Für dä chli Hunger", obwohl wir immer großen Hunger haben, sehen weit in der Ferne den Zürichsee, den wir heute erreichen wollen, werfen in Rüterswil einen Blick in die Kapelle St. Ursula, wo eine Jakobusfigur in barocker Pilgertracht steht und freuen uns, dass die Beine wie von selbst funktionieren. Dass wir uns auf der Alpenrandroute vorwärts bewegen, merken wir am eindrucksvollen Gipfelpanorama im weit vor uns liegenden Dunst. Ach könnten wir doch die Füße im von dort herüber leuchtenden Schnee kühlen! Aber davon kann keine Rede sein, wir stolpern durch duftende Heuaufwerfungen ausgedehnter Wiesen, die doppelt Hitze ausstrahlen.

Wandersite: Bei der Kapelle oberhalb der Aathalerbrücke trennen sich die Wege:
Über den Goldberg schleppen wir uns hinunter nach Schmerikon. Es wird heiß und immer heißer. Der obere Zürichsee ist erreicht. Wir genehmigen uns Eis und Cola am Bahnhof, sowie eine kurze Fußlüftung und ein Viertelstündchen Pause. Es ist unerträglich heiß.
Wandersite: Abwechslungsreicher als der Uferweg ist der Jakobsweg über Eschenbach. Nach einem Strassenstück bis Eschenbach 100 Hm Aufstieg zum Wald, schöner Gratweg im Wald und durch landwirtschaftliches Gebiet über Gibelsriet und Jonawald nach Jona. Die Wanderwege führen durch ruhige Quartiere nach Rapperswil. Dort entweder zur schönen Uferallee am See hinunter (Badeanstalt) oder über die Altstadt ins Stadtzentrum.
Die letzten Kilometer am Seeufer (Veloweg) entlang über Bollingen und am Kloster Wurmsbach vorbei, fordern Kraft und Durchhaltevermögen. Mit jedem Schritt sinkt die Laune tiefer, um beim Anblick von Rapperswil mit seinem malerischen südländischen Charme wieder einen großen Sprung nach oben zu tun. Hotelsuche? Wir sind uns einig: Hier wird nicht gesucht, kein Schritt mehr weiter, die erste Nobelherberge gleich gegenüber vom Bahnhof muss es sein.
180 Franken im Hotel Speer verschaffen uns die Möglichkeit, in null Komma nichts die Wandererhaut abzustreifen und in das Touristenkostüm zu schlüpfen. Nach dem Duschen: Flanieren! Schon nach 100 Metern kann ich nicht mehr und fordere erst einmal einen Eisbecher an der Promenade. Zuschauen, wie andere Lüt gehen, ist auch ganz schön! Vier verschiedene Hochzeitsgesellschaften zählen wir: Zwei Bräute mit Anhang kommen per Ausflugsdampfer, zwei weitere bieten ihren Gästen Erfrischung an fein ausgestatteten Sektbars mit vornehmen Kellnern.  Wir legen noch ein paar Meter durch die Kastanienallee zum Kapuzinerkloster zurück, und Joachim schafft es tatsächlich, mich noch die vielen Stufen hinauf zu scheuchen, damit wir unbedingt den Blick über den See, die Blauburgunder Reben und den klösterlichen Rosengarten genießen können. Es hat sich gelohnt, aber meine Beine schmerzen nun doch unerträglich. Krönung des Abends: Ein gelungenes Fischgericht mit feinen Gemüsen, und Egli- und Zanderfilet. Danach freue ich mich, dass unser Hotel einen Fahrstuhl hat und kann nur noch ins Bett kriechen.

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Rapperswil - Einsiedeln: 24 km

Sontag morgen. Obwohl die Sonne vom Himmel lacht, ist mir mulmig zumute, als wir das Hotel verlassen. Der gestrige Gewaltmarsch hat seine Spuren hinterlassen, die Oberschenkel schmerzen, und meine Stimme ist fast weg. Der Wanderführer veranschlagt für die heutige Tour sieben bis acht Stunden Wanderzeit, also genauso viel wie gestern. Das schaffe ich nie! Sollen wir lieber einen Tag Pause machen? Joachim hat eine dicke Blase am Zeh, die ihn aber nicht sonderlich beeinträchtigt.
Unschlüssig, was wir machen sollen, überqueren wir erst einmal die Straße, um uns im Bahnhof neu zu orientieren. Und was sehen wir? Einen dieser gelben Wegweiser, die so nett die Tourenlänge in Stunden und Minuten übersetzen. Und darauf steht: Einsiedeln, 4 Stunden 30 Minuten. Wir konsultieren die Karte und richtig: Wenn wir die Tagesetappe ein wenig abwandeln und nicht im weiten Bogen um den Sihlsee herumgehen, sondern den direkten Weg nach Einsiedeln nehmen, sparen wir gute zwei Stunden. Das müsste zu schaffen sein.

Also auf geht's, im Bahnhofsshop noch schnell "Halsfeger" kaufen, Bonbons, die alles an Kräutern in sich haben, was man nur für einen schlimmen Hals wünschen kann, und hinüber über den Seedamm ans Südufer des Zürichsees nach Pfäffikon.

Wandersite: Seit 2001 wandern die Pilger auf einem neuen, gut markierten Holzsteg über den See
Da kommt es dann hammerhart: Der steile Aufstieg zum Berg Etzel 1098 m, hat es derartig in sich, dass ich meine Entscheidung fürs Weiterwandern hart auf die Probe gestellt wird. Aber Zurückgehen kommt nicht in Frage, nur Zurückschauen, und das lohnt sich: Der Zürichsee liegt bereits blau schimmernd weit unter uns, wir kommen gut voran. Ich lutsche mich an den Halsfegern fest, nehme alle paar hundert Meter einen Schluck Wasser aus meinem Beißventil und halte mich an meinen oft praktizierten Durchhaltetrick: Zählen. Von eins bis zehn, zuerst auf deutsch, dann englisch, französisch, spanisch, italienisch, japanisch und dann wieder von vorn. (Ja wirklich, ich kann tatsächlich japanisch bis zehn zählen, habe mal in grauen Vorzeiten bei einem Versicherungsmakler gearbeitet, der vorwiegend japanische Klientel hatte).

Nach etwa einer Stunde Aufstieg sehen wir endlich mal wieder ein Schild "Europäischer Fernwanderweg, Nordsee, Gotthard, Mittelmeer". Die Halsfeger haben meine Stimme so weit wieder hergestellt, dass ich jubeln kann. Wir steigen bergan, der See entfernt sich rückwärts. Punkt 12 Uhr sind wir oben an der Kapelle St. Meinrad. Im Schatten des Biergartens lagern schon viele Mountainbiker, viele Autofahrer, einige Motorradfahrer und außer uns nur ein weiterer Wanderer. Ein Mann mit großem Rucksack und Hund, der uns bereits in Bazenheid aufgefallen war. Er scheint ebenfalls ein Fernwanderer zu sein. "Der Garten ist nicht bedient" sagt ein Schild. Ich bin es dafür umso mehr. Völlig ausgepowert, aber glücklich. So schreibe ich noch ein paar Daten zu St. Meinrad ab:

"828 kam Meinrad, ein Mönch des Bodenseeklosters Reichenau auf die Etzelpasshöhe und erbaute sich dort eine Zelle. Sieben Jahre lebte er hier in Stille, betend und arbeitend und spendete hilfesuchenden Menschen Rat und Trost. Dann zog er sich in den finsteren Wald zurück, wo er 25 Jahre lebte und am 21. Januar 861 von zwei Räubern erschlagen wurde. An der Stelle seiner Klause entstand 934 das Kloster Einsiedeln."

Hier oben an der Etzelstraße, die Teil eines früher sehr bedeutenden Pilgerwegs war, trennt sich unser heutiger Weg vom E1. Wir werden nicht zum Stöcklichrüz 1247 m steigen, sondern auf dem Pilgerweg weiterwandern, wobei wir noch am Geburtshaus des Naturforschers Paracelsus, an der alten Tüfelsbrugg vorbeikommen. Ein kleiner Kräutergarten und ein Stein mit seinem Bildnis erinnern an den berühmten Arzt, der von 1493 bis 1541 hier gelebt hat. Durch weite Pfeifengraswiesen des Naturschutzgebietes Roblosen nähern wir uns dem Sihlsee und können schon von Ferne die Türme der Klosterkirche sehen, die Einsiedeln ankündigen, den bedeutendsten Wallfahrtsort der Schweiz. Joachim will seine Badehose nicht umsonst mitgeschleppte haben und stürzt sich in die kühlen Fluten, ich begnüge mich mit Füße kühlen und Notizen machen. Der Badeanzug bleibt wo er ist, tief unten im Rucksack. Der Sihlsee ist größter Stausee der Schweiz und nach siebenjähriger Bauzeit, wofür 55 Familien ihre Bleibe verloren, seit 1937 unerlässlich für die Elektrifizierung der SBB (Schweizer Bahn).

Ich dränge zum Aufbruch. Mich reizt nur noch eine Dusche, die wir im Hotel "Heilige Drei Könige" direkt gegenüber des Benediktinerklosters finden und ausgiebig nutzen. Das traumhafte Sommerwetter lockt sofort wieder hinaus, aber nur wenige Meter ins nächste Café. Eisbecher fassen. Zeitung lesen: Bis zur Französischen Revolution hatte das Kloster Einsiedeln das Alleinrecht Bücher zu drucken, was sich zuerst in der Herstellung von Gebetbüchern, später auch von profaner Literatur darstellte. Die Druckschriften waren begehrte Wallfahrtsandenken, ebenso wie Rosenkränze und Lebkuchen, die bekannten "Schafböcke". In den Souvenirkiosken rund um die Kirche wird auch am heutigen Sonntag all das angeboten.  Das Innere der Klosterkirche übertrifft an Pracht unsere Erwartungen: So viel farbiger Pomp und dann noch die "Schwarze Mutter Gottes", die im hinteren Teil der Kirche in einer kleinen Kapelle von schwarzem Marmor umgeben ist! Alles sehr beeindruckend und wir sind mal wieder zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Die Orgel setzt ein und ein Gottesdienst beginnt. Ich liebe es, Kirchenlieder zu singen, aber heute halte ich mich lieber zurück, meine Stimmbänder sind einfach noch zu angekratzt. So verlassen wir - wie viele andere auch - auf Zehenspitzen die Kirche und schauen uns noch in den hinteren Gebäuden des Klosters die Hengstställe an. Hier werden die "Einsiedel-Pferde" gezüchtet, eine robuste Rasse, die unter Kennern berühmt sein soll.

In einem Biergarten an der Hauptstraße genehmigen wir uns "Stange" und "Chübel", ein kleines und ein großes Bier und erleben die Prozession mehrerer Jodelgruppen, die von einem Wettbewerb zurückkommen und genau neben uns ihre Abschiedsjodler in den Abend schmettern. Alle Achtung, das klingt gut. Der Hunger treibt uns schließlich zum Italiener: Riesen-Pizza und Salat sorgen für Kraft, denn auch am nächsten Tag soll gewandert werden.

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Einsiedeln - Schwyz: 25 km, 5.30 h

Mit frühem Aufbruch nach reichlicher Bedienung am Frühstücks-Buffet, erhoffen wir uns wenigstens am Morgen noch ein wenig Kühle beim Wandern. Der Himmel strahlt blau, und wir schreiten guten Mutes durch die Straßen in Richtung Bahnhof. Heute werden wir uns den größten Seitensprung in unserer E1-Geschichte leisten und weite Strecken auf dem Jakobsweg gehen. Der E1 macht wie immer Schleifen, die wir bei dieser Hitze nicht bewältigen wollen. Punkt.

Schon ganz nah sehen wir eindrucksvolle mächtige Berge, die stolz in den Himmel aufragen, fast wie das berühmte Matterhorn, die Mythen: Kleiner Mythen (1811 m), Zwüschet Mythen (1356 m) und Großer Mythen (1899 m). Bei jeder Wegbiegung stehen sie majestätischer vor uns.
Gegen halb zehn kommt uns auf sonnigem Jakobsweg ein gebücktes Männlein mit Riesenlast entgegen. Man grüßt sich, fragt nach woher? und wohin? und wir können nur noch staunen:
Der sonnenverbrannte bärtige Mann mit den langen Haaren heißt Jakob, ist auf dem Heimweg nach St. Gallen von einer 9000 km langen Pilgertour. Wir setzen uns auf eine Bank am Wegesrand und tauschen Erfahrungen aus. Unsere klitzekleine Leistung ist schnell erzählt. Um seine zu erzählen, wird er sicher Wochen brauchen, hier in Kurzform: Nach alter Franziskanertradition hat er sich eine besondere Auszeit genommen: Im Alter von 55 Jahren für ein Jahr seinen Beruf (Wirtschaftsjournalist) an den Nagel gehängt, zwei Monate karitativ gearbeitet und zwei Monatsgehälter an eine Hilfsorganisation gespendet. Im September 2000 hat er sich dann ohne Geld auf den Fußweg nach Rom gemacht und von dort weiter zum Ziel aller Pilger: Santiago di Compostela in Spanien. Die arg ramponierten Stiefel sind bereits das fünfte Paar, geschlafen hat er in Pilgerherbergen, Klöstern oder unter freiem Himmel. Lange Klappkarten mit heiligen Stempeln und Siegeln dürfen wir bewundern und zum Abschied einmal versuchen, den entsetzlich schweren Rucksack hochzuheben. Selbst Joachim stöhnt unter dem Gewicht, ich habe keine Chance, ihn nur fünf Zentimeter vom Boden zu bekommen.
Wir tauschen noch E-mail-Adressen aus und trennen uns. Er, um Grüße von französischen Benediktinern nach Einsiedeln zu bringen, wir, um über glühend heiße Wege nach Alptal zu gelangen. Nie wieder werde ich jammern. Nie wieder mich beklagen, das schwöre ich und muss noch lange an Jakob denken. Wie er wohl den Einstieg ins normale Leben wiederfinden will?

Eine "Verordnung über den Schutz wild wachsender Pilze" bietet eine willkommene Ausrede fürs Innehalten. "Es dürfen nur dem Sammler bekannte und gesunde Pilze gepflückt werden" steht da. "Einzelpersonen dürfen in erlaubten Gebieten an erlaubten Tagen nicht mehr als zwei Kilo pflücken." Leuchtet ein, wenn man weiß, was erlaubt ist ...

Über Haggenegg 1444 m (Bergrestaurant Tel. 041 811 17 74), mit prachtvollem Blick nach unten, geht es über steinigen Hochweg unterhalb der Steilwand des Großen Mythen zum Holzegg 1405 m, wo wir im Berggasthof eine Suppe löffeln. Der Wegweiser zeigt uns nun eine willkommene Abkürzung nach Schwyz hinunter, zwar mit weiß-rot-weißen Querbalken als schwieriger Bergweg gekennzeichnet, aber dafür sind nur 1 Stunde 45 Minuten angegeben. (E1 noch drei Stunden).

So kommt, was kommen musste: ein entsetzlich anstrengender Knochenbrecherpfad. Wir mühen uns hinunter und merken: die angegebene Zeit werden wir nie einhalten können. Zu mühsam ist es, auf dem lockeren Geröll steil abwärts zu steigen.
Da nähert sich von hinten ein Männlein, bewaffnet mit zwei Stöcken, dafür ohne Rückenlast und hüpft und springt den Berg hinunter. Schnell hat er uns überholt, Grüezi mitanand gesagt und ist schon außer Sicht. Aha, denken wir, so muss man es machen. Wir haben zwar jeder nur einen Stock und noch den Rucksack auf dem Rücken, aber ich teste es trotzdem einmal. Und siehe da, die Technik ist nicht übel. Joachim, der für solcherlei Spielchen nichts übrig hat, bleibt weit zurück. Lange halte ich das Tempo natürlich nicht aus. Außerdem habe ich Durst und wir rasten im Gras neben einem Bach. Weit weit unter uns liegt der Urner See, oje. "Jetzt wäre ich gern ein Bächlein und könnte dann einfach hinunterfließen", seufze ich. Aber Joachim entgegnet: "Dann versickerst du da unten im See und bist nicht mehr du selbst."

Da ist was dran. Also doch wieder Stiefel an und weiter hinunter quälen. Je tiefer wir steigen, desto heißer wird es. Als wir endlich die mächtige barocke Pfarrkirche St. Martin direkt unter uns sehen, sind wir recht erschöpft, aber glücklich, es bis nach Schwyz geschafft zu haben. Auf dem Marktplatz sehen wir das mit Fresken bemalte Rathaus und werden so an die Entstehungsgeschichte der Eidgenossenschaft erinnert. Schwyz ist die Urzelle der Schweiz und hat dem ganzen Land seinen Namen gegeben. Noch wenige hundert Meter, dann sind wir im "Hirschen", einem urigen Backpacker-Hotel der unteren Preiskategorie mit Internetzugang und einer kreativ geführten Kneipe.
Und wen treffen wir am Abend beim Essengehen wieder? Den Wanderer mit dem Hund. Wir sprechen ihn an. Er geht den E1 in einer Tour. Ist in Frankfurt aufgebrochen und will bis Ende Juli in Genua sein. Beneidenswert. Wir sind am Ziel der ersten Etappe und freuen uns auf die nächste. Vielleicht geht es schon im September wieder los. Schön wäre es!

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Brunnen - Flüelen, ca. 18 km

"Ein bisschen Luxus muss sein", sagte sie am Donnerstag, den 16. August 2001, lackierte sich die Zehennägel mit ultraschnell trocknendem Nagellack dunkelrot, bevor sie die derben Socken anzog und in die Wanderstiefel stieg, um mit ihrem Mann Joachim per ICE in knappen acht Stunden nach Zürich zu eilen, der "Stadt des Geldes, wo die Menschen sich äußerst geschäftig geben und sind, ohne Zeit und zielgerichtet durchs Leben rasen und dem Business nur zu oft Humor und Lebenslust opfern", wie es als Einführung im Reiseführer steht. (Diese Sätze werden kurz darauf relativiert, das Zürich von heute ist halt ganz ganz anders.
Wir haben die Stadt von ihrer Schokoladenseite kennen gelernt, mit lauer Nacht, Lindt/Sprüngli und erstklassigem City-Hotel, aber hier sollen ja unsere Wandererlebnisse Vorrang haben, also wenden wir uns dem Freitag zu.
In bester Verfassung verlassen wir die "Stadt mit Weltformat, in der das Leben pulsiert, die Szene lebt und die Menschen kreativ und lebenslustig sind", nachdem wir noch einmal die berühmte Bahnhofstraße ganz unstandesgemäß in Wanderstiefeln abflaniert haben und gelangen nach einstündiger Bahnfahrt in Brunnen.

Vorbei an schönen Hotels, die uns an Ascona erinnern, erreichen wir den Startpunkt unserer letzten Wanderung in diesem Jahr: den Anleger am Vierwaldstättersee. Guten Mutes setzen wir Fuß vor Fuß, in der Meinung, es werde eine leichte Spaziertour. Doch da haben wir die Rechnung ohne das Wetter und ohne einen genauen Blick auf die Karte gemacht. Über dem See brauht sich blitzschnell eine üble Suppe zusammen, der Weg am See entlang, entpuppt sich nicht als Promenade, sondern steiler Bergweg, der lustig bergauf, bergab, bergauf, bergab führt. Steil, versteht sich!
Während ich entzückt violettfarbene wilde Alpenveilchen am Wegesrand entdecke, setzt der Regen ein. Unter uns ziehen Nebelschwaden über den Urner See(So heißt dieser Teil des Vierwaldstättersees, der wiederum seinen Namen der Tatsache zu verdanken hat, dass er als Seeweg, die vier Waldstätte oder Urkantone der Innerschweiz verbindet: Uri, Schwyz, Unterwalden und Luzern) Aus Nieseltropfen werden Bindfäden, es bleibt uns nichts anderes übrig: Die Regenjacken müssen her! Nach einer guten Stunde wissen wir nicht, was nasser ist, die Jacke von innen oder von außen. Bei rund 25 Grad, schwitzt man unter der Gummipelle. Die "Franz-Xaver-Kapelle" von 1676 bietet uns Unterschlupf, so dass wir erst einmal ein Dach über dem Kopf haben und unseren Regenschutz neu überdenken können. So geht es auf jeden Fall nicht weiter. Was hat man von einer Regenjacke, wenn man trotzdem darunter klatschnass wird?
Ein Gebetbüchlein erregt meine Aufmerksamkeit. Während Joachim noch die Tropfen zur Tür hinausschüttelt, lese ich vor: "Heiliger Franz Xaver, großer Apostel des fernen Ostens, der Inder und Japaner, Missionar und Fürbitter bei Gott ..." Es steht genau geschrieben, was gebetet werden muss, damit Franz Xaver die Bitte erhört. Worum bitten wir ihn? Ganz einfach: Lass den Regen aufhören! Und: Es klappt.
Wir treten ins Freie und können die Jacken einrollen. Leider nur für kurze Zeit, Franz Xaver muss mich missverstanden haben, aber als die Wolken erneut zeigen, was in ihnen steckt, sind wir so schlau, unsere Jacken nur über die Schultern zu hängen und dadurch leidlich geschützt. Bis Sisikon regnet es. Wir sehen den Ort tief unter uns liegen, scharf abgegrenzt gegen die Landschaft aus Bäumen und See, wir müssen nur noch hinabsteigen. In einem italienischen Restaurant gönnen wir uns eine Minestrone und hoffen, dass die Sonne doch noch siegt. Ich lese schon mal im Wilhelm Tell, unentbehrliche Lektüre, jeder Aufzug, jede Szene birgt Orte, die wir besuchen werden oder besucht haben. Und geflügelte Worte jede Menge: Früh übt sich, was ein Meister werden will ... Die Axt im Haus erspart den Zimmermann ... Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt ...und: Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leisten. Sehr passend für Fernwanderer, Herr Schiller. Wahrlich!

Die alte Axenstraße gewährt mit ihren Felsen von Zeit zu Zeit natürliche Überdachung, und als wir schließlich - treppauf, treppab - erst an der Tellsplatte, dann an der Tellskapelle mit ihren vier sehenswerten Fresken aus der Wilhelm-Tell-Geschichte landen, ist für heute Schluss mit Nässe. Die Sonne kommt über den Berg, unsere Gebete sind erhört worden, erschöpft und selig sitzen wir vor dem Gitter der Kapelle und lesen Wilhelm Tell. Oder besser: Ich lese vor, Joachim macht Fotos. Noch sind wir glücklich, ahnen nicht wie viele Treppenstufen wir bis Flüelen noch vor uns haben. Das merken wir erst, als wir wieder unterwegs sind.

Auf, ab, auf ab ... endlos. Manchmal zähle ich bis fünfzig oder sechzig, manchmal lasse ich es lieber: Die Stufen sind mörderisch. Einige so hoch, dass man einen Krampf in den Oberschenkeln befürchtet. Aber Fernwanderer kennen keinen Schmerz! Außerdem formt unser Hirn alte Bilder von Uri und Schwyz und Unterwalden, von der Urzelle der Schweiz und den unerschütterlichen Eidgenossen. So vergeht auch die letzte harte Stunde bis Flüelen. Erschöpft suchen wir dort ein Hotelzimmer mit Seeblick. Halb sieben haben wir es gefunden.

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Flüelen - Erstfeld - Amsteg (Gurtnellen), 18 km

"Was sucht Ihr hier in Uri?"
"Die alten Zeiten und die alte Schweiz."
Das ist nicht unser Dialog beim Aufbruch um neun Uhr in der Früh, sondern ein Zitat aus Schillers "Wilhem Tell", den ich jedem E1-Wanderer in der Schweiz, oder - mit Schillers Worten: "allen Wanderern aus dem deutschen Land, die über Meinrads Zell nach Welschland (= Italien) fahren" wärmstens empfehlen möchte.
Unser Fernwanderweg ist zunächst identisch mit dem hiesigen Hochwasserschutz-Lehrpfad an der Reuss entlang. Die Sonne lässt das gigantische Bergpanorama glänzen, Kuhglocken geben den Takt an: Wir kommen auf dem schnurgeraden Damm, der die schäumende Reuss zähmen soll, gut voran. Heute wäre ein Fahrrad sehr nützlich, wir werden ab und zu von schnellen Menschen auf Rennrädern und Mountainbikes überholt. Die Sonne hat schon jetzt enorme Kraft, sie sticht erbarmungslos vom Himmel herab, und wir nehmen uns vor, morgen eine Stunde eher aufzustehen.
Längst sind wir an Altdorf vorbei, jenem Flecken im Tal der Reuss, den - wie die alten Hirten sich erzählten - die alten Schweizer auf dem Boden errichteten, den sie der Wildnis abgerungen haben. Man muss schon in sich gehen, um angesichts der vorbeirauschenden Blechlawine, Schillers alte Zeiten heraufzubeschwören.
Der Lärm von der nahen Autobahn konkurriert mit dem tobenden Fluss, mal siegt das Wasser, mal die Motoren, Verlierer sind immer unsere Ohren. Oh, fast ein Gedicht!
Schön kühl und angenehm still ist es in den Galerien, die durch den Fels gehauen sind und uns Wanderern für kurze Zeit Erquickung bieten.

Durch Erstfeld geht es weiter, wir unterqueren die Autobahn, ein Wäldchen bringt etwas Schatten, Militärgelände, Umspannwerk und hui, schon gelangen wir über die Reussbrücke in glühender Mittagshitze gegen zwei Uhr nach Amsteg. Da lacht des müden Wanderers Herz: so früh schon am Ziel! Hotel "Sternen und Post" lockt mit schattiger Terrasse. Apfelsaft perlt in die Kehle, wir beschließen zu bleiben. Genau hier, in diesem Hotel. Und siehe, die Wirtin hat ein Zimmer frei; allerdings ist der Preis mit 200 Schweizer Franken nicht gerade niedrig, wenn man bedenkt, dass selbst in Zürich direkt am Limmat die Hotels erschwinglichere Betten bieten.
Nun gut, wir sind erschöpft und wollen duschen, nach kurzer Beratung sagen wir ja und werden durch das ehrwürdige Haus, dessen beste Zeit wohl einige Jahrzehnte früher war, über lange Gänge geführt. Allein gelassen im düster möblierten Gemach, schauen wir skeptisch ins Bad. Eine alte Wanne ohne Duschvorhang. Dafür gibt es im Zimmer zwei gelbe Plastikvorhänge. Hinter dem ersten versteckt sich ein Waschbecken, und was entdecken wir, als wir neugierig den zweiten zur Seite ziehen? Ein Klo! Ja, ja, ja wirklich! Ein Klo, vom Schlafzimmer abgetrennt durch einen simplen Vorhang. Dafür sollen wir 200 Franken zahlen? Nie im Leben. Fluchtartig verlassen wir den Raum, bringen den Zimmerschlüssel zurück und erklären, dass wir für einen derartigen Preis mehr erwarten können. Frau Wirtin ist leicht pikiert, wir verabschieden uns.

Im Haus gegenüber erfahren wir, dass wir keine andere Chance haben, in Amsteg zu übernachten. Wir bekommen von der netten Wirtin, die leider nur Wohnungen vermietet, eine Telefonnummer für ein Hotel in Gurtnellen, dürfen telefonieren, bekommen die Zusage für ein Doppelzimmer mit Dusche und WC für 100 Franken und fahren eine halbe Stunde später mit dem Postbus dorthin. Sechs Kilometer E1 sind uns damit zwar durch die Lappen gegangen, aber bei diesen sommerlichen Temperaturen und der in Aussicht stehenden Härtetour des nächsten Tages mit 20 Kilometern und 1100 zu überwindenden Höhenmetern, sind wir nicht traurig darüber. Unser Hotel ist bestens, der Ort sehr malerisch und das Abendessen erstklassig.

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Gurtnellen - Andermatt, 14 km

"Im Frühtau zu Berge, wir steigen auf fallera ..." Es ist kurz vor neun, Sonntagmorgen, selbst die Kirchgänger sind noch nicht unterwegs, aber unsere Schuhsohlen netzt schon der Morgentau.
Vorbei an der Kirche, deren Friedhof 1987 nur knapp der Unwetterkatastrophe im Kanton Uri entgangen ist. Die Gemeinde Gurtnellen erlitt dabei große Schäden, aber Menschenopfer waren nicht zu beklagen, erzählt uns der Text auf der Infotafel am Wegesrand.
An einem einsamen Haus sitzt ein älteres Ehepaar einträchtig auf der Bank in der ersten Morgensonne. "Grüetsi mitenand!" - wir steigen bergauf. Unterhalb des Pfaffensprungs passieren wir das Kraftwerk, augenblickliche Höhe = 807 m.
Es geht weiter bergan. Muss ich noch schreiben, dass es heiß ist? Und immer heißer wird? Der Blick in die Wassermassen der Reuss bringt eingebildete Kühlung. So kommen wir gut voran, eben noch sahen wir die hoch gelegene Kirche von Wassen weit über uns, schon liegt sie hinter und unter uns.
Genau wie im Wanderführer beschrieben, wandern wir unter einem Autobahnviadukt hindurch, über einen Zaun (na ja, nicht ganz, er hat eine Pforte) und durch Wiesen. Wie Bergziegen klettern wir über spitze Steine, links neben uns der Abgrund. Stufen in allen Höhen und Ausführungen, Stein, Holz, Metall, befestigt und unbefestigt, fordern Oberschenkelmuskulatur und Knie heraus. Hüfthoch steht der Klee, auch die Butterblumen sind ohne Kniebeugen greifbar, Beifuß und blaßviolette Skabiosen erreichen sogar fast Schulterhöhe: Wir folgen dem alten Saumpfad über den Gotthard, den auch Schiller im Tell erwähnt. Der Ausdruck "Saum" kommt nicht etwa daher, dass im hohen Gras der Saum der Kleidung nass werden könnte, nein, die Traglast der Pferde und Maultiere wurde so genannt. Und deren Führer, die Säumer, brachten auf diese beschwerliche Weise Waren über den Pass.
Nach zweieinhalb Stunden harter Steigleistung setzen wir erstmalig die Rucksäcke ab und kühlen unsere verschwitzten Rücken im Bergwind. Ein Riesenschluck aus der Wasserflasche und weiter geht es in sengender Mittagssonne an der Bahnstrecke entlang. Verdunstende Holzschutzmittel aus neuen Eisenbahnbohlen beißen ätzend in unsere Schleimhäute, wir schauen hinab auf den Autobahntunnel, der vor Göschenen beginnt. 17 km ist er lang und soll in zehn bis zwölf Jahren von einem noch längeren Tunnel übertroffen werden, an dem bereits gearbeitet wird. Länge: 57 km. Wir brauchen ihn nicht, wir steigen über die Berge! Versuchung in Göschenen:
Sollen wir, oder sollen wir nicht? Die Hotelterrasse des "Weißen Rössli" sieht so einladend aus, dass wir einstimmig für "ja" sind. Mittagessen. Ein Luxus, den wir uns normalerweise verweigern, Leser meines Buches "E1-Das Buch zum Weg" kennen unseren Wahlspruch "Ein voller Bauch marschiert nicht gern".
Deshalb gönnen wir uns auch nur eine leckere Vorspeise: Tagliatelle an Roquefort-Sauce - und sehen den schwarzen Stier von Uri lustig auf gelbem Grund aus einem Fenster flattern, noch weiter oben das ewige Eis eines Gletschers. Und über allem: ein strahlend blauer Himmel.
Gegen 13 Uhr verlassen wir den schattigen Platz, durchqueren Göschenen, müssen über ein Baustellen-Treppengerüst ungezählte Leiterstufen überwinden, kämpfen uns 300 Meter durch Lärm und Gestank der Autostraße, bevor wir auf der alten "kühn geschwungenen Steinbrücke, der Häderlinsbrücke, die früher die Grenze der Wegpflichten zwischen Urner und Andermatter
Säumern ausmachte" (so unser Kompass-Büchlein) stehen. Heutzutage kommen die Motorradwanderer, schießen ein schnelles Foto und düsen wieder weiter.
Ein knallroter Teufelskopf lockt uns als Wegzeichen steil bergan auf dem uralten Saumpfad.
Die Säumer arbeiteten seit dem 13. Jh. genossenschaftlich, jeder Bauer, der ein Pferd oder Maultier besaß, konnte gleichberechtigt mitmachen. Traglast eines Maultiers: 150 kg! Da kommen wir mit unseren paar Pfunden nicht mit. Wenn man dann noch an die Läuferboten denkt, die als erste Nachrichtenträger unterwegs waren, kam sicher ein reger Verkehr auf diesen scheinbar unbegehbaren Pfaden zusammen.
Wir hängen unseren Gedanken nach.
Es ist heiß.
Es ist steil.
Uns dürstet.
Wir trinken. Hand aufs Herz: Es bummert, als wollte es durch die Rippen brechen.
Schmetterlinge tanzen im Sonnenschein, Eidechsen huschen über den Weg, Schilder warnen vor Steinschlag. Wir quälen uns voran. Rechts ... links ... rechts ... links: mechanische Füße, nur nicht nachdenken. Die müden Augen suchen sich einen Weg im Gestein. Gehen und gehen und immer weiter gehen, oder besser: steigen. Durch die schroffen, steilen Felswände der Schöllenenschlucht, bis wir sie sehen, die 1830 erbaute Teufelsbrücke , von der die Legende berichtet, die Erst-Konstruktion um 1200 sei nur mit Hilfe des Teufels möglich gewesen, wofür dieser eine Seele forderte (das kennt man doch? Immer will der Teufel dasselbe! Hier sollte es die Seele des ersten Brückenüberschreiters sein. Was taten die pfiffigen alten Schweizer? Sie schickten eine Ziege hinüber!).
Stolz stehen nun wir in der Mitte und lassen uns von einem Motorradwanderer knipsen. Im Restaurant an der Brücke - es ist hier tatsächlich der Teufel los, wohl das beliebteste Sonntagsvergnügen weit und breit, der Parkplatz ist gut belegt - hängen Original-Schusswaffen von der großen Schlacht 1799, als hier der russische General-Feldmarschall Suwurow zusammen mit den Österreichern die Franzosen besiegte. Wir besiegen den Inneren Schweinehund und wandern nach einer kurzen Trinkpause durchs Urner Loch ,dem 1707 erbauten Tunnel hinein in den Skiort Andermatt. Ergebnis der Höhenmessung: 1436 m.
Ein Hotel ist schnell gefunden, ein Wintersportort bietet Betten in Hülle und Fülle und allen Preislagen. Im Sommer ist er nicht so schnell ausgebucht. Wir duschen und machen uns fein für den Ortsrundgang. In meiner umfangreichen Rucksackgarderobe findet sich eine weiße Hose mit passendem dunkelblauem T-Shirt, dazu leichte Sportschuhe. Im Hotel "Drei Könige und Post" lesen wir ein Anekdötchen über den illustren Gast von 1775, Goethe, der hier den kernigen Urner Alpkäse samt Wein (Barbera) verzehrt haben soll. Alle Plätze auf dem schattigen Balkon sind ausgebucht.
Unser Abend klingt mit einem leckeren Abendessen in dem Bewusstsein aus: "Morgen gehen wir über den Sankt Gotthard!" Der Ort ist wie leergefegt, die Sonntagstouristen abgefahren, nur vereinzelte Übernachtungsgäste schlendern noch durch die Straßen. Gute Nacht!

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Andermatt - Gotthard 12 km

Es rauscht. Es pladdert, das ist kein Fluss, das muss Regen sein: Der Blick aus dem Fenster bestätigt das trübe Hörerlebnis: Wolkenverhangen zeigen sich die Berge, was beim Rucksackpacken bedeutet: Regenjacken obenauf. Oder besser noch: gleich anziehen. Wir zögern den Aufbruch hinaus, kaufen Brötchen, packen um, bis gegen zehn Uhr kein Weg mehr daran vorbei führt, wir gehen los.
Am Bahnhof eine malerische Überraschung: die historische Reisepost kommt fünfspännig angefahren. Mit Hörnerklang werden wir aus dem Ort geleitet. Die Wolken hängen tief. Und fast ebenso tief hängt unsere Stimmung. Wie soll man bei solchem Wetter gute Laune haben? Wie gute Fotos machen? Da geht man einmal im Leben über den Sankt Gotthard Pass und wird mit Regen belohnt! Unser Weg führt leicht aufsteigend nach Hospental. Dort sehen wir den fünfspännigen Landauer wieder, der bereits die ersten Serpentinen in Angriff nimmt.

Auch eine Schweizer Schulklasse turnt vor uns bergan. Wir torkeln bedröhnt vom warmen Nieselwetter hinterher. Ein Schwein grunzt uns entgegen, wir nehmen es als gutes Zeichen (Glücksschwein!) und tatsächlich gönnt uns der Himmel von Zeit zu Zeit eine Ruhepause, so dass die Hosenbeine wieder trocknen können. Mittlerer Ehekrach, als Joachim eine Abzweigung wählt, die zwar kein Wegzeichen hat, aber seiner Meinung richtig ist. Ich - gehorsame Ehefrau - folge ihm obwohl ich anderer Meinung bin und werde nach 10 Minuten Falschwanderung bestätigt: Natürlich endet der Weg vor einer Liftstation und wir dürfen zurückmarschieren. Genau da bin ich nicht mehr gehorsame Ehefrau, sondern lasse alle nörgelnde Nervtöterei auf ihn niederprasseln, die ich angesammelt habe. Das könnte stundenlang so weitergehen, doch dann: Schwein gehabt, lässt sich die gelbe Sonne sehen, warm und kraftvoll schaut sie uns ins Gesicht, während wir uns auf einem - im wahrsten Sinne des Wortes beschissenen Weg vorwärtsbewegen. So viele, so unterschiedliche Kuhfladen - von dünner Suppe bis zu getrocknetem Biskuit - habe ich noch nicht gesehen (und wir Fernwanderer kennen uns aus mit Kuhfladen, das kann ich beschwören!). Erstaunlich für uns Flachländer, wie diese Bergkühe klettern können.

Die Wirtsdamen plaudern, nehmen keine Notiz von uns und scheinen nicht sehr scharf darauf zu sein, mit uns ins Geschäft zu kommen. Aber einen Apfelsaft bekommen wir trotzdem (Joachim trinkt hin und wieder auch sein geliebtes Bier, aber da sich einige Wanderer über unseren unangemessenen Bierkonsum mokiert haben, bin ich nicht mehr gewillt, ehrlich zu sein). Über duftende Blumenmatten geht es bergan weiter. Nicht so schlimm wie gestern aber stetig. Dass der Schweizer Käse so würzig ist, wundert uns beim Duft der Wiesen nicht mehr. Als wir in der prallen Sonne eine letzte Rast einlegen, ärgere ich mich doch noch über mich selbst. Wie konnte ich so dumm sein, heute morgen das Sonnenschutzmittel in den Papierkorb des Hotels zu pfeffern. Nur weil es ein bisschen regnete ...
Und dann - über die ewig feuchten Wege, über eiszeitlich glattgeschliffene Rundfelsen - stehen wir an den Bergseen oben auf dem Pass und umarmen uns. Foto in Siegerpose: Es ist geschafft.

Der höchste Punkt des E1 ist erreicht = 2091 m.
Natürlich wollen wir hier übernachten: Una sosta al passo del San Gottardo, wir sind im Tessin, ab hier wird Italienisch gesprochen!

Es wird Nacht auf dem Gotthard
Aus unserem Zimmerfensterchen sehen wir die historische Postkutsche nach Airolo abfahren (595 Franken kostet der Spaß von Andermatt bis Airolo inklusive Mittagessen, eine luxuriöse Tagestour für Reiche) .
Vor dem Abendessen schlendern wir hinüber zur Bronzeplastik des großen General-Feldmarschalls Suwurow. Groß ist allerdings eher sein Pferd und der Führer desselbigen. Suwurow selbst muss man sich als ein verhärmtes Männchen vorstellen, das sich verbissen in die Zügel krallt und in seine Pelerine gekuschelt auf dem Pferderücken sitzt.

Wir wollen noch mehr Geschichte vom Gotthardmassiv. Hier ist der Kreuzpunkt der vier schweizerischen Sprach- und Kulturbereiche, das Herzstück des Landes. Im "Museo Nazionale del San Gottardo" lassen wir uns in einer romantisch verklärten Diaschau schlau machen über das Auf und Ab der kürzesten Verbindung zwischen Nord- und Südeuropa: der St. Gotthardstraße. Viersprachig wird uns empfohlen, hier die Seele des Landes zu entdecken, penetrare e comprendere l'anima del Paese, to understand the spirit of the country ... Noch interessanter sind die vielen Schaukästen mit Zeugnissen über den langen und beschwerlichen Kampf des Menschen gegen die Natur, sein Ringen um Freiheit und sein Bestreben, diesen wichtigen Handels- und Verkehrsweg immer weiter auszubauen.
Liebevoll zusammengetragene Gegenstände wie Maultiergeschirre oder historische Zeichnungen und Karten, originalgetreue Läuferboten und auch ein Albergo-Zimmer von anno dazumal (mit Nachttopf): Hier könnte man Stunden zubringen. Der Gotthard hat seinen Reiz.
Und wir beiden, Joachim und ich, sind zu Fuß heraufgepilgert. Von Flensburg durch ganz Deutschland, weiter durch die Schweiz bis hier herauf. Stolz schwellt unsere Brust, doch draußen weht ein kühler Wind. Schnell hinein in die Kapelle! "Oh, ist die aber einfach ausgestattet!" sagt Joachim und erschrickt. Die Akkustik ist überwältigend. Seine Stimme hallt, wir trauen uns nur noch zu flüstern. Doch selbst das Flüstern klingt wunderbar. Wie muss hier erst ein Lied klingen. Ich summe, ganz leise, werde lauter, singe ein Kirchenlied. Eine so schöne Stimme hatte ich noch nie.
"Wihihihihir glaubehen all an einen Gott, Schöpfer Himmels und der Erden ..."
Davon wird mir richtig warm und ich habe plötzlich riesigen Hunger. So betreten wir die Gaststube des Albergo, bestellen Jägerschnitzel und etwas zu trinken und schauen durchs Fenster dem ständig wechselnden Wetter zu. Nebelschwaden wehen übers Gelände, alles verschwimmt, selbst der Fahnenmast vor dem Fenster ist wie ausradiert. Vereinzelte Gäste finden noch ihren Weg hier herauf, mit Auto, Motorrad oder Wohnmobil. Es werden immer weniger, die Bediensteten finden sich an einem runden Tisch zusammen, trinken Rotwein und lassen den Tag ausklingen. Genau wie wir. Wir feiern unseren Triumph, allen Abstinenzlern zum Trotz mit Enzian und Bier und landen mit der nötigen Bettschwere in unserem uriges Zimmer mit der bunten Deckenbemalung und den rustikalen Holzbetten. Das Wetter? Wir hören noch den Wind sausen, träumen vom Auf und Ab, von Kühen und Butterblumen und schlummern tief und fest.

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Sankt Gotthard - Airolo, 6 km

Kalt ist der Morgen, als wir nach dem Frühstück auf urigen Holzbänken - Selbstbedienung im Museums-Restaurant - um Punkt 8:10 Uhr vor dem Albergo einen letzten Blick hinauf zum oberen Fenster werfen, hinter dem wir gerade noch im geheizten Zimmer all unsere Habseligkeiten in den Rucksack gestopft haben, bevor wir mit dem steilen Abstieg beginnen. Die Mini-Tube Zahnpasta ist fast leer, auch Haarwaschmittel und sonstige Kosmetikartikel in Kleinstformat haben bis zum letzten Tag gereicht. Wieder einmal können wir Blasenpflaster und unser geliebtes Super-Allheilmittel "Klosterfrau Melissengeist" ungebraucht nach Hause tragen: Wir freuen uns auf die letzte harte Strecke hinunter zum Bahnhof von Airolo.
Wie gut, dass Augen, Beine und Füße frisch und ausgeruht sind! Es geht über wahrhaft steinige Strecken. Von unserer Höhe 2091 m = 6860 ft. müssen wir hinunter auf 1175 m zum diesjährigen Endetappen-Ziel.
Während sich die alte Pass-Straße für die Motorisierten in weiten Serpentinien am Berg entlangwindet, sind unsere Wegzeichen weiß-rot-weiß meist an der Falllinie gepinselt, also Abkürzung! An einigen Stellen ist der Untergrund nass und glitschig, intensiver Stockeinsatz schont die Knie, kündigt aber schon jetzt Muskelkater im Trizeps des rechten Oberarms an. Immer wieder genießen wir atemberaubende Ausblicke, während wir durchs Val Tremola, durchs "Tal des Zitterns" hinabsteigen. Je tiefer wir kommen, desto wärmer wird es. Vorbei an uraltem Schnee, weiß-braunem Kokosnuss-Schnee, der an schattigen Stellen übersommert hat, von Zeit zu Zeit ein Motorrad-Fahrer, sonst Stille.
Über Motto di dentro und Motto Bartola, 1527 m steigen wir in die Leventina hinunter, einem Haupttal auf der Alpensüdseite. Auch hier läuten uns die Kuhglocken den Wegtakt. Auf einer Bank mit Blick auf Airolo zitiere ich aus "Wilhelm Tell".
Tell, kaum zurück vom Mord an Gessler, gibt gerade Johannes Parricida, dem Herzog von Schwaben, (der hat seinen Onkel, König Albrecht auf dem Gewissen), gute Ratschläge für den Fluchtweg. Wir können diesen Weg nun bestens nachvollziehen, haben wir die längste Strecke doch bereits hinter uns:
Wenn Ihr sie glücklich hinter Euch gelassen,
So reißt ein schwarzes Felsentor sich auf,
Kein Tag hat's noch erhellt - da geht Ihr durch,
Es führt Euch in ein heitres Tal der Freude -
Doch schnellen Schritts müsst Ihr vorübereilen,
Ihr dürft nicht weilen, wo die Ruhe wohnt. (...)
So immer steigend kommt Ihr auf die Höhen
Des Gotthards, wo die ew'gen Seen sind,
Die von des Himmels Strömen selbst sich füllen.
Dort nehmt Ihr Abschied von der deutschen Erde,
Und muntern Laufs führt Euch ein andrer Strom
Ins Land Italien hinab, Euch das gelobte - "
Die Landesgrenzen sind heutzutage zwar etwas anders auf der Landkarte eingezeichnet, aber Schiller hat den Weg nicht schlecht beschrieben. (Vor allem viel kürzer als ich) Reuss, Teufelsbrücke, Urner Loch, die ewigen Seen auf dem Gotthard: Sein Text gibt Zeugnis von allen Stationen, die wir auf dieser Wanderung kennen gelernt haben. Die Tatsache, dass Schiller bereits das Urner Loch erwähnt, macht Wilhelm Tell zusätzlich zum Meisterschützen noch zu einem Hellseher, denn dieser Tunnel wurde erst 1707 in den Fels gesprengt. Schiller durfte ihn kennen, Wilhelm Tell noch nicht. Aber bei Weltliteratur sollte man nicht kleinlich sein ...

Unter uns liegt Airolo mit Häusern im mediterranen Pastellputz und Flachdächern, wir können die Bahnschienen ausmachen und wissen: In ein, zwei Stunden werden wir im Zug nach Zürich sitzen. Vorher lassen wir noch eine Cola im Bahnhofs-Restaurant in unsere durstigen Kehlen gluckern, nachdem wir heroisch an den Tafeln der Hotels mit angekündigten piatti principali (Hauptgerichten) vorbeigeschlichen sind.


Die Zugfahrt dauert eine Stunde bis Brunnen, von wo wir gestartet sind. Viereinhalb Tage haben wir zu Fuß gebraucht. Nun fahren wir direkt in den Gotthard-Tunnel hinein und sehen nichts von all der Schönheit! Erst kurz vor Göschenen kommen wir wieder ans Tageslicht, rasen über die Eisenbahnbohlen, die uns mit ihrem Gestank so reizten. Unser Wagen ist fast leer, so können wir von einer Seite zur anderen springen und mit Oh und Ah und "Hast du eben die Kirche von Wassen gesehen" noch einmal die durchwanderten Strecken an uns vorbeifliegen lassen. Die Kirche von Wassen sehen wir dreimal, zwischendurch geht es durch Tunnels, der Zug schraubt sich unterirdisch in die Tiefe. Wir schrauben die Teleskop-Wanderstöcke auf Minimallänge und freuen uns aufs nächste Frühjahr. Dann geht es weiter.

In der gleichen Homepage finden Sie auch die Fortsetzung der Wanderung von Airolo bis Morcote. Sehr empfehlenswert!

Karten und Links

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Weiter nach Chiasso:  Wer den Europäischen Weitwanderweg E 1 durch die Schweiz gewandert ist und  seine Informationen gerne weitergibt, sende bitte ein Mail an: info@wandersite.ch


Unterkunftsmöglichkeiten und Infos speziell für die Schweiz:

Wer gedruckte Unterkunftslisten sucht, findet eine Anzahl davon in der Bücherliste.

Allgemeine Dokumentation zu den Europäischen Fernwanderwegen:
 



Sind sie diese Trekkingroute gewandert? Dann freuen wir uns über Ihre Rückmeldung und allfällige Korrekturen: info@wandersite.ch
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